Stand: 24.07.2017 15:41 Uhr  | Archiv

Vitaminzusatz im Essen: Nicht immer gesund

Lebensmittelzusätze auf einer Verpackung gekennzeichnet.
Vielen Lebensmitteln werden Zusatzstoffe beigefügt.

"Extra Vitamine", "besonders fettarm", "gut für die Knochen": Die Lebensmittelindustrie ist mit gesundheitsbezogenen Aussagen auf Lebensmitteln, sogenannten Health-Claims, erfolgreich. Zwei Studien der Universität Kassel haben gezeigt, dass Verbraucher bevorzugt Lebensmittel kaufen, die ein besonderes Plus für die Gesundheit versprechen. Sie lassen sich unbewusst von Aufschriften wie "Vitamine" oder "Mineralstoffe" leiten und glauben, sich damit etwas Gutes zu tun. Dabei entpuppen sich die Gesundheitsversprechen oft als irreführend. Die Lebensmittel sind nicht gesünder, sondern können im schlimmsten Fall sogar schaden.

EU prüft Werbeaussagen

Genau das sollte die Health-Claims-Verordnung der Europäischen Union von 2012 eigentlich verhindern. Demnach müssen alle gesundheitsbezogenen Werbeaussagen vorher wissenschaftlich überprüft werden. Die Europäische Lebensmittelbehörde EFSA erteilt dann die Genehmigung und nur dann dürfen die Aussagen von der Industrie verwendet werden. Die EU-Behörde sieht Gesundheitsversprechen zum Beispiel in Bezug auf Kalzium wissenschaftlich als gut begründet, denn Kalzium ist für die Blutgerinnung wichtig oder für die Funktion der Muskeln. Auch Produkte mit Vitaminen dürfen mit diversen Gesundheitsversprechen werben, schließlich sind sie für den Körper nachweislich wichtig.

Zusätze werden isoliert betrachtet

Das Problem: Es werden oft nur isoliert einzelne Zusätze, wie zum Beispiel der Vitaminanteil, nicht aber das ganze Produkt betrachtet. Das bedeutet, dass Lebensmittel mit einem hohen Zuckeranteil mit einem gesundheitsbezogenen Spruch beworben werden dürfen - nur weil sie besonders viel Vitamin C, Kalzium oder Magnesium enthalten. Das heißt, die Industrie setzt Produkten, zum Beispiel Wellness-Getränken oder Müslimischungen, künstlich Vitamine oder Mineralstoffe zu - nur um diese mit den Slogans "für das Immunsystem", "Mineralhaushalt ausgleichen" oder "Muskelfunktion unterstützen" anpreisen zu können. Das bringt einen Imagegewinn und ist dazu günstig: 100 Milligramm Vitamin C kosten zum Beispiel nur 0,1 Cent.

Gefahr der Manipulation

Experten sehen in der EU-Regel daher fast schon eine Einladung zur Manipulation der Nahrungsmittel: Ein Schokoladenpudding erfährt durch ein paar Milligramm Vitamin C eine wundersame Wandlung: Schon darf der Hersteller mit einem ganzen Bündel von Claims werben, wofür der Pudding gut ist: Blutgefäße, Immunsystem, Knochen, Zähne, Zahnfleisch, Knorpel, Haut, Nervensystem, Stoffwechsel und die Psyche. Zudem schütze er vor Müdigkeit und oxidativem Stress. Es gibt eine Vielzahl von Produkten, die mit Vitaminen angereichert werden, obwohl wir gar keine Unterversorgung an diesen Vitaminen haben. Das heißt, diese Claims bedeuten eine Werbewirksamkeit, aber nicht wirklich einen Vorteil für die Verbraucher. Mit dem hohen Zuckergehalt in vielen Produkten wird natürlich nicht geworben.

Überversorgung kann schaden

Und nicht nur das Zuviel an Zucker ist ungesund - künstlich beigemengte Vitamine können sogar schädlich sein:

  • So kann zum Beispiel zu viel Vitamin B bei Diabetikern zu Nierenschäden führen.
  • Eine Überversorgung mit Kalzium steht im Verdacht, Gefäßverkalkung zu fördern und damit die Gefahr eines Herzinfarkts zu erhöhen.

Experten warnen, dass wirklich Gesundes aus dem Bewusstsein der Verbraucher gerät, weil sie glauben, mit den Zusätzen in den Lebensmitteln Gemüse oder Vollkornprodukte ersetzen zu können.

Experten raten zu ausgewogener Ernährung

Ernährungsmediziner raten zu einer ausgewogenen Ernährung, denn natürliche Lebensmittel brauchen keine Zusätze. Wer zum Beispiel ausreichend Salat, Gemüse und Milchprodukte zu sich nimmt, braucht kein extra Kalzium. Industriell beigefügte Vitamine und Mineralstoffe nutzen also in der Regel nicht unserer Gesundheit, sondern nur den Geldbeuteln der Lebensmittelhersteller.

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