Stand: 09.04.2018 11:33 Uhr

Süße Getränke: Ist eine Zuckersteuer sinnvoll?

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Limonaden gehören zu den gefährlichsten Dickmachern.

Weil Zucker viele Menschen krank macht, fordern Mediziner und Verbraucherschützer in Deutschland die Einführung einer Steuer auf zuckerhaltige Getränke. In anderen Ländern gibt es längst Steuern auf Produkte, die Fehlernährung, Fettleibigkeit und Diabetes fördern - zum Beispiel in Irland, Portugal, Estland Belgien, Norwegen Mexiko, Südafrika und Frankreich. In Großbritannien wurde im April 2018 die Einführung einer Zuckersteuer auf Limonaden beschlossen.

Zuckerwürfel sind wie eine Pyramide gestapelt, im Hintergrund sieht man eine bekannte Orangen-Limo.

Süße Getränke: Ist eine Zuckersteuer sinnvoll?

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Weil Zucker viele Menschen krank macht, fordern Ärzte und Verbraucherschützer eine Steuer auf zuckerhaltige Limonaden. In anderen Ländern gibt es bereits eine Zuckersteuer.

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Limonaden machen Appetit auf mehr Zucker

Im Gegensatz zu Kalorien aus fester Nahrung machen Kalorien aus zuckerhaltigen Getränken nicht satt. Denn sie bringen das System, das das Hungergefühl steuert, durcheinander:

  • Der Zucker gelangt schnell ins Blut und treibt den Blutzuckerspiegel in die Höhe.
  • Die Bauchspeicheldrüse produziert mehr Insulin. Das Hormon sorgt dafür, dass die Glukose aus dem Blut in die Zellen aufgenommen wird und der Blutzuckerspiegel wieder sinkt.
  • Weil der Blutzuckerspiegel sinkt, bekommen viele Menschen wieder mehr Appetit auf Zucker - und sie trinken noch mehr Limo.

Insulinresistenz durch Limonaden

Bei Übergewicht und Bewegungsmangel können zuckerhaltige Getränke das System überfordern. Im Fettgewebe entstehen Entzündungsstoffe, die die Oberfläche der Zellen verändern. Das macht sie unempfindlich für das Insulin. Die Folge: Zuckermoleküle werden nicht mehr in die Zellen aufgenommen, sondern bleiben im Blut - der Blutzuckerspiegel steigt an.

Ärzte sprechen von einer Insulinresistenz. Anders als beim Diabetes Typ 1 ist das Insulin zwar vorhanden, wirkt aber nicht. Unerkannt und unbehandelt schädigt der Blutzucker mit der Zeit die Blutgefäße, vor allem die kleinen Arterien. Das ist eine große Gefahr für Herz, Nieren, Augen und die gesamte Durchblutung: Zu den typischen Spätfolgen der Erkrankung gehören Herzinfarkt, Schlaganfall, Nierenversagen, Erblindung und Nervenschäden.

Zuckergehalt von Getränken (pro 0,3-Liter-Glas)
GetränkAnzahl Zuckerwürfel
Bio-Limonade7
Fanta9
Apfelsaft10
Coca Cola10
Orangina10
Vilsa Limette11
Coca Cola Limette11

Ein Zuckerwürfel wiegt durchschnittlich rund drei Gramm. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt maximal 25 Gramm Zucker pro Tag. Mit einem Glas Fanta ist die Menge bereits überschritten.

Kinder und Jugendliche besonders gefährdet

Laut einer Studie des Robert Koch-Instituts ist jeder vierte bis fünfte Deutsche stark übergewichtig. Besonders unter jungen Menschen zwischen 18 und 29 Jahren ist die Zahl der Fettleibigen stark angestiegen. Starkes Übergewicht erhöht das Risiko für Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs.

Einer amerikanischen Studie zufolge sind Kinder, die vier oder mehr zuckerhaltige Getränke pro Tag trinken, häufiger aggressiv oder auffällig. Ob das am Zucker oder an anderen Inhaltsstoffen wie Koffein oder Farbstoffen liegt, wurde allerdings nicht untersucht.

Hersteller in Großbritannien senken Zuckergehalt

In England müssen die Hersteller für kohlesäurehaltige Getränke, die mehr als fünf Gramm Zucker pro 100 Milliliter enthalten, pro Liter 21 Cent Steuern zahlen - ab acht Gramm sogar 28 Cent. Fast alle Hersteller haben schon auf die Ankündigung der Steuer reagiert und ihre Rezepturen verändert: Zum Beispiel enthielt Fanta in Großbritannien vorher 6,9 Gramm Zucker pro 100 Milliliter, jetzt 4,6 Gramm. In Deutschland enthält Fanta rund neun Gramm Zucker pro 100 Milliliter. Da in England nur der Zuckergehalt besteuert wird, weichen die Hersteller auf andere Süßungsmittel aus. Kritiker mahnen, es wäre sinnvoll, insgesamt weniger Süße zu verwenden, weil sich auch Süßstoffe negativ auf die Gesundheit auswirken können.

Ernährungsministerin lehnt Zuckersteuer ab

Verbraucherschützer sehen die Zuckerabgabe in England als einen wichtigen Schritt und fordern eine Zuckersteuer auch in Deutschland. Doch Ernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) lehnt die Steuer für zuckerhaltige Limonaden ab. Sie ist der Ansicht, dass man damit das Thema Fehlernährung nicht in den Griff bekommen werde. Einige Experten fordern, ungesunde Lebensmittel höher zu besteuern und gleichzeitig Gemüse und andere gesunde Nahrungsmittel von der Steuer zu befreien. Laut einer Hamburger Studie ließe sich damit der Anteil stark übergewichtiger Menschen in Deutschland um zehn Prozent senken.

Interviewpartner

Armin Valet
Referent für Öffentlichkeitsarbeit – Abteilung Lebensmittel und Ernährung
Verbraucherzentrale Hamburg e.V.
Kirchenallee 22, 20099 Hamburg
Tel. (040) 24832-0, Fax (040) 24832-290
Internet: www.vzhh.de

Dr. Matthias Riedl, Internist, Diabetologe, Ernährungsmediziner             
Diabetes Zentrum Berliner Tor
Medicum Hamburg GbR
Beim Strohhause 2, 20097 Hamburg
Tel. (040) 80 79 79-0, Fax (040) 80 79 79-300
Internet: www.medicum-hamburg.de

Dr. Heidi Lankers, Fachärztin für Allgemeinmedizin,
Diabetologie, Ernährungsmedizin
Zentrum für Diabetologie Bergedorf
Glindersweg 80, Haus E, 21029 Hamburg Bergedorf
Tel. 040 / 85 40 51-0
Internet: www.diabeteszentrum-hamburg-ost.de

Dipl. oec. troph. Dorit Roeper
Leiterin Adipositas-Zentrum Wilhelmsburger Krankenhaus Groß Sand
Groß Sand 3, 21107 Hamburg
Tel. (040) 75 20-53 07, Fax (040) 75 20-52 09
Internet: www.krankenhaus-gross-sand.de

Weitere Informationen
foodwatch e.V.
Der Coca-Cola-Report
Internet: www.foodwatch.org

Deutsche Gesellschaft für Ernährung e. V.
Internet: www.dge.de

Online-Portal Diabetes Deutschland
Internet: www.diabetes-deutschland.de

Deutsche Diabetes Gesellschaft e.V.
Albrechtstraße 9, 10117 Berlin
Internet: www.deutsche-diabetes-gesellschaft.de

Deutscher Diabetiker Bund e.V.
Käthe-Niederkirchner-Straße 16, 10407 Berlin
Internet: www.diabetikerbund.de

Robert-Koch-Institut
Studie Übergewicht und Adipositas
Internet: www.rki.de

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