Stand: 07.05.2018 15:37 Uhr  | Archiv

Rezeptfreie Medikamente mit Nebenwirkungen

Pflanzliche Medikamente © colourbox Foto: Phimchanok
Auch pflanzliche Medikamente können schwere Nebenwirkungen hervorrufen.

Frei verkäufliche Medikamente zur Selbstbehandlung sind beliebt: 750 Millionen Packungen werden pro Jahr in Apotheken und Drogeriemärkten verkauft. Doch die Risiken und Wechselwirkungen werden oft unterschätzt: Auch bei frei verkäuflichen Medikamenten können Organschäden, Vergiftungen, Abhängigkeiten und vor allem gefährliche Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln auftreten.

Leberschäden durch pflanzliche Heilmittel

Pflanzliche Präparate können zu Leberschäden führen. Sie werden oft als Nahrungsergänzungsmittel zugelassen und sind deshalb nicht so gut geprüft und überwacht wie Arzneimittel. Zudem haben viele Präparate nur eine Pflanze deklariert und viele andere beigemischt. Die Kombination kann die Leber zusätzlich belasten. Oft werden Leberschäden zufällig bei Blutuntersuchungen oder erst sehr spät entdeckt, wenn das Organ kaum noch zu retten ist.

Nebenwirkungen von pflanzlichen Arzneimitteln

Ein beliebtes Hustenmittel aus dem Extrakt einer afrikanischen Geranienart führt in seltenen Fällen zu einer schweren Leberentzündung (Hepatitis). Das Risiko veranlasste das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), seit 2014 vor dem Wirkstoff Pelargonium zu warnen. Inzwischen stehen mögliche Leberschäden bei Pelargonium-Präparaten auf dem Beipackzettel, bei anderen Präparaten aber nicht - zum Beispiel beim Magenmittel Iberogast, einem Cocktail aus neun Pflanzen, darunter Schöllkraut.

Bislang weigert sich der Hersteller, einen Hinweis auf das Leberrisiko in den Beipackzettel mit aufzunehmen, obwohl die leberschädigende Wirkung von Schöllkraut seit 30 Jahren diskutiert wird. Nach Ansicht des Herstellers ist die Dosierung des Schöllkrauts so niedrig, dass sie unbedenklich sei. Pharmakologen bezweifeln das.

Schmerzmittel mit schweren Nebenwirkungen

Besonders beliebt in der Eigentherapie sind Schmerzmittel: 12 der 20 meistverkauften Medikamente sind Schmerzmittel und 1,5 Millionen Deutsche nehmen sie täglich ein. Nicht selten sind Magen- und Darmgeschwüre, Nierenschäden, Herzinfarkte und Suchtkrankheiten auf eine Selbstmedikation mit Schmerzmitteln zurückzuführen.

Schätzungen zufolge sterben in Deutschland pro Jahr 2.000 Menschen an den Nebenwirkungen von Schmerzmitteln. Vermutlich liegt die Zahl noch höher, denn bei Herzinfarkten oder Schlaganfällen denken viele nicht an Schmerzmittel als mögliche Ursache.

Experten empfehlen im Umgang mit Schmerzmitteln die 10-20-Regel: An weniger als zehn Tagen im Monat darf ein Schmerzmittel genommen werden, an 20 Tagen keins. Wer mehr benötigt, sollte seinen Umgang mit Schmerzen überdenken und einen Arzt um Rat fragen.

Werbung führt zu unkritischem Einsatz

Viele Experten stört vor allem die Werbung für rezeptfreie Mittel. Jedes zweite in Deutschland verkaufte Medikament ist frei verkäuflich, obwohl gewissenhafte Apotheker eher selten dazu raten. Doch viele Kunden vertrauen den Versprechen in der Werbung mehr als dem Rat ihres Apothekers.

Weitere Informationen
Eine Frau holt ein Medikament aus einer Hausapotheke © imago/blickwinkel

Was gehört in die Hausapotheke?

Ob Pflaster, Schmerztablette oder Nasenspray: Um für kleine Notfälle gerüstet zu sein, haben die meisten von uns eine Hausapotheke. Was sollte drin sein, was besser nicht? mehr

Tabletten © Fotolia.com Foto: BillionPhotos.com

Rezeptfreie Schlafmittel sind nicht harmlos

Als harmlos und völlig unbedenklich gelten frei verkäufliche Schlafmittel aus der Apotheke. Doch Experten warnen besonders vor Präparaten mit dem Wirkstoff Doxylamin. mehr

Tabletten einzeln und im Blister © Fotolia.com Foto: monropic

Diclofenac: Schmerzmittel mit Nebenwirkungen

Viele Schmerzmittel versprechen schnelle Besserung, aber die Nebenwirkungen werden oft unterschätzt. Dies gilt auch für die Medikamente Ibuprofen, Diclofenac und Naproxen. mehr

Interviewpartner

Prof. Dr. Bernd Mühlbauer, Direktor
Institut für Pharmakologie
Klinikum Bremen-Mitte
St.-Jürgen-Straße 1, 28177 Bremen
Internet: www.pharmakologie-bremen.de

Prof. Dr. Gerd Glaeske, Pharmakologe
SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik
Universität Bremen
Mary-Somerville-Straße 3, 28359 Bremen
Internet: www.socium.uni-bremen.de

Dr. Richard Klämbt, Apotheker
Vize-Präsident der Apothekerkammer Bremen
St.-Gotthard-Apotheke
St.-Gotthard-Straße 3, 28325 Bremen
Internet: www.st-gotthard-apotheke.de

Prof. Dr. Johann Ockenga, Klinikdirektor
Medizinische Klinik II - Gastroenterologe und Hepatologie
Klinikum Bremen-Mitte
St.-Jürgen-Straße 1, 28177 Bremen
Internet: www.gesundheitnord.de

Dr. Rainer Günther, Oberarzt
Bereichsleitung Hepatologie, MHM
Klinik für Innere Medizin I
Universitätsklinikum Schleswig-Holstein - Campus Kiel
Arnold-Heller-Straße 3, 24105 Kiel
Internet: www.uksh.de

Prof. Dr. Dipl.-Psych. Hartmut Göbel, Facharzt für Neurologie, spezielle Schmerztherapie, Psychotherapie
Schmerzklinik Kiel
Heikendorfer Weg 9-27, 24149 Kiel
Tel. (0431) 200 99-0, Fax (0431) 200 99-109
Internet: www.schmerzklinik.de

Dieses Thema im Programm:

Visite | 08.05.2018 | 20:15 Uhr

Mehr Gesundheitsthemen

Grafische Darstellung eines Coronavirus © COLOURBOX Foto: Volodymyr Horbovyy

Corona-Pandemie: Wie ist die aktuelle Lage?

Bisher gibt es keinen deutlichen Rückgang bei der Zahl der Neuinfektionen, die Zahl der Intensivpatienten steigt. mehr

Hanfpflanzen © Colourbox Foto: Mykola Mazuryk

Hanf: Vielseitige Nutzpflanze für die gesunde Küche

Die Nutzpflanze wird zur Herstellung ganz unterschiedlicher Produkte genutzt. Vor allem die Samen gelten als äußerst gesund. mehr

Ein Frau hält sich vor Schmerzen das Handgelenk. © Colourbox Foto: Motortion

Rheuma: Organbeteiligung wird häufig übersehen

Bei entzündlich-rheumatischen Erkrankungen ist das Immunsystem fehlgesteuert. Abwehrstoffe richten sich gegen körpereigenes Gewebe. mehr

Eine Person mit blauen Schutzhandschuhen hält eine Pipette in der Hand © Colourbox

Antikörper-Therapie gegen Corona: Wie weit ist die Forschung?

Die klinischen Erfahrungen mit der Übertragung von Blutplasma sind vielversprechend. Große Studien fehlen allerdings. mehr

Der Virologe Prof. Christian Drosten und die Virologin Prof. Sandra Ciesek (Montage) © picture alliance/dpa, Universitätsklinikum Frankfurt Foto: Christophe Gateau,

Coronavirus-Update: Podcast mit Christian Drosten & Sandra Ciesek

Hier finden Sie alle bisher gesendeten Folgen zum Nachlesen und Nachhören sowie ein wissenschaftliches Glossar und vieles mehr. mehr