Plötzliche Schlafattacken: Narkolepsie wird oft übersehen

Stand: 10.11.2020 15:29 Uhr

Narkolepsie ist eine unheilbare Erkrankung, die sich durch extreme Tagesschläfrigkeit auszeichnet. Bei den Betroffenen ist das Gehirnareal gestört, das den Schlaf-Wach-Rhythmus steuert.

Narkoleptiker schlafen plötzlich und in unmöglichsten Situationen ein, beispielsweise beim Essen, am Schreibtisch oder mitten im Gespräch. Narkolepsie gehört zur Gruppe der Schlafsucht (Hypersomnie). Schätzungen zufolge leiden rund 40.000 Menschen in Deutschland unter Narkolepsie. Allerdings ist die Dunkelziffer sehr hoch, da bis zur richtigen Diagnose oft mehrere Jahre vergehen.

Narkolepsie beeinträchtigt Betroffene stark

Die Symptomatik ist individuell sehr verschieden. Erste Beschwerden treten meistens schon in der Jugendzeit auf. Die Erkrankung beeinträchtigt die Betroffenen in ihrem Arbeits- und Berufsleben stark. Je nach Schwere der einzelnen Symptome kann es sogar zur Berufs- und Erwerbsunfähigkeit kommen. Durch fehlendes Verständnis im sozialen Umfeld gibt es nicht selten psychische Folgeerkrankungen, insbesondere depressive Entwicklungen.

Symptomatik ist individuell verschieden

Extreme Tagesschläfrigkeit mit heftigem Schlafdrang ist das Hauptsymptom, das bei allen Betroffenen auftritt. Werden Narkoleptiker von extremer Schläfrigkeit übermannt, wird ihr Gang unsicher (Schwanken oder Torkeln), die Aussprache oftmals undeutlich (Lallen) und sie bekommen einen glasigen Blick. Da das wirkt, als seien Betroffene alkoholisiert, hat das Umfeld oft wenig Verständnis. Bestimmte Situationen verstärken den Schlafdrang:

  • Dämmerlicht, beispielsweise in abgedunkelten Räumen (Vorträge, Kino)
  • Monotone, gleichförmige Situationen (zum Beispiel Bahnfahren)
  • Passivität (langes Sitzen oder Zuhören).

Bei 80 bis 90 Prozent der Betroffenen kommt zur Narkolepsie noch eine Kataplexie hinzu: Die Muskeln erschlaffen, weil urplötzlich die Kontrolle über den Muskeltonus verloren geht. Betroffene sacken bei vollem Bewusstsein zusammen oder fallen hin. Oft sind nur einzelne Muskelpartien betroffen, wie zum Beispiel in Händen und Armen oder in der Kiefer- und Mundmuskulatur. Eine Kataplexie dauert meist nur wenige Sekunden und wird in der Regel durch heftige Gefühlsregungen (Lachen, Freude, Überraschung, Angst) ausgelöst. Anschließend können sich Narkoleptiker meistens an alles erinnern, was währenddessen passiert ist.

Rund 50 Prozent der Narkoleptiker sind von gestörtem Nachtschlaf betroffen. Das Symptom entwickelt sich erst im Verlauf der Erkrankung. Betroffene wachen nachts oft auf oder liegen lange wach. Einige Narkoleptiker leiden unter Bewegungsdrang (motorische Unruhe) und Albträumen, manche schlafwandeln oder sprechen im Schlaf.

Schlaflähmungen treten bei rund 50 Prozent der Betroffenen auf. Beim Übergang vom Wach-Zustand zum Schlafen oder umgekehrt können sie sich nicht bewegen und sprechen. Schlaflähmungen dauern Sekunden bis einige Minuten und lösen extreme Ängste aus. Sie enden meist spontan, man kann sie aber auch stoppen, indem man Betroffene anspricht oder berührt.

Halluzinationen erleben bis zu 50 Prozent der Betroffenen. Die Sinnestäuschungen können beim Übergang vom Wach- zum Schlaf-Zustand (hypnagoge Halluzinationen) oder umgekehrt beim Aufwachen (hypnopompe Halluzinationen) auftreten und dauern meistens wenige Minuten.

Automatisches Verhalten kann auftreten, wenn Narkoleptiker versuchen, das Einschlafen zu verhindern. Sie führen dann begonnene Handlungen einfach weiter aus. Das kann zu gefährlichen Situationen führen, weil sie dabei ihre Umwelt nicht mehr registrieren, beispielsweise, wenn ein Narkoleptiker eine Straße bei roter Ampel überquert und nicht auf den Verkehr achtet. Auch im Haushalt führt das oft zu Verletzungen. An das automatische Verhalten erinnern sich Narkoleptiker meist nicht.

Weitere Begleiterscheinungen einer Narkolepsie können Kopfschmerzen, Migräne, Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen, Unfälle, Depressionen, Potenzstörungen und Persönlichkeitsveränderungen sein.

Orexin-Mangel im Gehirn

Die Ursache der Erkrankung ist noch nicht abschließend geklärt. Es scheint eine genetische Veranlagung zu bestehen. Möglicherweise kommt auch eine Autoimmunreaktion als Ursache der Beschwerden infrage. Untersuchungen haben gezeigt, dass bei Betroffenen ein Mangel eines Botenstoffes im Gehirn besteht. Dieser Neurotransmitter (Orexin) wird im Hypothalamus des Zwischenhirns produziert. Es ist verantwortlich für die Regulation des Schlaf-Wach-Rhythmus und hat Einfluss auf das Essverhalten.

Diagnose und Behandlung der Narkolepsie

Neurologen und Schlafmediziner setzen zur Anamnese Schlaf-Fragebögen und -Tagebücher ein. Bei der Polysomnografie werden im Schlaflabor nachts kontinuierlich unterschiedlichste Körperfunktionen überwacht und Hirnkurven, Muskelaktivität, Herzfunktion und Augenbewegungen während des Schlafs aufgezeichnet. Mithilfe dieser Daten lässt sich ein Schlafprofil erstellen. Weitere Methoden sind die Untersuchung der Einschlafneigung, eine Bestimmung des Hormonspiegels und gegebenenfalls Aufnahmen des Gehirns.

Medikamente können Symptome beeinflussen

Bislang ist die Narkolepsie nicht heilbar. Mithilfe von Medikamenten lassen sich die Symptome zwar beeinflussen, nicht aber vollständig beseitigen. Die Therapie der Narkolepsie besteht bislang vorrangig aus dem Anpassen von Tages- und Lebensabläufen an die entsprechende Symptomausprägung. Unterstützend kommen Medikamente zur Milderung der Tagesmüdigkeit mit Wirkstoffen wie Methylphenidat oder Modafinil und trizyklische Antidepressiva (Fluoxetin) oder Serotonin-Wiederaufnahmehemmer zum Einsatz.

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Expertin zum Thema

Prof. Dr. Sylvia Kotterba, Chefärztin
Abteilung Geriatrie
Klinikum Leer gGmbH
Augustenstraße 35-37
26789 Leer
www.klinikum-leer.de/kliniken/geriatrie

Dieses Thema im Programm:

Visite | 10.11.2020 | 20:15 Uhr

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