Stand: 22.06.2020 18:13 Uhr  | Archiv

Osteoporose: Wirbelbruch-OP oft unnötig

Röntgenaufnahmen einer Wirbelsäule © fotolia Foto: digitalefotografien
Bei einem Wirbelbruch raten viele Ärzte zur Operation.

Osteoporose ist eine häufige Ursache für den Bruch eines Wirbelkörpers. Gebrochene Wirbel sind äußerst schmerzhaft, denn an ihrer Oberfläche befindet sich eine sehr empfindliche Knochenhaut. Weil ein Wirbelbruch nicht geschient werden kann, reizen kleinste Bewegungen die Nerven und verursachen Schmerzen.

Jahrelang wurden gebrochene Wirbelkörper mit Knochenzement regelmäßig stabilisiert und aufgerichtet. Doch bei einem Wirbelbruch durch Osteoporose sind nach Ansicht von Experten neun von zehn Operationen unnötig. Denn der Eingriff birgt Risiken, gerade für ältere Betroffene, die Operationen nicht mehr so gut verkraften.

Wirbel operieren: Kyphoplastie und Vertebroplastie

Für die Operation bei einem Wirbelbruch durch Osteoporose gibt es zwei Verfahren. Sinnvoll sind sie nach Ansicht von Experten nur dann, wenn konservative Therapien mit starken Schmerzmitteln nicht anschlagen.

  • Vertebroplastie: Der Knochenzement wird bei diesem älteren Verfahren direkt in den defekten Wirbelkörper gedrückt. Durch den hohen Druck kann der Zement unter Umständen ins umliegende Gewebe austreten, in das Gefäßsystem gelangen und eine Lungenembolie auslösen.

  • Kyphoplastie: Bei diesem neueren Verfahren wird ein Ballon eingeführt, der den Wirbelkörper aufrichtet. Danach wird der entstandene Hohlraum mit Knochenzement gefüllt. Dabei kann zwar kein Knochenzement austreten. Dennoch ist das Verfahren nur in speziellen Fällen sinnvoll.

Beide Eingriffe werden in Vollnarkose oder unter örtlicher Betäubung durchgeführt und dauern in der Regel nicht länger als 60 bis 90 Minuten. Bereits kurze Zeit nach der Operation kommt es in der Regel zu einer erheblichen Linderung der Schmerzen. Noch am Operationstag können Betroffenen wieder aufstehen. Das Krankenhaus können sie in der Regel nach wenigen Tagen verlassen.

Neue Leitlinie hilft bei der Entscheidung

Bisher fiel Ärzten die Entscheidung für oder gegen eine Operation nicht immer leicht, denn die Behandlungsempfehlungen zu Wirbelsäulenbrüchen ließen sich nicht einfach auf die meist älteren Patienten mit Osteoporose und ihrem besonderen Risikoprofil übertragen. Bei der Entscheidungsfindung soll nun eine neue Klassifikation helfen, die von der Fachgesellschaft DGOU auf der Grundlage einer Literaturauswertung sowie von 707 klinischen Fällen aus 16 Kliniken entwickelt wurde. Neben dem Schweregrad der Verletzung werden dabei weitere Kriterien wie Knochendichte, Dynamik der Sinterung, Schmerz, neurologischer Befund, Fitness und Gesundheitszustand berücksichtigt. Um auf Basis dieser Entscheidungshilfe rasch die richtige Behandlungsstrategie ableiten zu können, müssen allerdings drei bildgebende Untersuchungen durchgeführt werden:

  • Röntgen in zwei Ebenen, möglichst im Stehen
  • Magnetresonanztomographie (MRT) der gesamten Brust- und Lendenwirbelsäule
  • Computertomographie (CT) der betroffenen Region.

Schnelle Mobilisierung bei konservativer Therapie

Wird anhand der erhobenen Befunde eine konservative Therapie empfohlen, sollte der Betroffene mithilfe einer optimierten Schmerztherapie möglichst schnell mobilisiert werden. Bei manchen Patienten, die sich wegen ihrer Schmerzen verkrampfen, können lokale physikalische Maßnahmen helfen (TENS, Wärmebehandlung). Durch mobilisierende und kräftigende Übungen sollte eine aktive Aufrichtung des Oberkörpers erreicht werden, damit es nicht immer wieder zu sogenannten Keilbrüchen der Wirbelkörper mit Bildung des gefürchteten "Witwenbuckels" kommt. Um das auf Dauer zu schaffen, müssen die Betroffenen ihre physiotherapeutischen Übungen und Trainingseinheiten auch nach der Entlassung fortführen. Das betrifft neben Muskel- und Knochenaufbau auch das Gleichgewichtstraining, das helfen soll, Stürze zu vermeiden.

Wirbelbruch heilt oft von allein

Wenn die Osteoporose erkannt und behandelt wird, heilen viele Wirbelkörperfrakturen von ganz alleine. Sie verknöchern über die Zeit und werden wieder stabil. Etwa acht Wochen dauert es, bis ein Wirbel von allein wieder zusammengewachsen ist. Bis die Schmerzen abgeklungen sind und alles verheilt ist, vergeht ein Vierteljahr. Wichtig für die natürliche Heilung:

  • Osteoporose-Behandlung mit Medikamenten zum Knochenaufbau, etwa Kalzium und gegebenenfalls Vitamin-D-Präparate
  • in einigen Fällen eine äußere Stabilisierung durch ein Korsett
  • Muskeltraining
  • Schmerzmittel

Weitere Informationen
Ein Hüftknochen mit Einblick in poröses Gewebe © fotolia.com Foto: crevis

Osteoporose: Knochenschwund früh erkennen und behandeln

Betroffene merken oft viele Jahre nichts vom Abbau ihrer Knochenmasse, einige Patienten werden zudem nicht richtig behandelt. mehr

Experten zum Thema

Dr. Christian Sturm, Leitender Oberarzt
Klinik für Rehabilitationsmedizin
Medizinische Hochschule Hannover
Carl-Neuberg-Straße 1
30625 Hannover
www.mh-hannover.de/rehabilitation.html

Prof. Dr. Dorothea Daentzer, Leitende Oberärztin
Sektionsleiterin Bandscheibenchirurgie
Department Wirbelsäulenchirurgie und konservative Orthopädie
Annastift der DIAKOVERE gGmbH
Anna-von-Borries-Straße 1-7
30625 Hannover
www.diakovere.de

Weitere Informationen
Bundesselbsthilfeverband für Osteoporose e. V.
Kirchfeldstraße 149
40213 Düsseldorf
(0211) 301 31 40
www.osteoporose-deutschland.de

OSD - Osteoporose Selbsthilfegruppen Dachverband e. V.
Hohe Straße 38
99867 Gotha
www.osd-ev.org

Netzwerk Osteoporose
Ludwigstraße 22
33098 Paderborn
(05251) 280 586 oder 211 20
www.netzwerk-osteoporose.de

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Visite | 23.06.2020 | 20:15 Uhr

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