Stand: 16.01.2020 23:37 Uhr  - NDR Info

Organspende: Spendenbereitschaft aktiv erklären

Organtransplantationen können Leben retten: In Deutschland warten mehr als 9.000 schwer kranke Menschen auf ein passendes Organ. Für sie ist eine Transplantation die einzige Möglichkeit, um zu überleben oder die Lebensqualität erheblich zu verbessern. Nach einer Entscheidung im Bundestag im Januar 2020 zur Neuregelung der Organspende gilt: Weiterhin sind nur diejenigen Menschen mögliche Organspender, die ihre Bereitschaft dazu zu Lebzeiten aktiv erklärt haben. Es soll aber mehr Beratung von und eine Informationspflicht für Behörden geben. Fragen und Antworten zum Thema.

Neue Regelung: Erweiterte Entscheidungslösung

Der Bundestag hat am 16. Januar 2020 ohne Fraktionszwang über zwei unterschiedliche Gesetzentwürfe zur Neuregelung der Organspende abgestimmt. Eine Mehrheit gab es dabei für die sogenannte Erweiterte Entscheidungslösung. Den Gesetzentwurf hatte eine Abgeordnetengruppe um die Grünen-Chefin Annalena Baerbock eingebracht. Demnach können auch in Zukunft nur dann Organe und Gewebe bei einem hirntoten Menschen entnommen werden, wenn die verstorbene Person einer Organspende zu Lebzeiten ausdrücklich zugestimmt hat. Allerdings sollen nun Behörden oder Ärzte die Spendenbereitschaft regelmäßig - mindestens alle zehn Jahre - erfragen. Die Organspende soll ausdrücklich eine bewusste und freiwillige Entscheidung bleiben, die nicht durch den Staat erzwungen werden darf. Es besteht kein Zwang zur Entscheidung. Ein bundesweites Online-Register für Erklärungen zur Organ- und Gewebespende soll beim Deutschen Institut für Medizinische Dokumentation und Information eingerichtet werden, damit Bürger ihre Entscheidung jederzeit ändern und dokumentieren können. Die Krankenhäuser sollen darauf Zugriff erhalten. Die Ausgabestellen von Pässen werden verpflichtet, die Bürger mit Informationsmaterialien zu versorgen und bei Abholung der Ausweispapiere zur Eintragung in das Organspende-Register aufzufordern. Hausärzte sollen ihre Patienten mindestens alle zwei Jahre zur Organspende beraten und sie zur Eintragung in das Register ermuntern. Der Bereich Organspende soll innerhalb der medizinischen Aus- und Weiterbildung gestärkt werden, um die Sensibilität des ärztlichen Nachwuchses für dieses Thema zu verbessern.

Bundestag: Keine Mehrheit für Widerspruchslösung

Der alternative Vorschlag zur Neuregelung der Organspende, der im Bundestag abgelehnt wurde, war die sogenannte Doppelte Widerspruchslösung. Sie gilt in vielen anderen europäischen Ländern. Der Staat geht hier davon aus, dass grundsätzlich jeder Bürger ein potenzieller Organspender ist - außer, er hat ausdrücklich widersprochen. Wer einer Entnahme seiner Organe widersprechen will, muss dies in ein Register eintragen lassen, wobei der Eintrag jederzeit geändert werden kann. Die für eine mögliche Entnahme verantwortlichen Ärzte werden verpflichtet, bei dem Register anzufragen. Eine Gruppe um den Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sowie der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hatte diese Lösung vorgeschlagen und und den entsprechenden Gesetzesentwurf eingebracht. Auch Angehörige oder dem potenziellen Spender besonders nahe stehende Personen können bei einer Widerspruchslösung die Organentnahme in seinem Sinne ablehnen - allerdings nur, wenn sie glaubhaft machen können, dass der Verstorbene kein Spender sein wollte, dies aber nicht dokumentiert habe. Eine eigene Entscheidungsbefugnis von Angehörigen oder nahe stehenden Personen schloss der Gesetzentwurf aus. Auch bei der Widerspruchslösung sollten alle Bürger ab 16 Jahren wiederholt und kontinuierlich durch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und die Krankenkassen über die Organspende und ihre Entscheidungsmöglichkeiten aufgeklärt werden.

Wie war zuvor die Regelung bei der Organspende?

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Organspende: Wie läuft das?

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung gibt Antworten auf alle Fragen rund um die Organspende. extern

In Deutschland mussten sich die Bürger auch zuvor schon aktiv für eine Organspende entscheiden. Dazu sendeten die Krankenkassen regelmäßig Informationsmaterial an jede krankenversicherte Person ab 16 Jahren. Im Organspendeausweis konnte nicht nur ein "Ja" zur Organspende festgehalten werden. Der Spende konnte auch widersprochen werden oder man stimmte nur einer Entnahme von bestimmten Organen zu. Eine Verpflichtung, Bürger mit Informationen zur Organspende zu versorgen, gab es aber noch nicht.

Umfragen zufolge stehen rund 80 Prozent der Bundesbürger einer Organspende grundsätzlich positiv gegenüber. Allerdings hat bislang nur etwa jeder Dritte seine Bereitschaft in einem Organspendeausweis oder einer Patientenverfügung dokumentiert. In den Krankenhäusern entscheiden deshalb in vielen Fällen die Angehörigen über eine Organspende.

Eine schriftliche Willensbekundung liegt derzeit nur bei 15 Prozent der möglichen Organspender vor. In rund 40 Prozent der Fälle entscheiden die Angehörigen nach dem mutmaßlichen Willen des Verstorbenen und in rund 19 Prozent nach ihren eigenen Wertvorstellungen. Der Anteil der Ablehnung einer Organspende ist im letztgenannten Fall besonders hoch: In 2019 beruhten 41 Prozent der Ablehnungen auf einer alleinigen Entscheidung der Angehörigen. Anders als in Deutschland, wo die sogenannte Entscheidungslösung seit 2012 gilt, gibt es in den meisten anderen europäischen Ländern eine Widerspruchslösung. Hier ist jeder automatisch Organspender, es sei denn, er hat einer Transplantation zu Lebzeiten ausdrücklich widersprochen.

Wie viele Menschen warten auf ein Organ?

In Deutschland stehen nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) mehr als 9.000 schwer kranke Menschen auf der Warteliste für eine Transplantation. Der tatsächliche Umfang der Patienten, die von einer Organtransplantation profitieren könnten, ist jedoch weitaus größer. Betrachtet man die jährlich mehr als 1.000 Patienten, deren Gesundheitszustand sich seit ihrer Anmeldung auf die Warteliste so verschlechtert hat, dass eine Transplantation nicht mehr möglich war oder die sogar auf der Warteliste verstorben sind, ergibt sich ein noch dramatischeres Bild. Dabei sind all die Patienten nicht berücksichtigt, die von einer Transplantation profitieren könnten, aber erst gar nicht auf die Wartelisten zur Transplantation aufgenommen wurden.

Wann sind Organtransplantationen nötig?

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Organspende - Jetzt reden die Ärzte

Entscheidungs- oder Widerspruchslösung bei der Organspende? Vor der Entscheidung im Bundestag hat Antje Büll Chirurgen und Transplantations-Koordinatoren begleitet. Der Film in der ARD Mediathek. extern

In den meisten Fällen sind es lebensbedrohliche Krankheiten, die eine Organtransplantation erforderlich machen, etwa bei schwerem Herz-, Lungen- oder Leberversagen. Die Organspende ist für die Betroffenen dann die einzige Möglichkeit, um überleben zu können. In einigen Fällen ist es nicht ganz so dramatisch. Der Verlust einer Organfunktion - beispielsweise der Bauchspeicheldrüse oder der Nieren - ist aber in jedem Fall mit erheblichen Einschränkungen der Lebensqualität verbunden. Eine Organspende kann in diesen Fällen die Lebensqualität verbessern und das Auftreten von Spätschäden verhindern. Oft vergehen allerdings Monate oder Jahre, bevor sich ein passender Spender findet.

Wie entwickelt sich die Zahl der Organspender?

Die Zahl der Organspender in Deutschland ist im vergangenen Jahr leicht zurückgegangen, auch in Norddeutschland. 2019 hätten bundesweit 932 Menschen nach ihrem Tod ein oder mehrere Organe gespendet, teilte die DSO mit. 2018 waren es 955 Organspender; 2017 kam es mit 731 Spendern zum bisherigen Tiefststand. Deutschland ist mit einer Spenderrate von 11,2 Spendern pro eine Million Einwohner nach wie vor eines der Schlusslichter im europäischen Vergleich. Ab 2012 war es erstmals zu einem deutlichen Rückgang der Organspenderzahl gekommen, nachdem bekannt geworden war, dass Ärzte an Transplantationszentren falsche Angaben über ihre Patienten gemacht hatten.

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Diese Box kann Leben retten. Die Zahl der Spender ist 2019 wieder gesunken.

2019 konnte die DSO 2.995 gespendete Organe erfolgreich an die internationale Vermittlungsstelle Eurotransplant (ET) übermitteln: Das waren insgesamt 1.524 Nieren, 726 Lebern, 329 Lungen, 324 Herzen, 87 Bauchspeicheldrüsen sowie 5 Dünndärme. Jeder der 932 Spender hat im Durchschnitt mehr als drei schwerkranken Patienten geholfen. Bundesweit wurden 2019 in den 46 Transplantationszentren 3.192 erfolgreiche Organübertragungen durchgeführt. Dadurch wurde 3.023 schwerkranken Patienten durch ein oder mehrere Organe ein Weiterleben ermöglicht bzw. eine bessere Lebensqualität geschenkt. Im Jahr zuvor gab es in Deutschland 3.264 Organtransplantationen.

Wer hilft beim Thema Organspende?

Für Fragen rund um das Thema Organspende haben die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) und die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) ein Infotelefon geschaltet. Unter der gebührenfreie Rufnummer 0800/90 40 400 können sich Interessierte und Betroffene informieren und es können ein Organspendeausweis und Informationsmaterial bestellt werden. Das Infotelefon Organspende ist montags bis freitags von 9 bis 18 Uhr erreichbar. Auch über die Mail-Adresse infotelefon@organspende.de können Fragen gestellt und Material geordert werden.

Wann ist eine Organspende grundsätzlich möglich?

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Eine Organtransplantation ist ein schwieriger Eingriff, der Leben retten kann.

Eine Organ- und Gewebespende ist nur möglich, wenn bei einem Patienten der Hirntod eingetreten ist. Das heißt, dass sämtliche Hirnfunktionen unumkehrbar ausgefallen sein müssen (Hirntod). Das Herz-Kreislauf-System wird in diesem Fall künstlich aufrechterhalten. Da in den meisten Todesfällen der Herzstillstand vor dem Hirntod eintritt, kommen nur wenige Verstorbene für eine Organspende in Betracht. Eine Gewebespende kann im Gegensatz zur Organspende noch bis zu 72 Stunden nach dem Herzstillstand (klinischer Tod) möglich sein. Daher kommen für eine Gewebespende rund zwei Drittel aller Verstorbenen infrage.

Wo werden Organtransplantationen durchgeführt?

In Deutschland koordiniert die DSO die Organvergabe und arbeitet eng mit der Stiftung Eurotransplant zusammen, die wiederum für den Austausch von gespendeten Organen in Deutschland, den Benelux-Ländern, Kroatien, Österreich, Slowenien und Ungarn zuständig ist. Wer in Deutschland ein neues Organ braucht, muss in ein Transplantationszentrum. Ein interdisziplinäres Ärzteteam überprüft nach genau festgelegten Regeln, ob eine Organübertragung notwendig ist und ob sie Erfolg haben kann. Nur dann wird der Patient auf die Warteliste für Organspenden aufgenommen. Bundesweit gibt es rund 1.300 Krankenhäuser mit Intensivstation, in denen die Entnahme von Organen möglich ist. Folgende Organe werden in den deutschen Transplantationszentren übertragen: Niere, Leber, Herz, Lunge, Bauchspeicheldrüse und Dünndarm.

Transplantationsgesetz: Die Rechtslage bei Lebendspenden

Bestimmte Organe oder Organteile können bereits zu Lebzeiten gespendet werden. So können Menschen mit guter Nierenfunktion eine Niere spenden, weil die verbleibende Niere den Ausfall kompensiert. Auch ein Teil der Leber kann gespendet werden. Laut Transplantationsgesetz (TPG) ist die Transplantation von Organen lebender Spender nur zulässig, wenn kein postmortal gespendetes Organ für den Empfänger zur Verfügung steht. Das Transplantationsgesetz stellt sicher, dass eine Lebendspende nur freiwillig und mit möglichst geringem medizinischem Risiko für den Spender erfolgt. Lebendspenden sind nur unter nahen Verwandten und einander persönlich eng verbundenen Personen zulässig.

Gibt es Alternativen zur Organspende?

Bereits seit 30 Jahren sind Kunstherzen im Einsatz. Sie können die Überlebenschance während der Wartezeit auf eine Herztransplantation erhöhen. Der Nachteil ist, dass es zu Infektionen, Blutungen und Schlaganfällen kommen kann. Für komplexere Organe wie Niere und Leber eignen sich künstliche Implantate bislang nicht.

Forscher arbeiten an der Möglichkeit, Tierorgane zu verpflanzen, zum Beispiel vom Schwein. Das Problem ist aber, dass das menschliche Immunsystem das Schweinegewebe abstößt. Außerdem besteht das Risiko, dass gefährliche Viren auf den Menschen übertragen werden. Herzklappen aus dem Gewebe von Tieren sind aber schon seit Längerem erfolgreich im Einsatz. Derzeit noch eine kühne Vision sind Organe aus dem 3D-Drucker. Erste Versuche gab es mit einfachen Körperteilen wie einer Ohrmuschel.

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NDR Info | Nachrichten | 16.01.2020 | 12:00 Uhr

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