Stand: 11.04.2019 15:40 Uhr

"Eine Abtreibung war für uns keine Option"

von Niklas Schenck, NDR Info

Mit einer Blutprobe können Schwangere - mit einer hohen Wahrscheinlichkeit - früh feststellen lassen, ob das Baby in ihrem Bauch das Downsyndrom haben könnte. Sollen die gesetzlichen Krankenkassen diesen Test, der anders als eine Fruchtwasseruntersuchung kein Risiko für Mutter und Kind birgt, bezahlen? Diese ethische Frage wird gerade kontrovers diskutiert - nicht nur im Bundestag. NDR Info hat eine Frau in Lüneburg getroffen, die den vorgeburtlichen Trisomie-Bluttest gemacht hat - und ein Kind mit Downsyndrom bekommen hat.

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Bennet kam im Sommer 2018 mit dem Downsyndrom zur Welt.

Bennet ist gerade aus dem Mittagsschlaf erwacht, kurz nach seinem Zwillingsbruder Oscar. Er krabbelt schon über den Wohnzimmerteppich. Auf der Welt sind die beiden Jungs seit neun Monaten. Die Entscheidung haben ihre Eltern getroffen, nachdem die Ärzte sie mit einer Diagnose vor eine schwere Wahl stellten: Rebecca Sefrin hatte sich während der Schwangerschaft ein paar Tropfen Blut abnehmen lassen - sie machte den sogenannten Praena-Test, um Trisomien festzustellen: "Dann hieß es, Trisomie 11 und 18 ist es nicht, aber bei der 21 müsste der Test noch mal wiederholt werden, aus technischen Gründen."

Ausnahmesituation für die werdenden Eltern

Der erneute Test bestätigte: Trisomie 21. Ein Ultraschall in einer Hamburger Klinik brachte weitere Erkenntnisse, so die Zwillings-Mutter: Beim ersten Kind, bei Oscar, sei alles in Ordnung gewesen. Beim zweiten aber habe der Arzt einen Herzfehler festgestellt, was ein Hinweis auf das Downsyndrom ist. Im Erbgut des Ungeborenen ist das 21. Chromosom nicht doppelt, sondern dreifach angelegt. Das Downsyndrom geht mit Behinderungen einher, die bei jedem Kind unterschiedlich ausgeprägt sind.

Sie und ihr Mann seien durch den Test plötzlich in einer Ausnahmesituation gewesen, erzählt Rebecca Sefrin: "Es wurde uns sofort angeboten, dass man sich trotz Zwillingsschwangerschaft auch gegen das Down-Kind entscheiden kann. Aber das hätten wir uns niemals auferlegen können. Das war gar keine Option, das so zu machen."

Viele Fragen nach dem Ergebnis des Tests

Das Ehepaar sei sich bei der Frage damals gleich einig gewesen. Die Erleichterung darüber ist der 40-jährigen Lüneburgerin anzuhören, wenn sie davon berichtet: "Wir haben Eltern kennengelernt, die den Test gemacht haben und gesagt haben: Wenn der positiv ist, würden sie sich gegen das Kind entscheiden, weil der eine Partner das eben nicht mittragen wollte und der andere Partner gesagt hat, nun gut, die Beziehung ist eben wichtiger."

Viele Eltern entscheiden sich Studien zufolge bei einer Trisomie für eine Abtreibung. Das Testergebnis, sagt auch Rebecca Sefrin, sorge für viele neue Fragen. Bin ich in der Lage, meinem Kind gerecht zu werden? Habe ich genug Unterstützung in der Familie?

Test ist seit sieben Jahren zugelassen

Der Praena-Test ist seit sieben Jahren zugelassen und inzwischen ab 130 Euro erhältlich. Damit wissen die Eltern schon in der frühen Schwangerschaft mit hoher Wahrscheinlichkeit, ob das Kind eine Trisomie haben wird - ohne durch den Test die Schwangerschaft zu gefährden.

Früher war eine Diagnose nur durch eine Fruchtwasseruntersuchung möglich, bei der der Arzt mit einer Nadel durch die Bauchdecke sticht und Fruchtwasser oder Gewebe entnimmt. Bei jeder 100. Untersuchung kommt es allerdings zu einer Fehlgeburt.

Viele Faktoren beeinflussen die Entscheidung

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Der Gemeinsame Bundesausschuss aus Ärzten und Krankenkassen hat deshalb vorgeschlagen, dass die Kassen bei Risiko-Schwangerschaften bald auch den pränatalen Bluttest bezahlen. Rebecca Sefrin ist wie viele in dieser Frage gespalten, denn der Test könnte zu mehr Abtreibungen führen. Ihr habe es in der Schwangerschaft vor allem geholfen, sich innerlich vorzubereiten: "Ich bin immer ein Mensch, der gerne vorher etwas weiß oder sich informiert." Sie freut sich, dass Bennet trotz seines Herzfehlers munter ist und es ihm im Moment gut geht.

In der Nachbarschaft der Familie wohnt eine 19-Jährige, die mit Trisomie 11 geboren wurde - sie macht gerade eine Ausbildung. Und ein Arbeitskollege von Rebecca Sefrin hat das Downsyndrom. Das habe ihre Entscheidung, Bennet zu bekommen, mit beeinflusst. Ihre Befürchtung, dass Menschen ihr merkwürdige Fragen stellen könnten, traf nicht ein. Und sie sei einfach nur froh, dass ihre unterschiedlichen Zwillinge Bennet und Oscar da sind.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Infoprogramm | 11.04.2019 | 07:08 Uhr

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