Stand: 03.06.2019 14:25 Uhr

Was gegen Muskelkrämpfe hilft

Bild vergrößern
Als Auslöser für Muskelkrämpfe vermuten die Kölner Forscher einen fehlerhaften Rückenmarksreflex.

Einen gelegentlichen Krampf in der Nacht oder beim Sport kennen rund 40 Prozent der Deutschen. Viele Menschen werden aber Nacht für Nacht von Muskelkrämpfen gequält. Oft verformt sich ein Fuß dabei wie eine Kralle. Manchmal hilft dann eine Gegendehnung, um den Krampf zu stoppen, der sonst minutenlang anhalten kann und schmerzt. Wenn die Schmerzen fast jede Nacht, öfter pro Nacht oder auch am Tag auftreten und wenn sie sehr schmerzhaft sind, sollte man einen Arzt aufsuchen.

Elektroden an einem Unterschenkel angeschlossen.

Was gegen Muskelkrämpfe hilft

Visite -

Meist treten Muskelkrämpfe in der Nacht auf. Sie kommen plötzlich und können sehr schmerzhaft sein. Wie entstehen Muskelkrämpfe eigentlich und was hilft dagegen?

5 bei 8 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Ursache häufig unklar

Muskelkrämpfe können Symptome einer Krankheit (zum Beispiel Schilddrüsenunterfunktion oder Muskelentzündung) oder Nebenwirkung von bestimmten Medikamenten (zum Beispiel Cholesterinhemmer und Blutdrucksenker) sein. Auch Nervenschädigungen können Auslöser sein. Doch in den meisten Fällen finden die Ärzte keine Ursache der Krämpfe und damit auch keine wirksame Therapie.

Im Gespräch

Chat-Protokoll: Muskelkrämpfe

Viele Menschen werden regelmäßig von Muskelkrämpfen gequält. An Schlaf ist dann kaum zu denken. Der Neurologe Dr. Dirk Czesnik hat im Visite Chat Fragen zum Thema beantwortet. mehr

Medikamente oft mit starken Nebenwirkungen

Nichtmedikamentöse Ansätze gibt es kaum. Die Medikamente, die es gibt, können mit Nebenwirkungen verbunden sein - so wie das Malariamedikament Chinin. Göttinger Forscher arbeiten an einer Therapie mit Epilepsie-Medikamenten. Welches Epilepsie-Medikament im Einzelfall hilft und die geringsten Nebenwirkungen auslöst, muss bei jedem Patienten allerdings individuell getestet werden.

Oft wird ein Mineralienmangel (zum Beispiel Magnesium) vermutet und mit Nahrungsergänzungsmitteln behandelt. Aber auch ein Zuviel an Mineralien kann Krämpfe auslösen. Mitunter verwenden Ärzte Botox-Spritzen, um die Krämpfe auszuschalten - doch die können zu Lähmungserscheinungen führen und damit mehr belasten als nützen.

Sind übererregbare Nerven die Ursache für Krämpfe?

Lange Zeit galten Salze (Elektrolyte) als hauptverantwortlich für die Entstehung von Muskelkrämpfen. Doch auch das Nervensystem könnte eine wichtige Rolle spielen, insbesondere eine Übererregbarkeit der Nerven im Rückenmark. Sind diese zum Beispiel durch einen Bandscheibenvorfall oder eine Enge im Rückenmarkkanal gereizt, kommt es häufiger zu Muskelkrämpfen in den Beinen.

Das Problem liegt vermutlich im Zusammenspiel von Nerven und Muskeln. An den Enden der motorischen Nerven findet die Reizübertragung statt, Nervenimpulse führen zu Muskelkontraktionen. Kommt es zu unkontrollierten Entladungen, verkrampfen die Muskeln oder sie reagieren überempfindlich auf normale Reize.

Neuer Therapieansatz: Elektrostimulation

An der Deutschen Sporthochschule in Köln stießen die Forscher durch Zufall auf einen möglichen neuen Therapieansatz: die Elektrostimulation. Bei Untersuchungen, ob durch Krämpfe Muskeln wachsen, bemerkten die Sportwissenschaftler, dass als Nebeneffekt die Reizschwelle für Muskelkrämpfe steigt.

Als Auslöser für Muskelkrämpfe vermuten die Kölner Forscher einen fehlerhaften Rückenmarksreflex. Ergebnisse einer Studie deuten darauf hin, dass es bei Betroffenen mit Muskelkrämpfen ein Ungleichgewicht an den Nervenzellen bestimmter Muskeln gibt - den Alpha-Motoneuronen. Sie steuern das Gehirn, dadurch erhöhen sich die Muskelkontraktionen. Wenn zu viele Informationen zum Alpha-Motoneuron zurückkommen, neigt dieser dazu, vermehrt zu "feuern". Ein Krampf entsteht.

Reizschwelle des Muskels wird heraufgesetzt

Bei der Elektrostimulation wird zunächst die Krampfneigung des Betroffenen mithilfe von Elektroden gemessen. Bei Gesunden zuckt der Muskel bei 20 bis 22 Hertz, bei Muskelkrampfgeplagten ist der Wert deutlich niedriger. Mithilfe der Elektrosimulation wird dann versucht, die Reizschwelle heraufzusetzen.

Eine Pilotstudie zeigte, dass sich mit der Elektrostimulation die Krampfschwelle erhöhen lässt. Dabei wirkt die Elektrostimulation wie eine Art Desensibilisierung. Die Wirkung hält über einen sehr langen Zeitraum an, die Häufigkeit spontan auftretender Krämpfe wird deutlich vermindert.

Muskelkrampf beim Sport: Was tun?

Wer nur hin und wieder unter Muskelkrämpfen leidet, kann den Krampf durch Ziehen am betroffenen Muskel unterbrechen, entweder durch passives Massieren und in die Länge Ziehen mit der Hand oder, noch besser, durch aktive Übungen mit Anspannen des sogenannten Antagonisten, also des entgegengesetzten Muskels. Warme Wickel, eine Wärmflasche an der betroffenen Stelle oder ein heißes Bad entspannen die Muskulatur zusätzlich.

Entsteht der Krampf beim Sport, hilft sofortige Entlastung des betroffenen Körperteils. Bei Sportlern ist häufig ein Wasser- und Elektrolytverlust in Verbindung mit einer Überanstrengung für einen Muskelkrampf verantwortlich. Zur Vorbeugung empfehlen Sportmediziner deshalb die Einnahme von Kochsalz und das Trinken isotonischer Getränke, das Erwärmen der Muskulatur vor dem Sport und eine dem Trainingszustand angepasste Belastung.

Weitere Informationen
Die Bewegungs-Docs

Dehnübungen

Die Bewegungs-Docs

Dehnen streckt den Muskel. Regelmäßiges Dehnen kann Muskelverkürzungen vermeiden oder mildern, zudem die Beweglichkeit verbessern und die Regeneration unterstützen. mehr

Muskeln durch Strom: Genial oder schädlich?

Abnehmen und Muskeln aufbauen mit Strom: Immer mehr Menschen schwören auf EMS-Training. Doch die Elektro-Myo-Stimulation kann Muskeln und Nieren schaden. mehr

Experten zum Thema

Dr. Dirk Czesnik¸ Facharzt für Neurologie
Klinik für Klinische Neurophysiologie
Universitätsmedizin Göttingen
Robert-Koch-Straße 40
37075 Göttingen
www.neurologie.uni-goettingen.de

Dr. Gernot Kühnel, Neurologe
Praxis am Humboldtbogen
Nikolausberger Weg 36
37073 Göttingen
www.praxis-radau-pfeil.de

Jun.-Prof. habil. Dr. med. Dr. rer. nat. Michael Behringer, Sportwissenschaftler
Abteilung Bewegungs- und Trainingswissenschaft
Institut für Sportwissenschaften
Goethe-Universität Frankfurt am Main
Ginnheimer Landstraße 39
Frankfurt am Main
www.uni-frankfurt.de

Dieses Thema im Programm:

Visite | 04.06.2019 | 20:15 Uhr

Mehr Ratgeber

08:24
Mein Nachmittag