Sendedatum: 26.11.2018 22:00 Uhr

Medikamente: Oft werden Scheininnovationen verschrieben

Werbung ist so allgegenwärtig, dass wir uns ihr kaum entziehen können. Aber wie geht es Ärztinnen und Ärzten mit den Marketingmaßnahmen der Pharmaindustrie? Dr. Christine Fischer erklärt im Interview, warum sie funktionieren und an welchen Stellen Kontrollen fehlen. Die Ärztin ist Vorstandsvorsitzende der "Initiative unbestechlicher Ärztinnen und Ärzte" namens "Mezis" ("Mein Essen zahl' ich selbst").

Sind neue Medikamente nicht im Prinzip etwas Gutes?

Fischer: Wir unterscheiden zwischen echten Innovationen, die wirklich einen therapeutischen Fortschritt für Patientinnen und Patienten bringen und sogenannten Schein- oder Pseudoinnovationen, die nicht besser sind als die Vorgängerpräparate.

Wieso sind die Pharmaunternehmen mit ihrem Marketing bei den Ärzten so erfolgreich?

Ärztinnen und Ärzte sind keine besseren Menschen. Sie sind genauso empfänglich für Werbung wie andere. Aber sie sitzen an einer Schlüsselposition: Sie haben nämlich einen Rezeptblock in der Hand. Und wenn sie das Medikament nicht verschreiben, dann bekommen es, zumindest in Deutschland, die Patientinnen und Patienten nicht. Also lohnt es sich für die Pharmaunternehmen, Ärzte durch Fachwerbung, die erlaubt ist, für ein Medikament zu "sensibilisieren".

Interview

Ärzte - fest im Griff der Pharmaindustrie?

Rund 30 neue Medikamente werden jedes Jahr in Deutschland zugelassen. Eine bessere Wirksamkeit ist nicht immer gesichert. Dennoch kommen sie auf den Markt. mehr

Sollte es mehr Kontrollen geben?

Sie müssen zwei Dinge unterscheiden. Da ist zunächst die Zulassung eines Medikamentes: Es muss wirken und darf nicht im übertriebenen Maße schaden. Und dann ist da noch die Erstattung durch die Krankenkassen. Da würde man sich wünschen, dass es eine bessere Kontrolle gäbe. Teilweise ist das zwar im Arzneimittelneuordnungsgesetz geregelt. Danach muss ein neues Medikament besser sein als die Vorgängersubstanz.

In den Top Ten der am meisten verschriebenen Medikamente landen aber regelmäßig Scheininnovationen. So ein Medikament kostet dann auch mal das Vierzehnfache des Vorgängerpräparates, ist aber nicht unbedingt besser.

Wieso bezahlen die Krankenkassen so etwas?

Sie müssen teilweise einfach bezahlen. Ein zugelassenes Medikament müssen die Krankenkassen zumindest ein Jahr lang erstatten, wenn es ein Arzt verordnet hat.

Gibt es Untersuchungen darüber, wie hoch die Gewinnspanne der Pharma-Unternehmen ist?

Wir reden da von bis zu mehreren tausend Prozent. Ein Beispiel: Ein Medikament gegen Hepatitis C für zwölf Wochen kostet in der Produktion beispielsweise 40 Euro. Verkauft wird es aber für mehr als 40.000 Euro.

Wo können sich Patientinnen und Patienten noch neutrale Informationen holen?

Bei "Gute Pillen - schlechte Pillen". Die unabhängige, werbefreie Patientenzeitschrift ist eine Gemeinschaftsproduktion der arzneimittelkritischen Zeitschriften für Patientinnen und Patienten.

Und wo gibt es pharma-unabhängige Infos für Ärztinnen und Ärzte?

Da gibt es einmal das Arzneimitteltelegramm und Leitlinienwatch. Behandlungsleitlinien sind grundsätzlich sinnvoll, weil wir ja nach gewissen Standards verordnen müssen. Aber es gibt in Deutschland keine anerkannten Leitlinien, zu denen sich alle verpflichten. Eigentlich sind die erforderlich.

Und in vielen Leitlinien stecken Interessenkonflikte. Ein Beispiel: Wenn Ärztinnen und Ärzte eine Leitlinie zur Behandlung von Diabetes schreiben, aber Gelder von den Herstellern dieser Präparate bekommen, gibt es einen Interessenkonflikt. Leitlinienwatch untersucht verschiedene Leitlinien auf Interessenkonflikte.

Müssen MEZIS-Ärzte Gegenwind von pharmanahen Ärzten aushalten?

Ja, wir kriegen Gegenwind. Für die einen sind wir die schwarzen Schafe, für die anderen aber auch die weißen. Wir sind entweder das gute Gewissen oder die, die unangenehmer Weise gegen Korruption vorgehen.

Informationen zur Sendung
45 Min

Patienten, Pillen und das große Geld

26.11.2018 22:00 Uhr
45 Min

Wer krank ist, möchte das beste Medikament gegen seine Beschwerden bekommen. Erhalten Patienten aber stattdessen möglicherweise das am besten beworbene Arzneimittel? mehr

Dieses Thema im Programm:

45 Min | 26.11.2018 | 22:00 Uhr

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