Stand: 27.11.2017 12:28 Uhr  - Visite  | Archiv

Machen uns Kohlenhydrate sensibel?

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Der Studie zufolge könnten Kohlenhydrate unser Urteilsvermögen beeinflussen.

Dass Liebe durch den Magen gehen soll, ist eine uralte Theorie. Tatsächlich scheint die Ernährung aber einen gewichtigen Einfluss auf unser Urteilsvermögen und soziales Empfinden zu haben. Forscher der Universität Lübeck haben untersucht, welchen Einfluss die Zusammensetzung der Makronährstoffe in der Nahrung, also Eiweiße, Fette und Kohlehydrate, auf soziale Entscheidungen hat. Zuvor hatten verschiedene Studien gezeigt, dass die Zusammensetzung der Nahrung den Stoffwechsel des Gehirns beeinflusst. Ob dies aber in einem Ausmaß geschieht, dass sich dadurch das Verhalten eines Menschen verändert, war bislang unklar.

Je mehr Kohlenhydrate, desto empfindlicher

In einem ersten Schritt errechneten die Lübecker Forscher anhand der Angaben ihrer Probanden, ob diese mehr Kohlenhydrate oder mehr Proteine zum Frühstück gegessen hatten. Dann konfrontierten sie die Teilnehmer mit einem unfairen Angebot, das diese annehmen oder ablehnen konnten. Das Ergebnis war überraschend: Je höher der Kohlenhydratanteil am Frühstück eines Probanden war, desto ablehnender reagierte er auf das unfaire Angebot. Um diesen augenscheinlich deutlichen Zusammenhang zwischen den Nährstoffen im Frühstück und der Entscheidung unter Laborbedingungen zu überprüfen, bekam eine Gruppe von Probanden an einem Tag ein Frühstück mit hohem Kohlenhydratanteil und an einem Vergleichstag ein proteinreiches Frühstück. Und wieder zeigte sich: Nach einer kohlenhydratreichen Mahlzeit reagierten die Probanden empfindlicher auf Ungerechtigkeiten als nach einer eiweißreichen. Andere Faktoren wie der Blutzuckerspiegel hatten keinen Einfluss auf die Entscheidungen der Probanden.

Ursachensuche auf molekularer Ebene

Eine mögliche Erklärung für diesen Effekt ist, dass ein hoher Anteil von Kohlenhydraten in der Nahrung den Tryptophan-Spiegel erhöht. Aus der Aminosäure Tryptophan wird der Neurotransmitter Serotonin gebildet, der eine wichtige Rolle bei der Kommunikation der Nervenzellen im Gehirn spielt, Depressionen lindert und die Stimmung hebt. Auch die Aminosäure Tyrosin wird durch die Makronährstoff-Komposition der Mahlzeiten beeinflusst. Sie ist Ausgangsstoff unter anderem für die Synthese antreibender Neurotransmitter wie Dopamin oder Adrenalin. Je mehr Kohlenhydrate und je weniger Proteine eine Mahlzeit enthält, desto niedriger ist anschließend der Tyrosin-Spiegel.

Empfehlungen der Forscher

Ihre überraschende Entdeckung nehmen die Lübecker Wissenschaftler zum Anlass, einseitige Diätempfehlungen kritisch zu hinterfragen. Wer durch Low-Carb-Diäten und Proteinshakes in Form kommen möchte, sollte dabei immer bedenken, dass die Ernährung nicht nur Einfluss auf die Körpermaße hat, sondern auch auf das soziale Empfinden und Handeln. Eventuell könnten speziell zusammengesetzte Mahlzeiten eines Tages sogar gezielt als Therapie eingesetzt werden, denn die Forscher vermuten, dass die Nährstoffbalance auch andere Prozesse beeinflussen könnte - zum Beispiel Empfindungen oder das Gedächtnis.

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Visite | 28.11.2017 | 20:15 Uhr