Eine Frau liegt im Bett und greift sich an den Kopf. Sie sieht erschöpft aus. © Colourbox Foto: -

Long-Covid: Corona-Langzeitfolgen werden unterschätzt

Stand: 07.03.2021 15:48 Uhr  | Archiv

Wer an Covid-19 erkrankt, kann noch Monate nach dem Abklingen der Krankheit an Symptomen leiden. Experten warnen, dass die Langzeitfolgen noch immer drastisch unterschätzt würden.

Immer mehr Menschen brauchen auch nach einem eher milden Krankheitsverlauf oft Monate, um wieder gesund werden. Und die Zahl der betroffenen jungen Menschen steigt. Da Covid-19 eine Erkrankung des gesamten Gefäß- und Immunsystems ist, können überall im Körper ganz verschiedene Beschwerden zurückbleiben oder auch neu auftreten. Experten haben die Vermutung, dass es sich um eine Autoimmunreaktion handeln könnte. So kann auch Haarausfall eine Folge von Covid-19 sein, da manche Betroffene Auto-Antikörper gegen ihre eigenen Haarwurzeln bilden. Wie sich eine Covid-19-Erkrankung langfristig bei Kindern auswirkt, ist noch wenig erforscht.

Long-Covid: Ein unterschätztes Problem

Chinesische Studien aus der ersten Welle der Corona-Pandemie zeigen, dass von den zuvor in Kliniken behandelten Patienten etwa jeder zweite ein Long-Covid-Syndrom entwickelt. Von über 1.700 Covid-Kranken hatten 76 Prozent nach bis zu sechs Monaten noch mindestens ein Symptom. Dabei waren Erschöpfung und Muskelschwäche am häufigsten. Über Schlafstörungen klagten 26 Prozent, über Depressionen 23 Prozent. Auch Haarverlust war unter den Betroffenen häufig.

Die weit verbreitete Ansicht, nur sehr alte oder vorerkrankte Menschen seien gefährdet, ist daher ein Irrglaube. Experten warnen davor, diese Betroffenen aus dem Blick zu verlieren, denn daraus könnten auch erhebliche volkswirtschaftliche Probleme erwachsen. Schließlich waren viele dieser Menschen zuvor voll berufstätig und zählten zu den sogenannten Leistungsträgern der Gesellschaft.

Dauerhafte Lungenschäden sind möglich

Nicht immer erholt sich die Lunge vollständig von Covid-19: Sind die Lungenbläschen durch die Viren zerstört, vernarbt das Gewebe und fällt für den Gasaustausch aus. Da die Lunge bei den meisten Covid-19-Patienten in Mitleidenschaft gezogen wird, kann selbst bei mildem Verlauf und jüngeren Betroffenen - auch über längere Zeiträume - eine gewisse Kurzatmigkeit zurückbleiben. Das bedeutet, dass die Lunge nicht mehr optimal arbeitet und der Sauerstoffmangel die körperliche Leistungsfähigkeit einschränkt. Im Labor haben Forscher untersucht, wie die Coronaviren Zellen der Lungenbläschen genau angreifen. Dabei stellten sie fest, dass ein einziger Viruspartikel ausreicht, um eine Zelle zu zerstören. Innerhalb des ersten Tages nach Testbeginn waren bereits 61 Prozent der Lungenzellen infiziert und zeigten schon wenige Stunden später deutliche Veränderungen. Sie bildeten teils große Hohlräume und im Zellplasma waren zahlreiche Virenpartikel zu erkennen. Bis die körpereigene Abwehr mobilisiert war, hatten die Viren schon die meisten Zellen in der Lunge infiziert. Die zelleigene Abwehr scheiterte und die infizierten Lungenzellen gingen zugrunde.

Entzündungen im ganze Körper möglich

Die nach einer Infektion auch von nur leicht erkrankten Menschen häufig beschriebene Kurzatmigkeit ist nicht nur ein Zeichen, dass die Lunge betroffen ist. Die Coronaviren können Entzündungen im ganzen Körper verursachen, in jeder einzelnen Zelle. So können zum Beispiel Herz, Hirn, Nieren oder Darm betroffen sein. Kardiologen der Berliner Charité gehen davon aus, dass 10 bis 15 Prozent der Covid-Erkrankten mit einem schweren Verlauf Entzündungen am Herz haben. Welche Auswirkungen das langfristig hat, kann bisher noch niemand sagen. Es fehlen aussagekräftige Studien. Kardiologen halten deshalb Belastungs-EKGs nach einer Infektion für sinnvoll.

Fatigue: Gefahr von chronischer Erschöpfung

Als großes Problem stellt sich mehr und mehr die anhaltende Erschöpfung heraus, die sogenannte Fatigue, begleitet von Kopf- und Muskelschmerzen. Im schlimmsten Fall wird der Zustand chronisch.

Das Virus beschleunigt auch die Alterungsprozesse der inneren Organe. So kann ein heute 30-Jähriger durch Covid in zwei Jahren die Lunge eines 40-Jährigen haben. Auch andere Krankheiten, die man nicht gleich mit einer durchgemachten Corona-Infektion in Verbindung bringt, könnten Jahre später auftreten, vermuten Experten.

Das Gehirn kann ebenfalls betroffen sein. Experten vermuten, dass damit das Risiko für eine Demenzerkrankung im fortgeschrittenen Alter einhergehen kann.

Unterstützung durch Post-Covid-Ambulanzen und Selbsthilfegruppen

Betroffene können behandelt werden. Da die Spätsymptome von Covid aber sehr unspezifisch und manchmal schwer zu beurteilen sind, auch in Bezug auf bleibende Schäden, ist es ratsam, dass sich Betroffene regelmäßig in einer der extra eingerichteten Post-Covid-Ambulanzen vorstellen. Der Weg zurück ins normale Leben kann für Long-Covid-Betroffene lang sein. Selbsthilfegruppe, die sich in den vergangenen Monaten gebildet haben, können ebenfalls eine unterstützende Anlaufstelle sein.

 

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