Stand: 02.12.2019 15:55 Uhr  | Archiv

Liquid Biopsy weist Tumor-DNA im Blut nach

Mikroskop © Fotolia.com Foto: psdesign1
Die Liquid Biopsy soll effektivere Krebstherapien ermöglichen.

Mit der Liquid Biopsy (Flüssigbiopsie) untersuchen Wissenschaftler, wie viele Krebszellen und wie viel Erbmaterial aus Krebszellen (Tumor-DNA) sich im Blut befinden. Wird nach einer Krebstherapie im Blut nichts mehr gefunden, erkennen die Ärzte daran den Erfolg einer Behandlung.

Bei vielen Krebstherapien steigt die Zahl der veränderten Erbgutfragmente aber nach einer gewissen Zeit wieder stark an. Die Entwicklung kann in der Flüssigbiopsie früher auffallen als in bildgebenden Untersuchungen. Das verschafft den Ärzten die Möglichkeit, früher einzugreifen und die Therapie zu verändern, wenn der Tumor gegen einen Wirkstoff resistent geworden ist. Für Krebskranke erhöht sich durch die angepasste Behandlung die Überlebenschance.

Krebs: Veränderungen im Erbgut

Wenn eine Krebserkrankung entsteht, ist das mit weitreichenden Veränderungen des Erbguts (Genoms) verbunden. Wichtige Kontrollmechanismen werden außer Kraft gesetzt, sodass sich Krebszellen unkontrolliert vermehren oder dem programmierten Zelltod (Apoptose) entgehen. Bei einigen Tumoren sind die Erbgutveränderungen bereits bekannt und lassen sich in Gewebeproben als Marker für die Diagnose, Prognose und Vorhersage von Therapieerfolgen bei Krebskranken nutzen.

Frühe Diagose erhöht Heilungschance

Damit eine Liquid Biopsy funktioniert, müssen Mediziner und Forscher genau wissen, wonach sie suchen - und der Tumor muss groß sein, damit er genügend Erbmaterial ans Blut abgibt. Zur Früherkennung noch sehr kleiner Tumore reichen die heute verfügbaren Laborverfahren nicht aus. Und damit liegt das eigentliche Ziel, eine Reihenuntersuchung zur Erstdiagnose von Tumoren in einem frühen Stadium, noch in weiter Ferne.

Experten hoffen, dass die Verfahren in zwanzig Jahren soweit sein könnten, dass eine Blutprobe, die jeder ab einem gewissen Alter durchführen lassen kann, für ein Screening auf die wichtigsten Tumorarten ausreicht. Wer durch eine Liquid Biopsy erführe, dass er Lungenkrebs oder Brustkrebs hat, hätte dadurch erheblich bessere Heilungschancen.

Warum die Krebsdiagnose so schwierig ist

Dass die Entwicklung der Bluttests so lange dauert, liegt vor allem daran, dass kein Tumor dem anderen gleicht. Es gibt mehr als 200 verschiedene Krebsarten, von denen jede Art zahlreiche molekulare Untergruppen haben kann. Und wenn der Krebs streut, verändert sich sein genetisches Profil erneut.

Außerdem entwickelt jeder Mensch im Laufe der Zeit Mutationen in seinen Zellen, das ist ein normaler Alterungsprozess. Doch die meisten Mutationen führen nicht zu Krebs, selbst wenn sie auch auf Tumorzellen zu finden sind. Damit ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass solche Tests viel zu häufig Alarm schlagen, obwohl alles in Ordnung ist.

Liquid Biopsy kann Lungenkrebs-Therapie optimieren

Bei einer speziellen Unterart des Lungenkrebses kann die Blutuntersuchung schon heute weiterhelfen. Die Analyse des Tumorgenoms liefert wichtige Informationen für die individuell besten Therapieoptionen. Immer mehr moderne Medikamente greifen Tumore gezielt anhand ihres genetischen Profils an. Sie sind wirksamer und haben weniger unerwünschte Nebenwirkungen.

Hat der Tumor eine ganz bestimmte Mutation, lässt sich das Tumorwachstum durch eine zielgerichtete Therapie effektiv aufhalten. Doch im Laufe der Behandlung kann sich der Tumor verändern, sodass die Krebszellen nicht mehr so gut auf die Medikamente reagieren, der Tumor weiter wuchert und Metastasen bildet. Mit der Liquid Biopsy lässt sich feststellen, welcher sogenannte Resistenzmechanismus vorliegt. Die behandelnden Ärzte können die Therapie dann entsprechend anpassen.

Darmkrebs-Therapie mit Liquid Biopsy kontrollieren

Bei Darmkrebs ist eine Gewebeentnahme oft belastend und nicht beliebig oft wiederholbar. Spezialisten setzen deshalb große Hoffnungen in eine engmaschige Kontrolle der Erkrankung mithilfe der Liquid Biopsy. Künftig könnte ein regelmäßiger Bluttest auf mutierte Krebszellen ausreichen, um einen Rückfall vorherzusagen und dann den neu entstehenden Krebs durch eine Darmspiegelung zu entfernen.

Weitere Informationen
- © Csaba Deli Foto: Csaba Deli

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Experten zum Thema

Prof. Dr. Dirk Arnold, Chefarzt und Medizinischer Vorstand des Asklepios Tumorzentrums Hamburg
Onkologie, Hämatologie, Palliativmedizin und Rheumatologie
Asklepios Klinik Altona
Paul-Ehrlich-Straße 1
22763 Hamburg
(0 40) 18 18 81 12 11
www.asklepios.com

Prof. Dr. rer. nat. Holger Sültmann, Leiter der Arbeitsgruppe Krebsgenomforschung (B063)
Deutsches Krebsforschungszentrum und Nationales Centrum für Tumorerkrankungen (NCT)
Im Neuenheimer Feld 460
69120 Heidelberg
(06221) 56 59 34
www.dkfz.de

Priv.-Doz. Dr. Gunter Harald Wiest, Chefarzt
Dr. Claas Wesseler, Oberarzt, Leiter der thoraxonkologischen Tagesklink, §116B-Ambulanz
Klinik für Atemwegs-, Lungen- und Thoraxmedizin, Pneumologie
Asklepios-Klinikum Harburg
Eißendorfer Pferdeweg 52
21075 Hamburg-Harburg
(040) 18 18 86 22 41
www.asklepios.com

Dieses Thema im Programm:

Visite | 03.12.2019 | 20:15 Uhr

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