Stand: 10.04.2018 17:00 Uhr  | Archiv

In 20 Wochen Wartezeit kann viel passieren

Wer sich als Kassenpatient entschließt, Psychotherapie in Anspruch zu nehmen, muss sehr oft sehr lange auf die erste Sitzung warten - laut einer bisher unveröffentlichten Umfrage der Bundespsychotherapeutenkammer im Schnitt knapp 20 Wochen. Einen privaten Therapeuten zu suchen und sich die Kosten dann erstatten zu lassen, ist meist auch keine Lösung, denn da legen sich die Kassen quer. Werden die Patienten im Stich gelassen?

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Elisabeth Weydt meint, dass es kurzsichtig sei, psychische Probleme nicht in ihrem Anfangsstadium zu behandeln.

20 Wochen Wartezeit - so lange muss man als Kassenpatient oft auch auf seinen Zahnarzttermin warten. Von Operationen ganz zu schweigen. "Wo ist das Problem?", könnte man fragen. "Reißt euch doch einfach ein bisschen zusammen, stellt euch nicht so an."

Wer Menschen mit psychischen Krankheiten kennt, weiß, dass das genau das Falsche ist, was man diesen Menschen sagen kann. Wer in einer psychischen Krise ist, braucht schnell Hilfe. Und wer sich erst einmal überwindet, um diese Hilfe zu bitten, sollte nicht lange warten müssen oder in ein bürokratisches Labyrinth aus Telefonwarteschleifen, Kostenerstattungsverfahren und Widerspruchsauschüssen geschickt werden.

Neben Menschlichkeit zählt auch Wirtschaftlichkeit

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Vor einem Jahr wurde die Behandlung mit Psychotherapie reformiert. Doch Patienten müssen weiterhin lange auf eine Therapie warten. Auch, weil Krankenkassen restriktiver handeln. mehr

Das ist nicht nur eine Frage der Menschlichkeit, sondern auch schlicht der Wirtschaftlichkeit. Schon jetzt zahlen die Krankenkassen mehr für Menschen, die aufgrund von psychischen Krankheiten im Beruf ausfallen, als für die ambulante Psychotherapie - also mehr für Nachsorge als für Vorsorge.

Es ist kurzsichtig, psychische Probleme nicht in ihrem Anfangsstadium zu behandeln, sondern erst, wenn der Betroffene so sehr leidet, dass er seinen Alltag nicht mehr auf die Reihe bekommt oder - im Extremfall - gegen sich oder andere Gewalt anwendet. In 20 Wochen Wartezeit kann viel passieren.

Viele Anträge auf Kostenerstattung werden abgelehnt

Wer keinen Platz bei einem Kassentherapeuten findet, kann zu einem Privattherapeuten gehen und sich die Behandlung von seiner Krankenkasse erstatten lassen. Die Kassen sind dazu verpflichtet, für Ersatz zu sorgen, falls eine Therapie nötig, aber bei einem Kassentherapeuten nicht möglich ist.

Die Reform vor einem Jahr hat an diesem Verfahren nichts geändert. Trotzdem wird nach einer ebenfalls noch unveröffentlichten Umfrage mehrerer Landespsychotherapeutenkammern etwa jeder zweite dieser Anträge auf Kostenerstattung abgelehnt. Im Jahr 2016 war es nur jeder Fünfte. 

Ein direkter Weg in den Irrsinn

Die Gründe sind oft sachlich falsch und pauschal. Sehr häufig wird die Reform im vergangenen Jahr angeführt. Das ist irrwitzig. Die Reform sollte die Wartezeiten verkürzen, das hat sie kaum getan. Stattdessen scheinen die Kassen sie zu nutzen, um den Notfallweg über einen Privattherapeuten massiv einzuschränken. Einige der Ablehnungsschreiben, die dem NDR vorliegen, klingen wie aus einem Kafka-Roman, voller Irreführungen und Widersprüche.

Bürokratische Hürden zu überwinden, ist schon mit einer gesunden Psyche schwer erträglich. Doch mit schwachen oder kaputten Nerven wird das zu einer gefährlichen Zumutung. Ein direkter Weg in den Irrsinn.

 

 

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NDR Info | Kommentar | 10.04.2018 | 17:08 Uhr

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