Hörgeräte: Ursachen und Diagnose von Schwerhörigkeit

Stand: 18.07.2022 10:21 Uhr

Hörgeräte sollen Defizite im Hörvermögen ausgleichen und so die Kommunikation im täglichen Leben erleichtern. Übernimmt die Krankenkasse die Kosten? Und was sind die Ursachen für Schwerhörigkeit?

Das Hören gehört zu unseren wichtigsten Sinnen, denn es ermöglicht nicht nur die Kommunikation, sondern auch die Orientierung im Raum und das Wahrnehmen von Gefahren. Gut hören und verstehen ist ein entscheidendes Stück Lebensqualität und im Berufs- und Privatleben oft unabdingbar.

Doch viele Menschen, die bereits von ersten Anzeichen einer Schwerhörigkeit betroffen sind, scheuen sich davor, ihr Gehör bei einer Fachärztin oder einem Facharzt für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde oder einem Hörakustiker testen lassen. Oft spielt dabei die Eitelkeit eine Rolle, denn ein sichtbares Hörgerät wird von vielen Menschen als Stigma und Zeichen der Gebrechlichkeit angesehen und von vornherein abgelehnt. Dabei gibt es längst Hörgeräte, die von außen kaum noch wahrzunehmen sind. 

 

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Dr. Christine Löber zu Besuch im Studio. © Screenshot
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Hörgeräte: Welches Gerät ist für wen das Beste?

Hörgeräte sollen Defizite im Hörvermögen ausgleichen und so die Kommunikation im täglichen Leben erleichtern. Es gibt unterschiedliche Modelle. 5 Min

Was Hörgeräte leisten 

Hörgeräte sollen Defizite im Hörvermögen ausgleichen und so die Kommunikation im täglichen Leben erleichtern. Dafür müssen sie vier Aufgaben erfüllen: 

  • Geräusche verstärken 
  • Sprachverstehen bei Umgebungsgeräuschen verbessern 
  • räumliches Hören ermöglichen 
  • gegebenenfalls Beeinträchtigungen durch einen Tinnitus abmildern 

Diagnose durch Hörtests: Freifeld- oder Schallfeld-Audiometrie

Um festzustellen, ob ein Hörgerät tatsächlich sinnvoll und erforderlich ist, wird eine Reihe von Tests durchgeführt. 

Bei der am weitesten verbreiteten Freifeld- oder Schallfeld-Audiometrie wird das Hörvermögen mit Tönen oder Sprache über Lautsprecher geprüft. Sie wird in der Diagnostik von Hörproblemen eingesetzt, aber auch bei der Anpassung von Hörgeräten. Die Freifeldaudiometrie ermöglicht die Beurteilung des beidohrigen Hörens unter unterschiedlichen Bedingungen. Zunächst wird die Erkennung von Sprache in ruhiger Umgebung geprüft, dann mit Störgeräuschen, zum Beispiel Meeresrauschen oder Partylärm. So soll das Verstehen von Sprache in einer realistischen Hörsituation beurteilt werden. Weitere Messungen folgen unter Kopfhörern, um die Frequenzen zu messen, die nicht mehr gut gehört werden.

Erstanpassung des Hörgerätes

Bei einer erstmaligen Verordnung muss die HNO-Ärztin oder der HNO-Arzt die Ursache des Hörverlustes feststellen, den Grad der Beeinträchtigung testen und prüfen, ob der Patient oder die Patientin mit dem Gerät zurechtkommen würde. Abhängig davon wird eine Hörhilfe verordnet. Die Zufriedenheit mit dem Hörgerät wird maßgeblich von der Erstanpassung der Akustikerin oder des Akustikers beeinflusst. Sie erfolgt auf Grundlage der ärztlichen Verordnung und berücksichtigt das individuelle Hörverlustmuster. In der Regel erfordert diese Feinabstimmung mehrere Termine über Wochen. Anschließend erfolgt die ärztliche Kontrolle in der HNO-Praxis. 

Ursachen von Schwerhörigkeit 

Alle Geräusche erreichen unser Ohr in Form von Schallwellen. Sie treffen zuerst auf das Trommelfell und erreichen schließlich das Mittelohr mit den drei Gehörknöchelchen. Diese verstärken den Schall und übertragen ihn auf die Sinneszellen der dahinterliegenden Hörschnecke, die ihn in Form von elektrischen Impulsen ans Gehirn weiterleiten. Mit fortschreitendem Alter verkümmern immer mehr dieser Zellen. Lärm verstärkt diesen Effekt und kann schon in jüngeren Jahren zu Schwerhörigkeit führen.  

Hörgeräte-Typen: Unterschiede in Klangfarbe und Handhabung

Welches Hörgerät die eigenen Bedürfnisse am besten erfüllt, kann jeder Betroffene beim Hörgeräteakustiker ausgiebig testen. Die Modelle unterscheiden sich nicht nur in der Optik, sondern auch in der Klangfarbe und in der Handhabung. Anders als die früher gängigen analogen Hörgeräte lassen sich digitale Hörgeräte so programmieren, dass sie sich automatisch auf verschiedene Hörsituationen einstellen. Sie blenden störende Hintergrundgeräusche wie Verkehr, Wind oder Stimmengewirr aus, dämpfen plötzlich auftretende Geräusche und verstärken die Sprache.  

Im Prinzip gibt es heute zwei große Gruppen von Hörgeräten: Entweder sitzen sie innerhalb des Ohres oder hinter der Ohrmuschel.

Hinter-dem-Ohr-Hörgeräte sind sichtbar

Hinter-dem-Ohr-Hörgeräte (HdO) sind die am weitesten verbreiteten Hörhilfen. Sie werden am äußeren Ohr getragen und sind daher grundsätzlich sichtbar, wenn auch viel unauffälliger als die klobigen Vorgänger vor zwei Jahrzehnten. Die Ohrpassstücke (Otoplastiken) werden individuell für unterschiedliche Ohrgrößen, -formen und Farben angefertigt. Bei Schlauch-Hörsystemen sitzt der Lautsprecher im Hörgerät und der Schall wird durch einen kleinen Schlauch in den Gehörgang geleitet. Bei anderen Systemen sitzt der Lautsprecher direkt im Gehörgang und ist über ein dünnes Kabel mit dem Hörgerät verbunden. Sie klingen weniger verzerrt und sind meist kleiner als Schlauch-Hörsysteme.

In-dem-Ohr-Hörgeräte sind kaum sichtbar

In-dem-Ohr-Hörgeräte (IdO) sind so klein, dass sie komplett im Gehörgang Platz finden und von außen kaum zu sehen sind. Dafür werden Abdrücke von den Ohren genommen, um sie die Hörgeräte perfekt anzupassen. Allerdings können sie als Fremdkörper im Ohr wahrgenommen werden sowie durch vermehrte Bildung von Ohrenschmalz zum Verschluss des Gehörganges führen und sie sind deutlich teurer. Zudem sind sie bei einem starken Hörverlust oft überfordert.

Das als ITE (In-the-ear) bezeichnete klassische IdO-Modell füllt die Ohrmuschel komplett aus und bleibt daher trotz Anpassung an den individuellen Hautton sichtbar. Die ITC (In-the-canal)-Hörsysteme sind deutlich kleiner, die Ohrmuschel bleibt frei. Das Hörgerät ist im Gehörgang sichtbar, allerdings recht unauffällig.

Sogenannte Gehörgangs- oder CIC-Systeme (Completely-in-the-canal) liegen vollständig im Gehörgang und sind fast nicht zu sehen. Um das Gerät zu reinigen oder die Batterie auszutauschen, wird es an einem Nylonzugfaden aus dem Gehörgang gezogen. 
Noch kleiner sind IIC-Systeme (Invisible-in-the-canal). Sie werden tief in den Gehörgang eingeführt und kurz vor der zweiten Krümmung des Ohrkanals platziert. Von außen sind sie komplett unsichtbar. Auch sie werden zum Batteriewechsel an einem Nylonfaden herausgezogen. 

Hörgeräte: Was bezahlt die Krankenkasse? 

Verschreibt eine HNO-Ärztin oder ein HNO-Arzt ein Hörgerät, werden die Kosten von den gesetzlichen Krankenkassen grundsätzlich getragen. Außerdem übernimmt die Krankenkasse die Kosten für Beratung und Anpassung des Geräts durch eine Hörgeräteakustikerin oder einen Hörgeräteakustiker. Die komplette Kostenübernahme gilt allerdings nur für die medizinisch notwendige Versorgung.

Ob das von der Krankenkasse bezahlte Basismodell ausreicht, ist aber individuell verschieden. In der Regel übernimmt die Krankenkasse einen Vertragspreis von 685 Euro pro Hörgerät. Dazu kommen noch eine Pauschale für individuell gefertigte Ohrstücke und eine Servicepauschale für Reparaturen. Bei an Taubheit grenzender Schwerhörigkeit übernimmt die Krankenkasse rund 840 Euro. Wer sich für ein teureres, unauffälligeres System entscheidet, muss den Mehrpreis selbst zahlen. Wer aber nicht nur aus optischen, sondern aus medizinischen Gründen ein teureres Hörgerät auswählt, sollte bei der Krankenkasse die Übernahme der Mehrkosten beantragen. Moderne Hörgeräte sollen etwa sieben Jahre haltbar sein. Da der Alterungsprozess voranschreitet, sollten sie regelmäßig nachjustiert und auf die neuen Anforderungen eingestellt werden. Nach frühestens sechs Jahren bezahlt die Krankenkasse ein neues Gerät. 

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Visite | 19.07.2022 | 20:15 Uhr

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