Stand: 14.04.2020 13:16 Uhr

Infarkt ohne Schmerzen: Herz in Gefahr

Ein Herz mit Adern leuchtet in einem Oberkörper. © fotolia.com Foto: nerthuz
Bei einem Herzinfarkt werden Teile des Herzmuskels nicht mehr mit Sauerstoff versorgt.

Stechen in der Brust, Luftnot, Übelkeit: Wenn diese Symptome eines Herzinfarkts auftauchen, sofort 112 wählen! Nicht zögern, auf keinen Fall abwarten - dieser lebenswichtige Leitsatz gilt natürlich auch jetzt, in Zeiten von Corona. Aber längst nicht immer treten die typischen Symptome auf. Bei vielen Betroffenen äußert sich ein Infarkt ganz anders oder bleibt sogar völlig "stumm". Auch in diesen Fällen ist es lebenswichtig, den Infarkt zu erkennen und so schnell wie möglich zu behandeln. Besonders gefährdet sind ältere Menschen und Diabetiker.

VIDEO: Stummer Infarkt: Herz in Gefahr (5 Min)

Herzinfarkt bedeutet immer Lebensgefahr

Bei einem Herzinfarkt kommt es zum plötzlichen und vollständigen Verschluss eines Herzkranzgefäßes. Teile des Herzmuskels werden dann nicht mehr mit Sauerstoff versorgt, Muskelgewebe stirbt ab. Oft kommt es dadurch zu akuten Herzrhythmusstörungen, beim Kammerflimmern pumpt das Herz nicht mehr. Ein Herzinfarkt bedeutet also immer Lebensgefahr. Bei einem Verdacht sollte man daher nicht zögern, sofort den Notruf 112 zu wählen. Nicht mit dem eigenen Auto in die Notaufnahme fahren!

Im Gespräch
Dr. Melanie Hümmelgen
7 Min

Stummen Herzinfarkt erkennen

Ein Herzinfarkt bedeutet immer Lebensgefahr. Besonders tückisch ist der "stumme" Infarkt, bei dem kaum Symptome auftreten. Dr. Melanie Hümmelgen informiert. 7 Min

Schnelles Handeln ist wichtig

Drei Viertel der Todesfälle nach einem Herzinfarkt ereignen sich zu Hause - ohne dass die Betroffenen einen Arzt gerufen haben. Schuld daran ist oft die Hemmung, wegen vermeintlich harmloser Brustschmerzen gleich den Notarzt zu rufen. Doch die Retter können bei plötzlich auftretenden Komplikationen wie dem Kammerflimmern sofort eingreifen und den Kreislauf stabilisieren.

Weitere Informationen
Grafik eines Herzens © NDR

Herzinfarkt: Wie hoch ist Ihr Risiko?

Mit dem Test der Assmann-Stiftung können Sie ermitteln, wie hoch Ihr individuelles Herzinfarktrisiko ist. extern

In der Klinik muss das verstopfte Gefäß schnellstmöglich wieder geöffnet werden. Nur wenn das innerhalb der ersten eineinhalb Stunden nach einem Herzinfarkt gelingt, kann sich das Muskelgewebe erholen.  Doch das wird mit jeder Miute schwerer. Dann besteht die Gefahr einer chronischen Herzschwäche, im schlimmsten Fall versagt das Herz und der Betroffene stirbt.

Symptome eines Herzinfarkts

Bei einem Herzinfarkt haben Frauen oft andere Symptome als Männer. Sie kommen deshalb meist später in die Notaufnahme eines Krankenhauses. Jährlich werden in Deutschland etwa 222.600 Frauen, aber doppelt so viele Männer wegen einer "ischämischen Herzkrankheit" stationär behandelt. Und immer noch sterben relativ gesehen mehr Frauen als Männer an einem Herzinfarkt (43 Prozent gegenüber 37 Prozent).

Statt Brustschmerzen verspüren Frauen bei einem Herzinfarkt häufig Kurzatmigkeit, sehr oft auch starke Übelkeit mit Erbrechen, Oberbauchbeschwerden, Rücken- und Nackenschmerzen, manchmal sogar Zahn- und Kieferschmerzen. Die Beschwerden strahlen vom Herzen aus.

Anzeichen für einen Herzinfarkt

Folgende Alarmzeichen können auf einen Herzinfarkt hindeuten: 

  • schwere, länger als fünf Minuten anhaltende Schmerzen in der Brust, die in Arme, Schulter, Hals, Kiefer oder Oberbauch ausstrahlen können

  • starkes Engegefühl, heftiger Druck, Brennen in der Brust, Atemnot

  • zusätzlich Übelkeit, Brechreiz, Angst

  • Schwächegefühl, auch ohne Schmerz

  • blasse, fahle Gesichtsfarbe, kalter Schweiß

  • nächtliches Erwachen mit Schmerzen in der Brust ist ein besonderes Alarmzeichen

  • bei Frauen: Atemnot oder Kurzatmigkeit, Übelkeit, Oberbauchschmerz, Brechreiz oder Erbrechen, Rückenschmerzen, Zahnschmerzen oder Kieferschmerzen

Stummer Infarkt bei Diabetikern

Besonders gefährdet sind Menschen mit Diabetes. Ein Grund dafür: Die Zuckerkrankheit kann die Nerven beschädigen, auch am Herz. Dann entsteht beim Infarkt kein Schmerzsignal. Außerdem verschließen sich bei Diabetikern über eine lange Zeit viele kleine Gefäße. Wenn es dann zum Infarkt kommt, bleibt der plötzlich eintretende heftige Brustschmerz oft aus. Eine aktuelle Studie zeigt: Bei einem von fünf Diabetikern mit Herz-Risikofaktoren wie Bluthochdruck sind im Herz-MRT Anzeichen eines unbemerkten Infarkts feststellbar.

Stummer Infarkt bei älteren Menschen

Auch bei Älteren stehen häufig atypische Beschwerden im Vordergrund. Kurzatmigkeit, Schwäche und Schmerzen im linken Arm sind typische Signale. Häufig werden diese allerdings aufgrund von Vorerkrankungen nicht erkannt oder falsch zugeordnet.

Folgen eines stummen Infarkts

Ein Infarkt ohne Schmerzen ist genauso gefährlich wie ein normaler Infarkt. Bleibt er unbemerkt, drohen schwere Schäden am Herzmuskelgewebe. Die Folgen können Herzschwäche und Rhythmusstörungen sein. Verschlossene Herzgefäße können auch im Nachhinein zum Beispiel durch einen Stent geöffnet werden, um möglichst viel Herzmuskel zu zu erhalten. Außerdem muss die zugrunde liegende chronische Erkrankung der Koronararterien behandelt werden, um einen weiteren Infarkt zu vermeiden.

Herzinfarkt-Ambulanzen in vielen deutschen Kliniken

In vielen deutschen Kliniken gibt es sogenannte Chest Pain Units, spezielle Ambulanzen für Erkrankte mit akuten Brustschmerzen. Hier sollen Infarkte besonders schnell erkannt und behandelt werden. Die Ambulanzen sind nach US-amerikanischem Vorbild aufgebaut. Dort wurde die Sterblichkeitsrate nach Herzinfarkten um 37 Prozent gesenkt.

Die Chest Pain Units sind rund um die Uhr geöffnet und speziell für Herzinfarkt-Patienten vorbereitet. In kürzester Zeit werden EKG- und Laboruntersuchungen durchgeführt, die zeigen, ob sich hinter den Symptomen eine lebensbedrohliche Erkrankung wie ein Herzinfarkt verbirgt, die sofort behandelt werden muss.

Schnelle Behandlung steigert die Überlebenschance

Wird ein Herzinfarkt innerhalb der ersten Stunden im Herzkatheterlabor therapiert, steigt die Überlebenswahrscheinlichkeit erheblich. Im Notfall ist eine Herzkatheter-Untersuchung die Standardtherapie.

Dabei schiebt der Kardiologe einen dünnen Kunststoffschlauch über die Leiste bis zum Herzen. Spezielle Röntgenverfahren mit Kontrastmitteln machen die Herzkranzarterien sichtbar. Mögliche Engstellen lassen sich genau lokalisieren, aufdehnen und durch spezielle Gefäßstützen (Stents) offen halten.

Reicht dies nicht aus, müssen die riskanten Engen durch eine Bypass-Operation überbrückt werden.

Herzinfarkt vorbeugen

Wie hoch das individuelle Herzinfarktrisiko ist, kann ein Arzt mit Ultraschall, Blut- und Belastungstests klären. Die wichtigsten Ursachen für Verengungen der Herzkranzgefäße sind sind:

Zur Vorbeugung empfehlen Ärzte eine gesunde Ernährung, ausreichend Bewegung und Abnehmen bei Übergewicht. Auf Rauchen oder größere Mengen Alkohol sollte man verzichten.

Weitere Informationen
Herzrythmus, EKG © picture-alliance Foto: Graziano G./CHROMORANGE

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Experten zum Thema

Dr. Melanie Hümmelgen, Fachärztin für Innere Medizin und Kardiologie
Leitende Ärztin der Kardiologischen Abteilung und stellv. Ärztliche Direktorin
RehaCentrum Hamburg
Martinistraße 66
20246 Hamburg
www.rehahamburg.de


Prof. Dr. Morten Schütt, Facharzt für Innere Medizin                                          
Praxis Diabetes plus - Diabetologische Schwerpunktpraxis
Koberg 4, 23552 Lübeck
www.diabetes-luebeck.de

Dr. Moritz Montenbruck, Facharzt für Innere Medizin und Kardiologie Leitender Arzt des Zentrum für kardiale Bildgebung
Katholisches Marienkrankenhaus gGmbH 
Alfredstr. 9, 22087 Hamburg
www.marienkrankenhaus.org

Weitere Informationen
PROCAM-Gesundheitstest: Herzinfarktrisiko testen
www.assmann-stiftung.de

Dieses Thema im Programm:

Visite | 14.04.2020 | 20:15 Uhr

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