Stand: 05.06.2018 12:30 Uhr  | Archiv

Koronare Herzerkrankung: Bypass oder Stent?

Bild vergrößern
Viele Erkrankte scheuen die aufwendige Bypass-Operation.

Die Koronare Herzerkrankung (KHK) zählt weltweit zu den häufigsten Herzerkrankungen, in Deutschland sind rund 1,5 Millionen Menschen betroffen. Es handelt sich dabei um eine Erkrankung der Herzkranzgefäße, bei der Kalkablagerungen in den Gefäßwänden zu einer Verengung der Blutgefäße führen. Die Folge ist eine Störung der Durchblutung und damit eine Beeinträchtigung der Sauerstoffversorgung des Herzmuskels.

Symptome und Therapie der Koronaren Herzerkrankung

Typische Beschwerden einer Sauerstoffunterversorgung des Herzmuskels sind stechende Schmerzen in der Brust und Brustenge (Angina pectoris). Bei einem vollständigen Verschluss eines Herzkranzgefäßes kommt es zu einem Herzinfarkt mit dem Untergang von Herzmuskelzellen.

Die Koronare Herzerkrankung lässt sich nicht heilen. Allerdings kann man das Fortschreiten durch Umstellen der Ernährung und der Lebensgewohnheiten und den Einsatz von Medikamenten verzögern.

Als wichtigste Risikofaktoren für die Entwicklung einer Koronaren Herzkrankheit gelten erbliche Veranlagung, ein erhöhter Cholesterinspiegel, Übergewicht, Rauchen, Bluthochdruck sowie Diabetes und Bewegungsmangel.

Im Gespräch

Chat-Protokoll: Herz-OP - Bypass oder Stent?

Durchblutungsstörungen am Herzen lassen sich mit einer Gefäßstütze oder einem Bypass behandeln. Der Herzchirurg Axel Haverich hat im Visite Chat Fragen zum Thema beantwortet. mehr

Herzkatheter und Stent

Die Herzkranzgefäße befinden sich an der Oberfläche des Herzens und versorgen den Muskel mit Sauerstoff. In ihrem gesamten Verlauf können Engstellen oder Verschlüsse auftreten. Diese lassen sich mit einer Herzkatheteruntersuchung sichtbar machen. Dazu schiebt der Kardiologe vom Handgelenk oder der Leiste aus einen dünnen Draht bis zum Herzen und spritzt ein Röntgenkontrastmittel. Das Herz wird durchleuchtet und so die Herzkranzgefäße beurteilt.

Schon während der Untersuchung kann der Kardiologe das verengte Gefäß aufweiten (perkutane transluminale coronare Angioplastie, PTCA). Dabei wird eine Gefäßstütze aus einem Metallgitter, ein Stent, eingesetzt, der das Blutgefäß offen halten soll.

Bypass: Engstelle im Gefäß überbrücken

Die Bypass-Operation wird von Herzchirurgen durchgeführt und ist eine der häufigsten Herzoperationen. Dabei werden die verengten oder verschlossenen Herzkranzgefäße durch eine Umleitung überbrückt. Dazu dienen Gefäße aus anderen Teilen des Körpers, vorzugsweise aus der Brustwandarterie (Arteria mammaria interna), alternativ aus Armarterien oder Beinvenen. Arterien-Bypässe sind länger haltbar als Venen-Bypässe: Zehn Jahre nach der Operation sind noch bis zu 95 Prozent der arteriellen Bypässe offen. Bei den venösen sind es nur 65 Prozent. Ein Bypass dagegen beginnt und endet in gesunden Gefäßabschnitten und entlastet die verengten Gefäße, auch wenn mehrere Gefäße betroffen sind.

Bypass-Operation am offenen Herzen

In den meisten Fällen findet die Operation am offenen Herzen unter Einsatz der Herz-Lungen-Maschine statt. Dazu wird nach der Eröffnung des Brustkorbes das Herz aus dem Körperkreislauf ausgeschaltet. Das Blut wird vor dem Herzen in die Herz-Lungen-Maschine umgeleitet. Sie übernimmt während der Operation die Funktion des Herzens und der Lunge. Anschließend wird das Blut hinter dem Herzen wieder in den Köperkreislauf zurückgeführt. 

Bypass-Operation am schlagenden Herzen

Eine Bypass-Operation kann auch am schlagenden Herzen ohne den Einsatz einer Herz-Lungen-Maschine erfolgen. Damit die Bypässe sicher eingenäht werden können, wird das Herz mithilfe einer speziellen Technik lokal ruhig gestellt. Das Verfahren ist technisch anspruchsvoller als die Bypass-Operation am offenen Herzen.

Vorteil der Bypass-Operation am schlagenden Herzen ist vor allem das geringere Schlaganfallrisiko. Denn durch den Anschluss der Herz-Lungen-Maschine in die Hauptschlagader besteht die Gefahr, dass sich Verkalkungen aus der Gefäßwand lösen und ins Gehirn gespült werden. Außerdem kann der Kontakt des Blutes mit der Oberfläche des Materials der Herz-Lungen-Maschine zu einer allgemeinen Entzündungsreaktion im Körper führen. Dadurch kann sich die Funktion lebenswichtiger Organe wie Lunge und Nieren verschlechtern.

Heilung nach Bypass-Operation

Nach einer Bypass-Operation werden Betroffene in der Regel ein bis drei Tage auf der Intensivstation betreut. Nach einem stationären Aufenthalt schließt sich eine Heilbehandlung an (Anschlussheilbehandlung AHB). Die Wundheilung im Bereich des Brustkorbes ist in der Regel nach zwei Monaten abgeschlossen, dann sind Betroffene körperlich in der Regel wieder voll belastbar.

Leitlinien: Bypass oder Stent?

Internationale Experten haben Leitlinien für die optimale Therapie bei Koronarer Herzerkrankung zusammengetragen. Sie sollen dafür sorgen, dass jeder Erkrankte nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft behandelt wird. Demnach ist ein Stent die geeignete Therapie,

  • bei einem akuten Herzinfarkt als lebensrettender Eingriff
  • wenn nur ein bis zwei Gefäße betroffen sind
  • wenn die Engstellen nur kurze Strecken des Gefäßes betreffen
  • bei älteren Patienten mit einer komplexen Herzerkrankung, denen eine Bypass-Operation nicht zuzumuten ist

Bei komplexeren Verengungen, die die linke Koronararterie betreffen (Hauptstammstenose), und bei Veränderung aller drei Koronararterien besteht die Therapie der Wahl in einer Bypass-Operation. Studien haben den Überlebensvorteil in diesen Fällen eindeutig belegt.

Oft scheuen Betroffene die aufwendige Bypass-Operation und fordern einen Kathetereingriff. Doch auch der Einsatz eines Stents in die verengten Gefäßabschnitte kann zu Komplikationen führen.

Behandlung durch Herz-Teams

In der Regel sieht der Kardiologe Menschen mit Herzerkrankungen zuerst. Experten kritisieren, dass Herzchirurgen zu spät in die Behandlung eingebunden werden. So kommt es dazu, dass Kardiologen auch in schweren Fällen Stents setzen, obwohl eine Bypass-Operation geeigneter wäre. Damit weichen behandelnde Ärzte von den Empfehlungen der Leitlinien ab. Das belegt eine große Studie der Techniker Krankenkasse.

In großen Zentren, etwa Universitätskliniken, arbeiten Kardiologen und Herzchirurgen bei der Behandlung der Koronaren Herzerkrankung eng zusammen. Als fachübergreifendes Herz-Team wägen sie gemeinsam Begleitfaktoren wie Erkrankungen und anatomische Besonderheiten ab. Das Team soll sicherstellen, dass jeder Erkrankte die beste individuelle Therapie erhält. Doch nicht jede Klinik hat eine Herzchirurgie. Dann ist es möglich, dass die Kardiologen während der Katheteruntersuchung über eine Standleitung einen Herzchirurgen aus einem Zentrum hinzuziehen.

Experten zum Thema

Prof. Dr. Axel Haverich
Leiter der Klinik für Herz-, Thorax-,Transplantations- und Gefäßchirurgie
Medizinische Hochschule Hannover
Carl-Neuberg Straße 1, 30625 Hannover
www.mh-hannover.de/kliniken/thg

Prof. Dr. Marc W. Merx, Chefarzt
Klinik für Herz- und Gefäßkrankheiten und Internistische Intensivmedizin
KRH Klinikum Robert Koch Gehrden
Von-Reden-Straße 1, 30989 Gehrden
Tel. (05108) 69-0
www.krh.eu

Dr. Jürgen Axel, Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie
Neuer Wall 39, 20354 Hamburg
Tel. (040) 36 90 19-05, Fax (040) 36 90 17-60
www.alstercardio.de

Weitere Informationen
Patienteninformationen der BÄK/KBV: "Verengte Herzkranzgefäße - Stent oder Bypass?"
www.patienten-information.de

TK-Studie "Guidelines versus reality"
www.springermedizin.de

Dieses Thema im Programm:

Visite | 05.06.2018 | 20:15 Uhr

Mehr Ratgeber

12:26
Mein Nachmittag
11:57
Mein Nachmittag
28:24
Wie geht das?