Haarausfall: Nebenwirkungen bei Finasterid unterschätzt

Stand: 25.01.2021 12:07 Uhr

Das Medikament Finasterid soll bei Haarausfall helfen. Die Nebenwirkungen wie Depressionen, Libidoverlust oder Erektionsstörungen werden dabei allerdings häufig unterschätzt.

Finasterid, besser bekannt unter dem Handelsnamen Propecia, ist ein bei Männern sehr beliebtes Medikament gegen den erblich bedingten Haarausfall. Genaue Absatzzahlen gibt es nicht, da Finasterid zwar rezeptpflichtig ist, als Lifestyle-Medikament aber von den Krankenkassen nicht bezahlt wird.

Die Tabletten werden vom Hautarzt verordnet, drohende schwere Nebenwirkungen aber viel zu oft unterschätzt. Finasterid ist schon seit Jahrzehnten auf dem Markt und wird eigentlich zur Behandlung von Prostataproblemen eingesetzt. Hauptindikation ist eine vergrößerte Prostata bei älteren Männern, denen Finasterid die OP ersparen kann. Die Verhinderung des Haarausfalls bei jungen Männern kam erst später als zweite Indikation hinzu.

Eingriff in den Hormon-Stoffwechsel

Der Wirkstoff Finasterid greift tief in den Stoffwechsel ein, hemmt die sogenannte 5-Alpha-Reduktase in den Zellen, die für die Umwandlung des Sexualhormons Testosteron in das aktivere Dihydrotestosteron (DHT) zuständig ist. Dieses sorgt bei Kindern für die Ausbildung der männlichen Geschlechtsorgane, aber auch für das Wachstum der Körperbehaarung und für den Haarausfall auf dem Kopf.

Nebenwirkungen: Erektionsstörungen und Libidoverlust

Finasterid blockiert die Produktion des DHT mit dem gewollten Nebeneffekt, dass Haare nicht mehr ausfallen. Doch viele junge Patienten leiden unter schweren Nebenwirkungen: Sie bekommen keine Erektion mehr, haben kein Gefühl mehr in der Eichel, Geschlechtsverkehr ist nicht mehr möglich. Auch die Libido und das Orgasmusgefühl gehen verloren.

Post-Finasterid-Syndrom: Schlafmangel und Depressionen

Die Nebenwirkungen von Finasterid bleiben manchmal bestehen, obwohl die Betroffenen die Tabletten nicht mehr einnehmen. Experten sprechen dabei von einem sogenannten Post-Finasterid-Syndrom, das allerdings nicht als eigenständige Krankheit anerkannt und vielen Ärzten unbekannt ist. Zu den Symptomen gehören neben dem Libidoverlust auch chronische Schmerzen, Schlafmangel und Depressionen.

Experten vermuten, dass Finasterid nicht nur in den Testosteron-Stoffwechsel eingreift, sondern das hormonelle Gleichgewicht und damit die ausgeglichene Stimmung dauerhaft schädigt, was schließlich zu einer Depression führt. Ein Post-Finasterid-Syndrom nachzuweisen ist allerdings schwierig, denn die Blutwerte sind dabei normal, obwohl die Betroffenen weiter unter den Beschwerden leiden. Ärzte warnen deshalb junge Männer davor, nur wegen Haarausfalls leichtfertig Pillen zu schlucken.

Experten zum Thema

Prof. Dr. Hartmut Porst, Urologe
European Institute for Sexual Health (EISH)
Privatinstitut für Urologie, Andrologie und Sexualmedizin
Ballindamm 3
20095 Hamburg
www.porst-hamburg.de

Prof. Dr. Michael Zitzmann, Oberarzt
'Centrum für Reproduktionsmedizin und Andrologie
Abteilung für Klinische und Operative Andrologie
Universitätsklinikum Münster
Albert-Schweitzer-Campus 1
48149 Münster
www.ukm.de/index.php?id=repro_uebersicht

Weitere Informationen
Rote-Hand-Brief des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM)
www.bfarm.de/SharedDocs/Risikoinformationen/Pharmakovigilanz/DE/RHB/2018/rhb-finasterid.html

 

Weitere Informationen
Ein junger Mann begutachtet seinen Haaransatz im Spiegel. © picture alliance/dpa Themendienst Foto: Christin Klose

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Visite | 26.01.2021 | 20:15 Uhr

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