Stand: 19.09.2019 13:04 Uhr

Rüffer: Pränataltest hat selektiven Charakter

Bild vergrößern
Zu den pränatalen Bluttests auf das Downsyndrom gibt es eine kontroverse Debatte.

Gesetzliche Krankenkassen müssen künftig in Ausnahmefällen Bluttests bezahlen, mit denen bei Ungeborenen das Downsyndrom festgestellt werden kann. Das hat der gemeinsame Bundesausschuss von Ärzten, Krankenkassen und Kliniken am Donnerstag beschlossen. Anspruch auf Kostenübernahme haben demnach nur Frauen mit Risikoschwangerschaften, die sich umfassend ärztlich beraten lassen.

Der Bundesausschuss als oberstes Beschlussgremium des Gesundheitswesens in Berlin hatte schon zuvor signalisiert, eine Anerkennung als mögliche Kassenleistung sei im Einzelfall als medizinisch begründet anzusehen.

Ultraschallaufnahme eines Embryos. © picture alliance Foto: BSIP

Rüffer: "Test hat keinen medizinischen Nutzen"

NDR Info - Infoprogramm -

Ein Bundesausschuss entscheidet, ob der Pränatal-Bluttest bei Risikoschwangerschaften künftig von den Kassen übernommen wird. Fragen an die Grünen-Politikerin Corinna Rüffer.

2 bei 4 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

"Der Blick auf Behinderung verändert sich"

Die behindertenpolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, Corinna Rüffer aus Osnabrück, sagte auf NDR Info noch vor dem Beschluss des Ausschusses, dass die Entscheidung zu kompliziert sei, um sie einfach durchzuwinken. Es gehe um eine existenzielle Frage der Zukunft unserer Gesellschaft, erklärte die Bundestagsabgeordnete im Interview. Es könne nicht Aufgabe des Bundesausschusses sein, so eine komplexe Entscheidung zu treffen. Viele andere pränatale Tests stünden kurz vor der Zulassung: "Dadurch verändert sich natürlich der Blick auf Schwangerschaft, der Blick auf Behinderung, der Blick auf Leistungsfähigkeit."

Der Bundesausschuss sollte deshalb das Verfahren nicht einfach weiter durchziehen, sondern erst einmal ruhen lassen und darauf warten, bis der Bundestag seine Orientierung beendet und abgewogen habe, ob es eine gesetzliche Veränderung in diesem Bereich geben müsse oder nicht.

Kommentar

Am Ende steht die persönliche Entscheidung

Bisher wurde der pränatale Bluttest nicht von den Kassen bezahlt. Unter bestimmten Voraussetzungen ändert sich das jetzt. Eine echte Hilfe für Schwangere? Christopher Jähnert kommentiert. mehr

Trisomie 21: Steigt durch den Test der Druck auf Familien?

"Ich bin sehr skeptisch, was den Test anbelangt", sagte Rüffer weiter. Er habe ja keinen weiteren medizinischen Nutzen. Das Downsyndrom sei keine Krankheit, die man heilen könnte. Im Endeffekt stünden Frauen, wenn sie ein vermeintlich positives Ergebnis haben, also eine hohe Wahrscheinlichkeit bestehe, dass ein Kind mit Trisomie 21 geboren werden würde, vor der Entscheidung: "Möchte ich das Kind trotzdem austragen oder nicht?" Insofern habe der Test einen selektiven Charakter. "Das ist eine Fragestellung, mit der wir uns gesellschaftlich auseinandersetzen müssen, weil so viele andere Tests vor der Zulassung stehen."

Rüffer befürchtet, dass durch solche Tests der Druck auf Familien wachsen könne, ein Kind zu bekommen, das den gesellschaftlichen Erwartungen entspreche.

"Andere Länder sind schon viel weiter"

"Wir haben uns gesellschaftlich in Deutschland leider noch nicht genug damit beschäftigt. Da sind andere Länder sehr viel weiter". Deshalb sei es wichtig, dass der Bundesausschuss jetzt mit Rücksicht auf den Gesetzgeber, also den Bundestag, diese Entscheidung ruhend stelle und respektiere, dass es sich um eine komplizierte Frage handele.

Auch wenn der Ausschuss grünes Licht für den Bluttest als Kassenleistung gebe, müsse die Debatte weitergehen. "Wir werden den Prozess, den der Bundestag angestoßen hat, nicht von der Ausschuss-Entscheidung abhängig machen. Dazu ist die Frage viel zu wichtig."

Audios zum Thema
Weitere Informationen

Pränatal-Bluttest ist kein "genetischer TÜV"

Die meisten Schwangeren lassen sich pränatal­diagnostisch untersuchen, um auszuschließen, dass ihr Kind krank ist. Über den Grad einer möglichen Behinderung geben die Tests aber keine Auskunft. mehr

Die Pränataldiagnostik aus Sicht eines Arztes

Die Möglichkeiten der Pränataldiagnostik werden vielfältiger, damit ändern sich auch die Anforderungen für Mediziner. Der Beratungsbedarf steigt, ethische Fragen werden drängender. mehr

Ganz normales Familienleben - mit Downsyndrom

Lydia Zahmel ist Mutter einer zweijährigen Tochter mit Downsyndrom. Sie war keine Spätgebärende, bei der das Risiko, ein Kind mit Behinderung zu bekommen, größer ist als bei jungen Müttern. mehr

Besondere Talente der Menschen mit Downsyndrom

Wenn Jugendliche mit dem Downsyndrom erwachsen werden, wollen auch sie ihre Talente und Fähigkeiten weiterentwickeln. Auch im Jugendclub von KIDS Hamburg werden sie gezielt gefördert. mehr

Ethische Bedenken bei vorgeburtlichen Bluttests

Die einen sind dafür, die anderen dagegen: In der Diskussion, ob der vorgeburtliche Bluttest bei Schwangeren eine Kassenleistung werden soll, geht es auch um ethische Aspekte. mehr

"Eine Abtreibung war für uns keine Option"

Die Debatte um pränatale Bluttests verfolgt auch Rebecca Sefrin aus Lüneburg mit Interesse: Sie ließ den Test machen - und entschied sich, ihr Kind mit Downsyndrom zu bekommen. mehr

Schwangerschaft auf Probe?

Experten haben sich dafür ausgesprochen, dass Krankenkassen einen vorgeburtlichen Bluttests zur Erkennung von Trisomie 21 übernehmen. Der Druck auf Eltern würde dann steigen, kommentiert Peter Mücke. mehr

Down-Syndrom: Irgendwie anders, irgendwie normal

Mit dem Rap-Song "Irgendwie normal" setzt der Hamburger Verein KIDS zum heutigen Welt-Downsyndrom-Tag ein Zeichen für Vielfalt und Inklusion - und startet damit in sein 20. Jubiläumsjahr. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Infoprogramm | 19.09.2019 | 07:20 Uhr

Mehr Ratgeber

11:06
Mein Nachmittag
12:41
Mein Nachmittag
08:12
Mein Nachmittag