Multiple Sklerose: Weihrauch wirkt wie Kortison

Stand: 21.12.2020 21:38 Uhr

Forscher fanden heraus, dass Weihrauch bei Multipler Sklerose helfen könnte. Auch Myrrhe und Gold, die anderen biblischen Geschenke an das Jesuskind, werden in der modernen Medizin eingesetzt.

Als sich nach biblischer Überlieferung drei weise Männer aus dem Morgenland auf eine weite Reise begaben, trugen sie heilsame Gaben im Gepäck: Sie brachten Jesus Gold, Weihrauch und Myrrhe - die bedeutendsten Arzneimittel vor 2.000 Jahren spielen auch heute noch eine Rolle.

Weihrauch in der ayurvedischen Medizin

Weihrauch wird in der heißesten Jahreszeit geerntet: Mit tiefen Schnitten wird die Rinde der Weihrauchbäume eingeritzt. Ein Balsam tritt aus, der an der Luft zu Harz erhärtet. Der größte Teil wird in Äthiopien, Somalia, Indien und im Oman geerntet. Zehn Tonnen davon verbrennen jährlich in deutschen Kirchen - als Symbol für die Gebete, die zum Himmel aufsteigen.

Weihrauch aus Somalia enthält besonders viel Öl und ist begehrt in der Parfümindustrie. Der teuerste Weihrauch kommt aus Indien: Er wird besonders in der ayurvedischen Medizin in Indien verwendet und hat dort als Entzündungshemmer immer noch einen hohen Stellenwert.

Weihrauch: Boswellia-Säure lindert Entzündungen

Neben ätherischen Ölen enthält Weihrauch sogenannte Boswellia-Säuren, die chronische Entzündungen blockieren können. Boswellia-Säuren hat man bisher in der Natur nur im Weihrauch gefunden. Sie sind in der Lage, ein bestimmtes Entzündungsenzym umzuprogrammieren, das normalerweise sogenannte Leukotriene bildet.

Die Boswellia-Säure blockiert die Bildung dieser entzündungsfördernden Botenstoffe und bringt das Enzym sogar dazu, dass es entzündungsauflösende Botenstoffe produziert. Auf diese Weise kann geschädigtes Gewebe sogar repariert und regeneriert werden.

Pilotstudie beweist Wirksamkeit von Weihrauch

In einer Pilotstudie haben Forscher in Hamburg und Kiel 28 MS-Patientinnen und -Patienten mit einem eigens für die Studie hergestellten Weihrauchpräparat behandelt. Dabei zeigte sich, dass der entzündungshemmende Effekt deutlich ausgeprägter war, als sie im Vorfeld vermutet hatten. Anhand von magnetresonanztomografischen Aufnahmen beobachteten die Ärzte über drei Jahre lang die Wirkung des Weihrauchs auf das Gehirn der Probanden. Dabei sahen sie, dass im Hirn der MS-Patienten deutlich weniger Entzündungsherde und -schübe auftraten, wenn sie das Weihrauchpräparat eingenommen hatten.

Weihrauch wirkt wie Kortison, hat aber weniger Nebenwirkungen

Um akute Krankheitsschübe auszubremsen, nehmen MS-Patienten normalerweise Kortison ein. Das wirkt gut, hat aber auch beträchtliche Nebenwirkungen. Der hochdosierte pharmazeutische Weihrauch in der Studie war in der Wirkung vergleichbar, aber besser verträglich. Die Forscher sehen im Weihrauch großes Potenzial, nicht nur zur Behandlung der Multiplen Sklerose, sondern auch bei anderen entzündlichen Erkrankungen wie Osteo-Arthrose, rheumatoider Arthritis, Asthma, entzündlichen Hauterkrankungen, entzündlichen Magen-Darm-Erkrankungen oder auch anderen Autoimmunerkrankungen.

Weihrauch nicht als zugelassenes Arzneimittel erhältlich

Bisher gibt es Weihrauch allerdings nicht als zugelassenes Arzneimittel, sondern nur in Form freiverkäuflicher Nahrungsergänzungsmittel, die weder auf ihre Wirksamkeit noch auf Verunreinigungen wie Schwermetalle, Bakterien oder Schimmelpilze geprüft sind. Experten warnen daher vor einer eigenmächtigen Einnahme solcher Präparate. Da sich ein Naturprodukt wie Weihrauch nicht patentieren lässt, zeigt die pharmazeutische Industrie aber trotz der gegen die Multiple Sklerose so Erfolg versprechenden Wirksamkeitsdaten bisher wenig Interesse, daraus ein Medikament zu entwickeln und die teuren, für eine Zulassung neuer Präparate erforderlichen Studien durchzuführen.

Warnung vor Weihrauch aus dem Internet

Da Weihrauch aber wie ein Medikament wirken kann, warnen Experten vor Tabletten, Cremes und Ölen aus dem Internet, denn hier fehlen Studien ebenso wie eine verlässliche Dosierung oder Untersuchung von Neben- und Wechselwirkungen. Die Anbieter müssen nicht einmal nachweisen, wie ein Extrakt hergestellt wird und welche Dosis er tatsächlich enthält.

Myrrhe beruhigt die Schleimhäute

In der Bibel wird die Myrrhe besonders oft erwähnt. Als Allheilmittel sollte sie die Wundheilung unterstützen und bei inneren Leiden helfen - als Salbe oder gelöst in einer Tinktur. Vor 2.000 Jahren wurde Myrrhe vor allem äußerlich angewendet, als Salböl gegen Husten und Bauchschmerzen.

Heute ist Myrrhe als traditionelles pflanzliches Heilmittel zugelassen und in Kapseln, Zahncremes, Tinkturen und Tabletten erhältlich. Zahnärzte empfehlen die Anwendung bei Entzündungen der Mund- und Rachenschleimhaut, da Myrrhe die Schleimhäute abschwellen lässt und die Heilung fördert. Aus diesem Grund wird sie auch bei entzündlichen Darmerkrankungen eingesetzt. Myrrhe-Rauch wird in der Aromatherapie eingesetzt, hat aber keine medizinische Wirkung.

Gold als medizinisches Heilmittel

Gold wurde schon im Altertum als medizinisches Heilmittel empfohlen. So sollte die Einnahme von Goldspänen zum Beispiel das Herz stärken. Auch heute noch ist Gold ein zugelassenes Arzneimittel, zum Beispiel organische Goldverbindungen bei sehr schmerzhaftem Gelenkrheuma. Zwar gibt es inzwischen wirkungsvollere Medikamente, doch wenn es dabei zu Unverträglichkeiten kommt, greifen Mediziner auf die Goldpräparate zurück.

Aber auch die Goldpräparate haben eine sehr hohe Nebenwirkungsrate, belasten vor allem Nieren und Leber. Auch deshalb wird Gold zum Einnehmen nur noch sehr selten verschrieben.

Gold als Zahnersatz

In der Zahnmedizin hat Gold einen festen Platz als Material für Zahnersatz wie Inlay, Krone oder Brücke. Da Gold vom Körper nur selten abgestoßen wird, könnte es auch eine geeignete Beschichtung für Medizinprodukte wie zum Beispiel Katheter sein.

Goldpartikel mit Wasser vermengt

Kolloidales Gold besteht aus winzigen Goldpartikeln, die mit Wasser vermengt und immer wieder gegen Krankheiten wie Alzheimer, Depressionen oder Impotenz angeboten werden. Eine Wirksamkeit der teuren Getränke konnte aber nie belegt werden.

Experten zum Thema

Univ.-Prof. Dr. Oliver Werz, Institutsdirektor
Institut für Pharmazie
Friedrich-Schiller-Universität Jena Philosophenweg 14
07743 Jena
www.pharmazie.uni-jena.de

Dr. Klarissa Hanja Stürner, Oberärztin
Klinik für Neurologie Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel
Arnold-Heller-Straße 3, Haus D
24105 Kiel
www.neurologie.uni-kiel.de

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Visite | 22.12.2020 | 20:15 Uhr

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