Gefährliche Weichmacher: Plastik im Alltag vermeiden

Stand: 22.10.2020 15:28 Uhr

Weichmacher sind in vielen Produkten des Alltags enthalten. Die sogenannten Phthalate können zu Allergien, Übergewicht und Unfruchtbarkeit führen. Der Verzicht auf Plastik kann die Belastung senken.

Weichmacher stecken zum Beispiel in

  • Kleidungsstücken, etwa in Turnschuhsohlen und Gummistiefeln
  • Kosmetikartikeln wie Shampoo, Sonnencreme und Nagellack
  • Lebensmitteln, die in Plastik verpackt sind
  • vielen anderen Produkten aus Weich-PVC

Phthalate sind nicht fest im Kunststoff gebunden. Sie dünsten mit der Zeit aus, reichern sich in der Raumluft und im Hausstaub an. Da Phthalate fettlöslich sind, können sie bei der Herstellung und aus der Verpackung in Nahrungsmittel übergehen, etwa in Wurst oder Käse.

Weichmacher in jeder untersuchten Probe

In Deutschland sind viele Menschen mit Weichmachern belastet. Toxikologen des Umweltbundesamtes fanden in jeder untersuchten Probe der vergangenen 15 Jahre zahlreiche Weichmacher - darunter auch bereits verbotene Stoffe. Besonders belastet sind demnach:

  • Personen, die sehr viel Fast Food und Fertiggerichte zu sich nehmen

  • Kinder, da sie Weichmachern in besonderem Maße ausgesetzt sind: Im Verhältnis zum Körpergewicht essen, trinken und atmen sie mehr Weichmacher als Erwachsene. Im Durchschnitt ist die Belastung zwei bis fünf Mal so hoch wie bei Erwachsenen.

Auswirkungen auf das Hormonsystem

Weichmacher wirken im Körper wie Hormone, bei Kindern auch auf die sexuelle Reifung. Dafür reichen bereits geringe Mengen: Die Wirkung der verschiedenen Substanzen summiert sich und bringt das Hormonsystem durcheinander. Das begünstigt hormonell beeinflusste Erkrankungen, zum Beispiel bestimmte Tumore, Übergewicht, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Auswirkungen auf das Immunsystem von Kindern

Forscher am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung untersuchten im Rahmen einer Langzeitstudie, wie Weichmacher auf das Immunsystem wirken. Dazu ermittelten sie bei schwangeren Frauen die Phthalat-Belastung und untersuchten später ihre Kinder. Sie entdeckten, dass Kinder, deren Mütter in der Schwangerschaft einer höheren Konzentration an Weichmachern ausgesetzt waren, häufiger an Neurodermitis erkrankten.

Im Blut der untersuchten Kinder fanden Forscher weniger Immunzellen. Insbesondere fehlten Zellen, die eine Überaktivierung des Immunsystems verhindern. Die Kinder hatten also keinen ausreichenden Schutz vor der Entwicklung von Allergien.

Auswirkungen auf das Erbgut

Im Tierversuch konnten die Forscher zeigen, dass Phthalate bei jungen Mäusen sogar auf das Erbgut wirken: Der Weichmacher hemmte die Aktivität eines bestimmten Gens. Dadurch war das Risiko für eine Allergie oder allergisches Asthma deutlich erhöht.

Belastung mit Weichmachern senken

2015 hat die EU die Verwendung der fünf gesundheitsschädlichsten Phthalate stark eingeschränkt. Andere Weichmacher, über deren Wirkung man weniger weiß, sind aber weiter im Einsatz. Auch die fünf verbotenen Substanzen kommen nach wie vor in älteren oder importierten Plastik-Produkten zum Einsatz - und lassen sich im Urin nachweisen.

Wer seine Belastung mit Weichmachern reduzieren möchte, kann zum Beispiel Lebensmittel kaufen, die nicht in Plastik verpackt sind.

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Experten zum Thema

Marike Kolossa-Gehring, Toxikologin
Umweltbundesamt – Abteilung II 1.2 Umwelthygiene
Corrensplatz 1
14195 Berlin-Dahlem
www.umweltbundesamt.de

Dr. rer. nat. Gunda Herberth, Biologin
Priv.-Doz. Dr. rer. nat. Tobias Polte, Pharmazeut
Department Umweltimmunologie
Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung - UFZ
Permoserstraße 15
04318 Leipzig
www.ufz.de

Dieses Thema im Programm:

Visite | 27.10.2020 | 20:15 Uhr

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