Stand: 15.01.2016 17:13 Uhr  - 45 Min  | Archiv

Functional Food: Das Problem ist die Dosierung

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"Eine Wirkung ist bei vielen dieser Produkte eigentlich nur eine Wunschvorstellung, aber nicht belegt", sagt Prof. Sascha Rohn.

Ernährung ist inzwischen mehr als nur bloßes Essen. Es geht nicht mehr nur darum, satt zu werden, den Körper mit ausreichend Nährstoffen zu versehen oder Genuss zu verspüren. Die Supermärkte sind voll mit Lebensmitteln, die uns versprechen, sie würden uns gesünder machen. Die Produkte werden dafür mit Zusatzstoffen wie Vitaminen, Milchsäurebakterien oder Enzymen versetzt. Functional Food werden die angereicherten Lebensmittel genannt. Der Lebensmittelchemiker Prof. Sascha Rohn spricht im Interview über die Eigenschaften von Functional Food und welche Probleme er bei den heute erhältlichen, angereicherten Lebensmitteln sieht. Außerdem spricht der Forscher, der an der Universität Hamburg arbeitet, über natürliches Functional Food der Zukunft.

Können Sie Beispiele für die absurdesten Zusätze in Functional Food nennen?

Prof. Sascha Rohn: Das kann ich so direkt gar nicht sagen, weil Sinn und Unsinn da manchmal dicht beieinander liegen. Doch man kann nicht wirklich sagen, dass ein bestimmter Zusatzstoff extrem schädlich ist. Am Anfang war auch jeder gegen die Jodierung oder die Fluoridierung von Speisesalz. Aber gerade Deutschland gehört eher zu den Jodmangelländern. Dann ist so ein Functional Food wie ein Jodsalz eigentlich schon eine gute Sache.

Das allererste Functional Food war übrigens "Hohes C". Damals, Ende der 50er-Jahre, haben die extra solche Orangen ausgewählt, die besonders viel Vitamin C enthielten.

Was wird am häufigsten zugesetzt?

Rohn: Vitamine wie Vitamin A und C findet man in fast jedem Produkt. Mit Vitamin C (Ascorbinsäure) gelingt es, Produkten einen frischen Geschmack zu geben. Außerdem hat es noch bestimmte Eigenschaften, mit deren Hilfe ich etwa bei Backwaren Einfluss auf die anderen Inhaltsstoffe nehmen und sie beispielsweise stabilisieren kann. Und mithilfe von Carotinoiden lässt sich auch die Farbe eines Produktes ein bisschen verbessern.

Was ist das größte Problem bei angereicherten Lebensmitteln?

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Rohn: Eine Wirkung ist bei vielen dieser Produkte eigentlich nur eine Wunschvorstellung, aber nicht belegt. Es geht oftmals nur um Marketingaspekte und nicht darum, ein wirklich zuverlässiges, nachweislich wirkendes Functional Food zu entwickeln. Das Problem ist die Dosierung, gerade bei Vitaminen: Wenn ich viel davon zu mir nehme, heißt das noch nicht, dass sie auch den Zielort im Körper erreichen. Womöglich enthält ein Produkt so viel davon, dass im Darm gar nicht so viel davon aufgenommen werden kann, um ins Blut zu gelangen. Dann hat der Verbraucher nur einen Mehrwert für die Kläranlage gekauft, sage ich mal. Auf der anderen Seite ist Folgendes zu bedenken: Selbst wenn so ein Stoff aufgenommen wird, ist nicht immer klar, wie lange oder kurz er im Organismus verbleibt und dort womöglich sogar Schaden anrichtet.

Außerdem sehe ich, dass den Leuten das Gefühl vermittelt wird, wir würden von normalen Lebensmitteln eher krank werden und wir angereicherte Lebensmittel brauchen, um gesund zu bleiben. Was jetzt kein Functional Food mehr ist, gilt oftmals schon gleich als schlechtes Lebensmittel, nach dem Motto: "Normales Brot vom Bäcker ist schlecht, ich brauche ein Omega-3-Brot." Das halte ich für gefährlich.

Brauche ich angereicherte Lebensmittel bei einer ausgewogenen Ernährung überhaupt?

Rohn: Normale, ausgewogene Ernährung ist eigentlich der Goldstandard. Aber wer ernährt sich denn heutzutage noch normal? Da sehe ich eher etwas schwarz, muss ich sagen. Damit muss man sich auseinandersetzen. Ich bin auch für abwechslungsreiche und für normale Ernährung und sage, "Mensch, verlernt doch das Kochen nicht und verlernt doch das vernünftige Einkaufen nicht und ihr müsst auch mal mehr Geld in die Hand nehmen, um vielleicht auch mehr Genuss und damit vielleicht auch Wirkung durch Qualität zu kriegen". Aber das verpufft doch in der Gesellschaft. Der Trend geht dahin, schnell und viel zu konsumieren und kochen gar nicht mehr zu können.

Bei dieser Art der neuen, auf Schnelligkeit angelegten Ernährung einfach eine Kapsel einzuwerfen, damit ich nicht krank werde, ist aber natürlich falsch gedacht. Aber wenn ich jetzt sage, ich leide unter der und der Krankheit oder ich habe das Gefühl, ich könnte mit einem modifizierten Lebensmittel eine vorbeugende Wirkung erzielen, um zum Beispiel keine Erkältung mehr zu kriegen oder nicht so schnell, dann glaube ich, kann das ein Vorteil sein.

Sie forschen ja selbst an Functional Food. Wäre das irgendwann auch im Supermarkt zu finden?

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Die Forscher des Leibniz Instituts für Gemüse- und Zierpflanzenbau versuchen Gemüse auf natürliche Weise zu verbessern - etwa mit UV-B-Licht.

Ja, das können auch Produkte für Supermärkte und Handelsketten werden. Aber sie wären etwas zielgerichteter, vielleicht sogar zielgruppenorientiert. Hier kann die natürliche Anreicherung während der Produktion pflanzlicher Rohstoffe, ähnlich der Idee aus den 50er-Jahren, eine zukunftsweisende Idee sein. Man darf aber auch die Schwelle zum Arzneimittel nicht überschreiten. Denn Arzneimittel bedeuten Therapie. Functional Food soll und darf nur präventiv wirken. Wenn ich keine Medikamente oder Nahrungsergänzungsmittel nehmen muss, um mich vor etwas zu schützen, sondern das in meine normale Ernährung einbauen kann, glaube ich, ist das nichts Falsches.

Das Interview führte Ulla Brauer.

Informationen zur Sendung
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