Stand: 03.05.2018 17:51 Uhr  | Archiv

Impfung gegen Heuschnupfen - Hoffnung für Patienten

von Thomas Samboll, NDR Info
Haselnuss (Corylus avellana), Blütenstand gibt Pollen ab. Im Februar und März ist die Hauptblütezeit der Haselnuss. © dpa / picture alliance Foto: D.Harms/WILDLIFE
Pollen können bei Allergikern zu Niesen, laufender Nase, Augenjucken und Atemproblemen führen.

Mediziner schätzen, dass in Deutschland jedes Jahr rund 12 Millionen Menschen Heuschnupfen bekommen, darunter mehr als eine Million Kinder und Jugendliche. Um die Symptome zu lindern, sind sie auf Medikamente angewiesen, sogenannte Anti-Histaminika. Oder sie versprechen sich Linderung von einer spezifischen Immuntherapie, der sogenannten Hyposensibilisierung. Sie ist allerdings langwierig und anstrengend, denn die Patienten müssen über mehrere Jahre hinweg regelmäßig Tropfen oder Tabletten nehmen.

Impfserum gegen Heuschnupfen entwickelt

Eine Impfung mit einer oder ein paar wenigen Injektionen könnte die Behandlung deutlich beschleunigen. Der Allergologe Rudolf Valenta von der Medizinischen Universität Wien und seine Kollegen haben mit Hilfe der Gentechnik künstliche Allergene hergestellt, die die Forscher als Impfstoff gegen Gräserpollen einsetzen wollen. "Unser Impfstoff ist sozusagen am Reißbrett konstruiert. Da er künstlich hergestellt wird, können wir ihn und damit auch seine Zusammensetzung verändern. Wir haben die vier wichtigsten Allergene aus den Gräserpollen identifiziert und nach der Struktur dieser Moleküle vier Impfstoff-Kandidaten entworfen. Diese Impf-Antigene haben wir so konstruiert, dass sie fast keine allergische Wirkung mehr haben."

Dem Allergen im Impfserum können auch bestimmte Stoffe hinzufügt werden, die das Immunsystem quasi beruhigen. Wissenschaftler nennen solche Substanzen Adjuvanzien. Es gibt auch die Möglichkeit, bestimmte Bausteine des Allergens lahmzulegen, nämlich die, die für die fälschliche Immunabwehr-Reaktion des Allergikers verantwortlich sind, sagt Professor Karl Christian Bergmann von der Berliner Charité. "Man könnte sagen, das Allergen ist so verändert worden, dass es kein natürliches ganzes Allergen mehr ist und damit nicht mehr die allergischen Reaktionen auslöst, aber noch geeignet ist, um die Toleranzentwicklung im Körper zu entwickeln."

Eine Entwicklung, die zu einer großen Erleichterung für viele Allergiker werden könnte. "Der Patient hat sozusagen die 'bösen' Antikörper, die allergenspezifischen, die ihn krank machen. Wenn das Allergen in den Körper kommt und auf diese Antikörper trifft, bewirken sie die allergische Entzündungsreaktion. Wenn es uns aber gelingt, beim Patienten die schützenden Antikörper zu vermehren, dann fangen die das Allergen ab, bevor es sich mit den schädigenden Antikörpern verbinden kann. Und dann kommt es zur geringen Auslösung von allergischen Beschwerden", erklärt Forschungsleiter Rudolf Valenta.

Markteinführung frühestens im Jahr 2020

Dass es bei der neuen Impfung zu einem lebensgefährlichen allergischen Schock des Patienten kommt, wie es bei der Immuntherapie möglich ist, schließen die Wissenschaftler aus. Der Impfstoff kann Pollen-Allergikern also Hoffnung machen - auch wenn sich mit ihm Heuschnupfen bislang nur lindern lässt, aber nicht beseitigen. Frühestens im Jahr 2020 wird er auf den Markt kommen.

Ziel der Forscher: Vorbeugende Impfung für Kinder

Es ist aber gut möglich, dass man sich in Zukunft bereits im Kindesalter vorbeugend gegen Heuschnupfen impfen lassen kann. Das Thema wollen die Wiener Forscher als nächstes in Angriff nehmen - mit einer Impfstudie bei Kindern. "Da impfen wir Kinder, die noch keine Symptome haben, aber bereits die krankmachenden Antikörper, das kann man im Blut messen. Und man kann auch vorhersagen, welche Kinder in einigen Jahren eine Allergie entwickeln. Diese Kinder impfen wir dann präventiv und verhindern, dass sie allergisch werden", erklärt Allergieforscher Rudolf Valenta. "Und dann kommt die primäre Prävention - das wäre sozusagen die Impfung, die verhindert, dass Kinder überhaupt allergisch werden und eine Sensibilisierung ausbilden."

Mehrere Behandlungen notwendig

Eine Hand in einem Handschuh hält eine Spritze vor einer Schulter. © fotolia.com Foto: miss_mafalda
Eine Impfung gegen Gräserpollen hätte weniger mögliche Nebenwirkungen als eine Immuntherapie.

Die eine Impf-Spritze gegen Heuschnupfen wird es in naher Zukunft wohl nicht geben. Auch für die Gräserpollen-Impfung der Forscher aus Wien sind fünf Injektionen im ersten Jahr nötig und danach eine jährliche Auffrischung. Doch egal, ob eine, drei oder fünf Spritzen - nicht nur wegen der geringeren Gefahr von Nebenwirkungen könnten Impfungen mit speziell veränderten Allergenen für die betroffenen Patienten ein großer Fortschritt sein, denn ihnen würde der gewöhnliche Spritzen-Marathon bei der klassischen Immuntherapie erspart bleiben.

Weitere Informationen
Eine Person schnupft sich hinter Birkenpollen aus. © picture alliance Foto: Karl-Josef Hildenbrand

Allergien - die neue Volkskrankheit

Ob Heuschnupfen, Tierhaare, Hausstaub oder Lebensmittel - immer mehr Menschen leiden unter Allergien. Warum ist das so? Wie erkenne ich eine Allergie? Was hilft dagegen? mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 04.05.2018 | 21:05 Uhr

Mehr Gesundheitsthemen

Eine Frau steht auf einer Waage. © colourbox Foto: Aleksandr

Übergewicht und Adipositas: Wenn Gene dick machen

Die Veranlagung zu Übergewicht kann angeboren sein. Denn unsere Gene haben auch Einfluss auf unser Sättigungsgefühl. mehr

Der Virologe Prof. Christian Drosten und die Virologin Prof. Sandra Ciesek (Montage) © picture alliance/dpa, Universitätsklinikum Frankfurt Foto: Christophe Gateau,

Coronavirus-Update: Podcast mit Christian Drosten & Sandra Ciesek

Hier finden Sie alle bisher gesendeten Folgen zum Nachlesen und Nachhören sowie ein wissenschaftliches Glossar und vieles mehr. mehr