Essen für die Nieren: Phosphate in Lebensmitteln meiden

Stand: 17.11.2020 17:55 Uhr

Phosphate gehören zu den Allzweckwaffen der Lebensmittelindustrie. Für nierenkranke Patienten stellen sie allerdings eine erhebliche Gefahr dar.

Phosphate konservieren und säuern Fleisch- und Wurstwaren, Fischkonserven und Backwaren, sie stabilisieren und verdicken Milchprodukte, stecken in Kaffeeweißer und Schmelzsalzen von Käse, bewahren die Farbe von Cola, verhindern das Verklumpen von Puddingpulver und Babybrei. Dass phosphatreiche Lebensmittel für nierenkranke Patienten eine erhebliche Gefahr darstellen, ist schon lange bekannt und wird bei der Therapie berücksichtigt - wenn die Nierenkrankheit erkannt ist. Rund ein Drittel der Betroffenen weiß aber nicht, dass die Nieren nicht gut arbeiten. Für diese unerkannt chronisch Kranken ist Phosphat tatsächlich gefährlich. Und auch für gesunde Menschen stellt zu viel Phosphat im Blut ein schleichendes Gesundheitsrisiko dar.

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Interview mit dem Ernährungsmediziner Dr. Matthias Riedl.
6 Min

Wie gefährlich sind Phosphate in Lebensmitteln?

Interview mit dem Ernährungsmediziner Dr. Matthias Riedl über die Folgen einer Phosphat-reichen Ernährung für Nierenkranke. 6 Min

Gefahr für Herzinfarkt, Schlaganfall und Osteoporose

Zuerst wurde bei Nierenpatienten erkannt, dass viel Phosphat im Blut das Sterberisiko erhöht. Diese erhebliche Gefahr wird inzwischen bei der Therapie berücksichtigt. Doch auch gesunde Menschen sind gefährdet, denn Phosphat verbindet sich mit Kalzium und verändert schleichend die Innenwände der Gefäße, Herzinfarkt und Schlaganfall drohen. Außerdem steigt das Osteoporose-Risiko: Das Vitamin D wird in seiner Wirkung gehemmt, Kalzium wird aus den Knochen gelöst, sie werden brüchig. Auch die Alterung von Haut und Muskeln kann durch die Phosphate beschleunigt werden.

Natürliches Phosphat ist in vielen Lebensmitteln enthalten, wie zum Beispiel Vollkornbrot, Fleisch, Eigelb, Milchprodukten, Pilzen, Hülsenfrüchten oder Nüssen. Prinzipiell gilt, dass Phosphat überall drinsteckt, wo Eiweiß drin ist. Bis zu einem gewissen Maß ist Phosphat sogar lebenswichtig. Das Mineral dient dem Körper als Energieträger und ist an elementaren Vorgängen im Zellstoffwechsel beteiligt. Ohne Phosphat würden die Muskeln zugrunde gehen. Doch in zu hoher Dosierung wird Phosphat gefährlich. Aus pflanzlichen Nahrungsmitteln nimmt der Körper Phosphate nur zu 50 Prozent auf, aus tierischem Eiweiß zu 70 Prozent. Damit kommt der Körper in der Regel klar. Künstlich zugesetzte Phosphate aber sind meist frei löslich und werden vollständig aufgenommen. Mit dem zunehmenden Verzehr von Fast Food und anderen hochgradig verarbeiteten Fertiglebensmitteln wird der Körper mit Phosphaten quasi überschwemmt. In den vergangenen drei Jahrzehnten hat sich die Phosphataufnahme verdoppelt.

Kennzeichnung für Verbraucher unzureichend

Lebensmitteln zugesetzte Phosphate sind zulässig, sie müssen allerdings auf der Packung deklariert werden, zum Beispiels als Schmelzsalze. Außerdem verbergen sich Phosphate hinter den Codes E338, E339, E340, E341, E343, E450, E451, E452, E1410, E1412, E1413, E1414, E1442. Auf loser Ware, zum Beispiel beim Schlachter, kann auch lediglich ein Hinweisschild "Enthält Phosphat" angebracht sein. Doch mit all diesen Angaben kann der Verbraucher kaum etwas anfangen, denn die tatsächlich zugesetzte Phosphatmenge geht aus den gesetzlich vorgeschriebenen Angaben nicht hervor.

Ernährungstipps für Nierenkranke

Experten raten Gesunden wie auch Nierenkranken, statt haltbar gemachter Lebensmittel oder Fertiggerichte viele frische Lebensmittel einzukaufen: Obst, Gemüse und mediterrane Kost. Geschmacksverstärker, Käse, Wurstwaren und Backpulver sollten weitestgehend vermieden werden. Sogenannte Phosphat-Binder, die Betroffene zu jeder Mahlzeit einnehmen, können darüber hinaus verhindern, dass sich das Phosphat im Blut ansammelt. Dies gilt vor allem für schwer nierenkranke Menschen, die an der Dialyse sind.

Einige Lebensmittel mit viel Phosphat können einfach durch Phosphat-ärmere Produkte ersetzt werden:

  • statt Emmentaler-Scheibletten Brie oder Frischkäse verwenden
  • statt Milch Sahne mit Wasser verdünnen
  • Eiweiß statt Eigelb
  • Weinstein-Backpulver statt herkömmliches Backpulver
  • Weißbrot statt Vollkornbrot
  • Cornflakes statt Müsli
  • Limonade und Wein statt Bier und Cola
  • Salzstangen statt Erdnüsse
  • Gummibärchen statt Milchschokolade

Um die Gefahr zu minimieren, fordern Mediziner schon seit Langem eine verständliche Kennzeichnung von Phosphat in Lebensmitteln - vor allem eine Mengenangabe. Nur dann könnten Verbraucher einschätzen, wie viel Phosphat sie wirklich zu sich nehmen.

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Experten zum Thema

Dr. med. Matthias Riedl, Facharzt für Innere Medizin, Diabetologe, Ernährungsmediziner
medicum Hamburg MVZ GmbH
Beim Strohhause 2
20097 Hamburg
(040) 807 979-0
www.medicum-hamburg.de

Dr. Anke Jansen, Fachärztin für Innere Medizin und Nephrologie
Anja Boysen, Krankenschwester, Ernährungsberaterin
Dialysezentrum Schleswig
Flensburger Straße 15
24837 Schleswig
(04621) 280 24
www.dialyse-schleswig.de

Prof. Dr. Thorsten Feldkamp, Leitender Oberarzt, stellvertretender Direktor
Klinik für Nieren- und Hochdruckkrankheiten in Kiel
Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel
Klinik für Innere Medizin IV
Rosalind-Franklin-Straße 12
24105 Kiel
www.nephrologie-uni-kiel.de

Weitere Informationen
Bundesverband Niere e.V.
Essenheimer Straße 126
55128 Mainz
(06131) 851 52
www.dgfn.eu/bundesverband-niere.html

Dieses Thema im Programm:

Visite | 17.11.2020 | 20:15 Uhr

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