Stand: 01.02.2016 15:13 Uhr

Ernährung bei Krebs: Mythen und Fakten

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Beeren, nur noch Säfte oder ketogene Diät - kann irgendwas die Krebszellen bekämpfen?

Krebs: Die Diagnose ist wie ein K.-O.-Schlag. Vorbei das bisherige Leben, ab jetzt regiert die Krankheit - und die Ungewissheit: Ist der Krebs heilbar? Wie lange habe ich noch? Was kann ich jetzt tun ... kann ich überhaupt etwas tun? Man möchte nicht ausgeliefert sein, weder der Krankheit noch der strapaziösen Behandlung und ihren Nebenwirkungen.

Wie weit hilft die Ernährung? In Ratgebern werden die verschiedensten Anti-Krebs-Diäten oder Fastenkuren angepriesen. "Geheimtipps" verbreiten sich als Mund-zu-Mund-Propaganda. Viele solcher Tipps sind allerdings nutzlos, manche sogar gefährlich: zu radikal, zu einseitig. Denn der durch den Krebs belastete Stoffwechsel braucht genügend Nährstoffe.

Fragwürdige Krebsdiäten und Essverbote

  • Ketogene Diät

    Bei der sogenannten ketogenen Ernährung (oder "Very Low Carb") soll der Körper seine Energie aus Fett und Eiweiß beziehen statt aus Kohlenhydraten (Glukose). Hintergrund ist, dass auch Tumorzellen Zucker lieben. Zucker und Weißmehl einzuschränken ist nicht falsch. Wie radikal man darauf verzichtet, ist eine andere Frage. "Die Studienlage ist bisher uneinheitlich", sagt Ernährungsmediziner Matthias Riedl. Es fehlen Langzeitstudien. Die Fachgesellschaften raten bisher von dieser Kostform ab. Eine ketogene Diät sollte zudem grundsätzlich nicht in Eigenregie umgesetzt werden.

  • Heilfasten

    Selbst Gesunde sollten Fastenkuren nach J. Buchinger oder F. X. Mayr besser erst nach Rücksprache mit dem Hausarzt durchführen - bei geschwächten Krebspatienten kann Heilfasten schnell gefährlich werden. Denn dem Körper werden Kalorien und Nährstoffe vorenthalten, damit er an seine Energiedepots (Fettspeicher) geht. Auch hier ist die Forschung noch uneins. "Studien geben Hinweise darauf, dass Fasten vor einer Chemotherapie in einzelnen Fällen sinnvoll ist", sagt Ernährungs-Doc Anne Fleck. Fragen Sie unbedingt Ihren Arzt.

  • "Krebskur total"

    So nannte der österreichische Heilpraktiker Rudolf Breuß (1899-1990) sein Programm - im Grunde auch nichts anderes als Fasten. Krebskranke sollten sieben Wochen lang nur Säfte und Tees zu sich nehmen. So könne man laut Breuß "Tumorzellen aushungern". Wissenschaftlich belastbare Beweise dazu fehlen. Stattdessen besteht ebenfalls die Gefahr, dass diese Kur zu Mangelernährung und zum Abbau von Fett- und Muskelmasse führt - und so die körpereigenen Abwehrkräfte noch zusätzlich schwächt.

  • Gerson-Therapie

    Der in die USA emigrierte Arzt Max Gerson (1881-1959) schrieb den Verzicht auf diverse Lebensmittel vor: darunter Avocados, Pilze, Beeren, Ananas, Nüsse, Kaffee, Tee - ausgerechnet Nahrungsmittel, denen wir heute viele stärkende und antioxidative Wirkungen zuschreiben. Seine salzfreie und streng vegetarische Diät kombinierte er auch noch mit Einläufen. Es gibt Fälle, in denen Patienten kollabierten, weil ihnen durch die Gerson-Therapie Kalorien und wichtige Mineralstoffe fehlten.

  • Wundermittel Brokkoli (oder wahlweise: Grüntee, Himbeeren, Sauerkrautsaft ...)

    Brokkoli, Beeren und Co.: Manche Lebensmittel glänzen mit besonders vielen Vitalstoffen, konnten sogar in Studien bei bestimmten Tumorarten krebshemmende Wirkung zeigen. Sie dürfen gern oft auf den Teller kommen! Aber bitte keine Wunder erwarten: Wer einzelne Lebensmittel, Tees, Kräuter oder Ähnliches als wirksame Anti-Krebs-Waffen anpreist, der verspricht zu viel.

  • Entschlacken und Entgiften (besonders nach einer Chemotherapie)

    Muss nicht schädlich sein, bringt aber auch keinen erwiesenen Heilungsvorsprung: durch basische Tees oder pflanzliche Kost den Körper "von Giften reinigen". Wichtig ist generell - und insbesondere auch nach einer Chemo -, einen Mangel an Vitaminen oder Mineralstoffen zu vermeiden. Auch die Eiweiß- und Energiezufuhr muss stimmen. Dies sollte bei der Auswahl der Lebensmittel im Vordergrund stehen.

  • "Giftiges" Schweinefleisch (Tomaten, Kartoffeln und Co.)

    Nachtschattengewächse wie Tomaten oder Kartoffeln enthalten das schwach giftige Solanin (in den grünen Stellen) - allerdings in verschwindend geringer Menge. Sie dürfen bedenkenlos zugreifen. Dass zu viel Fleischkonsum Krebs begünstigt, ist belegt. Vor allem in Schweinefleisch steckt viel entzündungsfördernde Arachidonsäure. Ein Verzicht kann daher den Stoffwechsel entlasten. Strikte Essverbote sind aber nicht angezeigt.

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Palliative Ernährung

Eines bringen die Ernährungs-Docs klar auf den Punkt: Es gibt keine Krebsdiät. "Wir können den Krebs nicht weghexen", sagt Ernährungsmedizinerin Anne Fleck. Vorbeugen kann man zwar mit gesunder Ernährung. Ist der Krebs aber erst einmal da, bringt ihn Essen nicht zum Verschwinden. "Heilen können wir dann nicht - aber den Organismus unterstützen", erläutert Internist Jörn Klasen. Die Ernährungsmedizin leiste bei Krebs einen palliativen Beitrag. Palliativ kommt von Lateinisch "palliare": mit einem Mantel umhüllen - und bedeutet: angenehmer, erträglicher machen. Palliative Maßnahmen lindern und verbessern die Lebensqualität. Kraft tanken und Energie gewinnen, um mit der Krankheit möglichst selbstbestimmt zu leben: Das ist mit gesünderem Essen für Krebspatienten durchaus möglich.

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Unterernährung als Gefahr

"In 30 Prozent der Fälle, haben Studien belegt, beeinflusst der schlechte Ernährungszustand ganz eindeutig die Prognose", gibt Ernährungsmediziner Matthias Riedl zu bedenken. "Denn der Krebsstoffwechsel verlangt mehr Energie." Gleichzeitig ist nicht selten der Appetit durch Übelkeit gehemmt - entweder durch eine Chemotherapie oder schon durch die Krankheit selbst. Ein Teufelskreis. Um die Schwäche zu überwinden, kann eine energiereichere Kost mit hoher Nährstoffdichte guttun, gehaltvolle Säfte mit Antioxidantien können stärken. Antioxidantien wirken als Radikalfänger im Organismus und verhindern sozusagen, dass Zellen kaputtgehen. "Eine Ernährungsumstellung sollte aber - bei Krebserkrankungen noch mehr als sonst - sehr individuell auf den Einzelnen abgestimmt sein", rät Klasen.

Zu den allgemeingültigen Geboten gehört, den Stoffwechsel nicht zusätzlich zu belasten. Und: nicht zu spät zu viel zu essen. Denn was schwer im Magen liegt, kann den Schlaf behindern. Aber "man sollte es auch nicht zu streng nehmen", sagt Klasen. Denn oberstes Gesetz einer palliativen Ernährung bei Krebs ist: überhaupt essen. Und das, so Klasen, "am besten mit einem Stück Freude".

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