Stand: 12.01.2018 13:45 Uhr

Erkältungsmittel - teuer, aber nutzlos?

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Damit eine Erkältung schneller abklingt, sind die Deutschen bereit viel Geld für Medikamente auszugeben.

Schnupfen, Husten, Heiserkeit sind nicht schön, aber meist auch nicht weiter tragisch. Gegen einen grippalen Infekt gibt es jedoch eine ganze Reihe von rezeptfreien Schleimlösern, Nasensprays, Hustensäften und Mitteln zur Immunstärkung zu kaufen. Für die Pharmaindustrie und Apotheken ist das ein gigantisches Geschäft.

Umsätze mit Erkältungsmitteln

1,1 Milliarden Euro Umsatz wurden 2016 allein mit dem Verkauf von Erkältungs- und Hustenmitteln erzielt. Zum Vergleich: Rezeptfreie Beruhigungs- und Schlafmittel haben einen Umsatz von "nur" 214 Millionen Euro gemacht.

Quelle: Bundesverband der Arzneimittelhersteller e.V.

Wir Verbraucher geben insgesamt mehr als sechs Milliarden Euro pro Jahr für alle möglichen rezeptfreien Mittel aus - Tendenz steigend. Präparate gegen Erkältungen machen ein Viertel des Umsatzes aus, gefolgt von Schmerzmitteln. Diese werden aber ebenfalls oft von Schnupfenpatienten genutzt. Die große Frage ist: Wirken diese Mittel überhaupt wie Werbung und Apotheken es versprechen? Und lässt sich eine Erkältung vielleicht auch kostengünstiger bekämpfen?

Kombipräparate: Zusammensetzung meist nicht sinvoll

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Kombipräparate beinhalten mindestens zwei Wirkstoffe, die gegen Erkältungen helfen sollen.

Zwei bis drei Mal pro Jahr sind Erwachsene statistisch gesehen erkältet, Kinder sogar bis zu acht Mal. In der Hoffnung schneller gesund zu werden, greifen sie zu rezeptfreien Mitteln, die die Abwehrkräfte stärken sollen, Hustenpräparaten und sogenannten Kombipräparaten. Knapp 180 Millionen Packungen sind 2016 über den Ladentisch gegangen.

Der pharmakritische Arzt und Apotheker Wolfgang Becker-Brüser rät vor allem davon ab, Kombipräparate wie Grippostad C, Aspirin Complex oder Boxagrippal einzunehmen: "Das ist das Prinzip Schrotschusstherapie." Die Verbraucher würden glauben, einer der verschiedenen Bestandteile werde schon helfen, dabei könnten sie potenziell eher schaden, so der Herausgeber des kritischen Fachblattes "Arzneimitteltelegramm".

Das sagt der Mediziner zu den Bestandteilen der bekanntesten Kombipräparate:

Grippostad C enthält ein Schmerzmittel, das zu niedrig dosiert ist, um wirklich zu wirken und ein Mittel, das die Nasenschleimhäute befreien soll, aber wahrscheinlich auch nicht richtig wirke sowie Vitamin C, das überflüssig sei. Ein weiterer Bestandteil ist Koffein. Das brauche ein Patient mit einem grippalen Infekt aber eigentlich nicht. Fazit von Becker-Brüser: "Auf das Präparat kann man verzichten."

Aspirin Complex enthält Acetylsalicylsäure. Das sei okay, meint der Arzt. Doch das auch enthaltene Mittel, das die Nasenschleimhäute befreien soll, wirke so langsam und unsicher, dass er stattdessen eher Aspirin oder ein anderes reines Schmerzmittel empfehlen würde.

Bei Boxagrippal sei es letztendlich die gleiche Kombination wie bei Aspirin Complex - ein Schmerzmittel und ein Schleim- oder abschwellendes Mittel. "Nasentropfen und ein Schmerzmittel allein wirken zuverlässiger und ich kann sie so dosieren, wie ich es brauche", erklärt Becker-Brüser die Vorteile einzelne Präparate zu einzunehmen.

Wick Medinait enthält vier Bestandteile, plus 18 Prozent Alkohol. "Das ist also eine richtige Schrotschusskombination", so das Urteil des Mediziners. Er würde das Präparat nicht nehmen.

Günstige Alternativen zu Kombipräparaten

Der Ansatz von Wolfgang Becker-Brüser ist auch finanzieller Sicht interessant. Wer etwa Schmerzmittel und Nasentropfen als Einzelpräparate kauft, spart Geld. Drei Beispiele:

Eine Tagesdosis Boxagrippal kostet 3,77 Euro. Die gleiche Dosis des darin enthaltenen Schmerzmittels Ibuprofen plus ein abschwellendes Nasenspray kosten nur 75 Cent pro Tag - also fünfmal weniger.

Grippostad C kostet knapp 3 Euro pro Tag. Die gleiche Menge Paracetamol plus Nasenspray 51 Cent - fast sechsmal weniger.

Bei Aspirin Complex ist der Preisunterschied besonders extrem: 5,37 Euro für das Kombipräparat. Das Schmerzmittel ASS plus Nasenspray 40 Cent - dreizehnmal weniger.

Aber Achtung: Für Menschen mit Vorerkrankungen am Herzen bedeutet die Einnahme von Schmerzmitteln bei grippalem Infekt eine zusätzliche Gefährdung, wie Visite berichtet hat.

Stärkung der Abwehrkräfte mit Vitamin C notwendig?

Sogar bevor ein grippaler Infekt überhaupt ausgebrochen ist, nehmen viele Menschen Mittel, die die Abwehrkräfte stärken sollen. Auch hochdosierte Kombi-Vitamin-Präparate werden in Apotheken häufig empfohlen. Diese Mittel sind nicht nur teuer, sondern liegen bei einigen Inhaltsstoffen auch weit über den empfohlenen Tagesmengen.

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Eine 7-Tage-Kur "Orthomol immun" kostet beispielsweise 18,95 Euro. Das sind 2,70 Euro pro Tag. Der Inhalt einer Tagesportion des Vitaminpräparats entspricht bei Folsäure etwa 1,6 Kilo Paprika, bei Vitamin B6 schon 4,3 Kilo und bei Vitamin E müsste man sogar fünf Kilo Paprika essen, um auf die gleiche Menge zu kommen. Überschüssiges Vitamin C scheidet der Körper einfach wieder aus. Bei den Vitaminen D, E, K und A - leicht zu merken als EDEKA - ist das nicht so. Hier muss man vorsichtig sein, nicht zu viel davon zu nehmen. Zu hohe Konzentrationen können zu Zellschädigungen führen.

"Das Misstrauen gegen den eigenen Körper und gegen die Natur entbehrt jeder wissenschaftlichen Basis", betont Prof. Peter Nawroth von der Universitätsklinik Heidelberg. Der Endokrinologe erklärt zudem, dass man mit Vitamin-C-Präparaten weder schneller gesund werde, noch sich vor einem Infekt schützen könne: "Wer gesund ist und Vitamine nimmt, kann sich nicht gesünder machen als er ist."

Therapeutischer Nutzen wird nicht überprüft

Wer zu Präparaten mit Vitaminen und Spurenelementen greift, sollte wissen, dass die Hersteller keinerlei Wirkung belegen müssen. Denn laut Gesetz handelt es sich dabei um Nahrungsergänzungs- und nicht um Arzneimittel. Dass sie wie angegeben wirken, muss bei der Zulassung nicht belegt werden.

Ähnliches gilt auch bei rezeptfreien Medikamenten: Beantragt ein Hersteller die Zulassung, muss er zwar dessen Unbedenklichkeit nachweisen, und auch belegen, dass die enthaltenen Substanzen irgendeine pharmakologische Wirkung auf Zellen im Körper haben. Die Zulassungsbehörde prüft jedoch nicht, ob das Medikament therapeutisch wirksam ist, also etwa den Schnupfen verkürzt oder den Husten mildert.

Das Gesundheitsministerium überprüft ausschließlich die Medikamente auf ihren therapeutischen Nutzen, die die Krankenkassen bezahlen, wie es auf Anfrage bestätigt: "Da nicht verschreibungspflichtige Arzneimittel in der Regel nicht erstattungsfähig sind, kommen diese für die Nutzenbewertung des Gesetzes nicht in Betracht."

Was hilft am besten gegen eine Erkältung?

Jeder will natürlich möglichst schnell wieder gesund werden und die Symptome einer Erkältung lindern. Am wirksamsten, gesündesten und auch günstigsten ist jedoch, den Körper einfach zu schonen. Selbst wenn Fieber dabei auftritt. "Das ist das Beste, was der Organismus machen kann", sagt der Naturheilkundler Prof. Harald Matthes. Damit werde der Virusinfekt überwunden. Die Symptome mit Medikamenten zu unterdrücken, würde die Krankheit sogar noch in die Länge ziehen.

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