Stand: 21.01.2019 15:00 Uhr

Divertikulose erkennen und behandeln

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Bei einer Divertikulitis entzünden sich Ausstülpungen im Darm.

Als Divertikulose wird eine Erkrankung des Dickdarms bezeichnet, bei der sich Ausstülpungen der Darmwand bilden, sogenannte Divertikel. Sie sind an sich nicht behandlungsbedürftig. Rund 70 Prozent aller Divertikulose-Betroffenen bleiben ihr Leben lang ohne jegliche Beschwerden. Doch etwa bei jedem vierten - nach anderen Studien bei jedem achten - entzünden sich die Divertikel. In diesem Fall spricht man von einer Divertikulitis, und die kann schwere Folgen haben. Wiederholte Entzündungen können die operative Entfernung des kranken Darmteils notwendig machen.

Anne Fleck und ihr Patient unterhalten sich neben einem Schaubild über Divertikel. © NDR Foto: Kamera: Jupp Tautfest und Moritz Schwarz

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Essen muss bei Stefan L. immer schnell gehen. Sein Darm quittiert das mit heftigen Entzündungen. Ballaststoffe und Bewegung sollen nun helfen - und vor allem: achtsames Kauen.

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Eine Ursache meist Ballaststoff-Mangel

In den vergangenen 100 Jahren ist die Anzahl der Divertikulose-Betroffenen vor allem in den westlichen Industrienationen stark angestiegen. Als Gründe gelten die Veränderung der Ernährungsgewohnheiten (ballaststoffarme Kost, wenig Obst und Gemüse, dafür viel rotes Fleisch) und die zunehmende Alterung der Bevölkerung. Denn mit dem Alter steigt das Divertikulose-Risiko: Die Zusammensetzung der Darmwand verändert sich, ihre Muskulatur wird weniger elastisch. Bei den 40-Jährigen ist nur jeder Zwanzigste von Divertikeln betroffen, bei den 60-Jährigen ist es bereits ein Drittel, und zwei Drittel der 85-Jährigen haben Divertikel im Dickdarm.

Was passiert bei Divertikulose?

Eine ballaststoffarme Kost begünstigt die Entstehung einer Divertikulose. Ballaststoffe binden im Darm Wasser, wodurch der Stuhl weicher und voluminöser wird. Das erleichtert die Passage des Nahrungsbreis und die Darmentleerung. Bei ballaststoffarmer Kost verbleibt der Stuhl länger im Darm. Durch das geringere Stuhlvolumen steigt der Druck, den die Darmmuskulatur aufwenden muss, um die Entleerung voranzubringen. Begünstigt wird die Entstehung von Divertikeln auch durch geringe körperliche Aktivität und erhebliches Übergewicht (Adipositas). Auch der reichliche Verzehr von rotem Fleisch und ein hoher Fettkonsum fördern die Divertikelbildung. Vegetarier und Veganer haben ein deutlich geringeres Divertikulose-Risiko.

Warum sich bei manchen Menschen die Divertikel entzünden, ist noch nicht hinreichend geklärt. Man vermutet, dass sich zusammen mit den Stuhlbestandteilen Keime in den Ausstülpungen ansammeln, bestimmte Darmbakterien können dann die Entzündungen hervorrufen. Vermehrte Einnahme von Medikamenten wie Paracetamol oder nichtsteroidalen Antirheumatika scheint ebenfalls die Entzündung der Divertikel zu begünstigen.

Divertikeln bestehen oft lange ohne Symptome

Von einer unkomplizierten Divertikulose merken Betroffene meist gar nichts. Manche verspüren kurz andauernde krampfartige Bauchschmerzen im linken Unterbauch und Blähungen, manche klagen über unregelmäßige Stuhlentleerung.

Das ändert sich dramatisch im Fall einer Entzündung: plötzliche Unterbauchschmerzen, meist linksseitig, die durch Nahrungsaufnahme verstärkt werden und nach dem Stuhlgang abnehmen, Stuhlunregelmäßigkeiten (Durchfall oder Verstopfung), Fieber und gelegentlich auch Übelkeit und Erbrechen treten auf.

Komplikationen der Divertikulitis:

  • Stenosen (Darmverengung)
  • Divertikelperforation (Divertikeldurchbruch)
  • Abszessbildung (Eiteransammlung in einem Hohlraum)
  • Fistelbildung (Verbindungen zwischen zwei Darmschlingen oder zwischen dem Darm und einem Organ)
  • Divertikelblutung
  • Bauchfellentzündung

Durch Fistelbildung kann eine Divertikelentzündung auch auf andere Organe übergreifen: Führt die Fistel beispielsweise zur Harnblase, kann daraus eine Harnwegsinfektion resultieren.

Diagnose nur durch Zufall - oder bei Eintreten des Akutfalls

Eine Divertikulose wird häufig nur als Zufallsbefund im Rahmen einer Computertomografie des Unterleibs festgestellt. Bei Divertikulitis findet der Arzt im Blutbild einen Anstieg der weißen Blutkörperchen (Leukozytose) und der Entzündungswerte (CRP). Der Verdacht wird endoskopisch abgeklärt (Darmspiegelung).

Therapie der Divertikulose

Ziel der Behandlung ist, das Entzünden der Divertikel zu vermeiden und soweit möglich der Bildung neuer Divertikel vorzubeugen. Dazu sind zwei Dinge zentral:

  • eine Ernährung mit vielen faser- und ballaststoffreichen, nicht blähenden Lebensmitteln,
  • gründliches Kauen

Kauen, pürieren und fein mahlen

Kauen, bis ein feiner Brei entsteht - das ist die oberste Devise. Auch und gerade ballaststoffreiche Lebensmittel enthalten häufig grobe Fasern, die am besten bereits zerlegt werden, ehe sie den Verdauungstrakt passieren - also im Mund. Trainieren Sie deshalb Ihre Kaumuskulatur, und essen Sie achtsam. Bei Lebensmitteln mit groben, körnigen und fasrigen Bestandteilen besteht sonst die Gefahr, dass sie sich in den Divertikeln verfangen und dadurch die Entstehung von Entzündungen begünstigen.

Für Menschen mit Divertikulose ist ein leistungsfähiger Mixer, mindestens aber ein guter Pürierstab, ein großartiger Helfer. Denn Schalen von Obst und Gemüse (etwa Apfel, Nektarine, Paprika und Tomate), die nur schwer vollständig zerkaut werden können, empfiehlt es sich zu entfernen - oder besser durch Pürieren zu zerkleinern, da beim Entfernen der Schale ein Teil der Vitamine und Ballaststoffe verloren ginge. Kerne, auch aus Tomaten, Gurken, Paprika und Chilischoten, sollten Sie entfernen.

Wählen Sie bei auch Backwaren solche mit fein vermahlenem Vollkornmehl anstelle von grobkörnigem Vollkornbrot. Verzichten Sie der Darmgesundheit zuliebe auf den modernen Weizen. Auch Nüsse und Samen gern mahlen und häufig essen: Sie liefern viele wertvolle Inhaltsstoffe (Ballaststoffe, ungesättigte Fettsäuren, Vitamine).

Wichtig: nicht abrupt von wenig auf viel Ballaststoffe umstellen! Das könnte zu Blähungen führen. Darm beziehungsweise Darmflora brauchen einige Wochen, um sich an die schwerer verdaulichen Stoffe zu gewöhnen.

Der schützende Effekt ist vor allem für die wasserunlöslichen Ballaststoffe nachgewiesen, die hauptsächlich in Getreide vorkommen. Diese quellen auf, steigern das Stuhlvolumen und erleichtern somit das Entleeren des Darms. Wasserlösliche Ballaststoffe aus Gemüse werden von den Darmbakterien großteils zersetzt. Gemüse liefert daneben zahlreiche entzündungshemmende sekundäre Pflanzenstoffe. Anti-entzündlich wirken außerdem Omega-3-reiche Lebensmittel wie fetter Seefisch und Leinöl.

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Therapie der Divertikulitis

Eine akute Divertikulitis wird je nach Schweregrad mit Antibiotika, Verzicht auf feste Nahrung, flüssiger Kost - zum Beispiel Tee mit Traubenzucker und klare Brühe - und körperlicher Schonung behandelt.

Kommt die Entzündung zur Ruhe, beginnt ein behutsamer Kostaufbau mit ungetoastetem Toastbrot und Kartoffelbrei. Nach der Ausheilung sorgen viel Bewegung und vor allem eine Ballaststoffreiche Ernährung dafür, dass sich die Divertikel nicht erneut entzünden.

Früher war es üblich, bereits nach der zweiten Entzündung den betroffenen Darmabschnitt in einer Operation zu entfernen. Inzwischen sind die Chirurgen aber deutlich zurückhaltender und entscheiden individuell, ob und wann eine Operation erforderlich ist. Denn viele Betroffene schaffen es, mit der richtigen Lebensweise und Ernährung Entzündungen zu vermeiden.

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Divertikulose ist eine Darmerkrankung, bei der sich schwere entzündliche Schübe entwickeln können. Ballaststoffreiche Kost und gründliches Kauen verhelfen zu Beschwerdefreiheit. Video (05:23 min)

Dieses Thema im Programm:

Die Ernährungs-Docs | 21.01.2019 | 21:00 Uhr

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Die Therapie-Empfehlungen im DIN-A4-Format (PDF)

Für die Ruhephase wie auch den Akutfall (Divertikulitis): die wichtigsten Fakten und Lebensmittelempfehlungen auf einen Blick. Download (104 KB)

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