Corona-Impfung: Was löst die Sinusvenenthrombosen aus?

Stand: 21.04.2021 16:00 Uhr

Im zeitlichen Zusammenhang mit Corona-Impfungen mit dem Mittel von AstraZeneca ist es zu Hirnvenenthrombosen gekommen. Was kann die Nebenwirkungen auslösen?

Bislang wurden in Deutschland 48 Verdachtsfälle einer Sinusvenenthrombose nach Impfungen mit dem Wirkstoff von AstraZeneca gemeldet. Mit Ausnahme von acht Fällen waren laut dem zuständigen Paul-Ehrlich-Institut (PEI) Frauen im Alter von 20 bis 66 Jahren betroffen. Allerdings wurden Frauen nach Angaben des Robert Koch-Instituts auch häufiger als Männer mit dem Produkt geimpft. Neun Menschen starben. Nach einem Impf-Stopp Mitte März empfiehlt die Ständige Impfkommission (Stiko) das Mittel von AstraZeneca in Deutschland nur noch für über 60-Jährige.

Kapillarlecksyndrom mögliche weitere Nebenwirkung?

Aktuell prüft die EU-Arzneimittelbehörde EMA, ob eine Impfung mit dem AstraZeneca-Vakzin noch eine weitere Erkrankung auslösen kann. In fünf Fällen sei im zeitlichen Zusammenhang mit der Impfung das sogenannte Kapillarlecksyndrom aufgetreten. Bei dieser sehr seltenen Gefäßerkrankung ist die Durchlässigkeit der Kapillargefäße zu hoch, sodass Plasma austritt und es zu Ödemen und einem Blutdruckabfall kommen kann.

Thrombosen: Vakzin kann Abwehrmechanismus auslösen

Was bei der seltenen Sinusvenenthrombose im Körper passiert und wie behandelt werden kann, haben Mediziner aus Greifswald herausgefunden. Demnach löst das Vakzin bei einigen Menschen einen Abwehrmechanismus aus. Im Blut der Betroffenen ließen sich spezielle Antikörper nachweisen.

Das passiert bei einer Sinusvenenthrombose

Bei einer Hirnvenenthrombose verstopft die Sinusvene, die das Blut vom Gehirn zurück zum Herzen leitet. Verantwortlich dafür sind Blutplättchen, die Thrombozyten. Normalerweise dichten sie Schäden an den Gefäßen ab, um eine Blutung zu stoppen. Bei Sinusvenenthrombosen verkleben allerdings Blutplättchen, ohne dass eine Blutung vorliegt. Diese ungewöhnliche Aktivierung von Blutplättchen tritt in seltenen Fällen auch nach der Gabe von Heparin, einem gängigen Blutverdünner, auf. Die Betroffenen entwickeln eine Heparin-induzierte Thrombozytopenie (HIT). Dabei kommt es vier bis fünf Tage nach Gabe von Heparin zur Ausbildung von Antikörpern, die gegen ein bestimmtes Protein auf den Blutplättchen gerichtet sind.

Ähnliche Antikörper entstehen offenbar bei einigen wenigen Menschen auch nach der Impfung mit AstraZeneca. Sie docken an die Blutplättchen an und aktivieren sie so. Es bilden sich Gerinnsel, die im schlimmsten Fall das Gefäß verstopfen können.

Vektor offenbar kein Auslöser der Komplikation

Was diesen Mechanismus auslöst, ist bislang ungeklärt. AstraZeneca ist ein Vektorimpfstoff. Er nutzt harmlose Adenoviren als Transporter. In sie wird Genmaterial des Coronavirus eingebaut und gelangt so in die menschliche Zelle, wo es eine Reaktion des Immunsystems anstößt. Auch der Impfstoff von Johnson & Johnson, der demnächst in Deutschland zur Verfügung stehen soll und bei dem es ebenfalls Hinweise auf Thrombosen gibt, und der russische Impfstoff Sputnik V sind Vektor-Impfstoffe. Dass die Entstehung von Sinusvenenthrombosen am Vektor liegt, halten Experten der Stiko aber für unwahrscheinlich, denn dann müsse die Komplikation weitaus häufiger auftreten. Am wahrscheinlichsten sei, dass bei den Betroffenen ein zusätzlicher, bislang noch unbekannter Risikofaktor vorliegt.

Auch Antibabypille als Risikofaktor eher unwahrscheinlich

Auffällig ist, dass Sinusvenenthrombosen - zumindest in Deutschland - vor allem bei jüngere Frauen auftreten. Liegt es daran, dass hier, anders als etwa in Großbritannien, zunächst vor allem jüngere Menschen geimpft wurden? Darunter viele, die in der Pflege oder im Erziehungswesen arbeiten, mehrheitlich Frauen. Oder gibt es noch andere Risikofaktoren, die nur Frauen betreffen - etwa die Einnahme der Antibabypille? Die Antibabypille schließen Experten aber eher aus, denn sonst hätte die Anzahl der Fälle höher sein müssen.

Kein spezielles Risiko für Menschen mit Thromboseneigung

Klar ist, dass Hirnvenenthrombosen mit den viel häufiger auftretenden Beinvenenthrombosen nichts gemein haben. Daher gibt es auch kein spezielles Risiko für Menschen, die sonst zu Thrombosen neigen.

Verschiedene Symptome einer Hirnvenenthrombose

Kommt es zu einem Blutgerinnsel, staut sich das Blut in den umliegenden Gefäßen und es kommt zu einer Abflussstörung. Diese kann entweder zu einer sogenannten Stauungsblutung führen oder aber zu einer Schwellung des Gehirns. Die Ständige Impfkommission warnt mittlerweile: Wer vier bis 16 Tage nach der Impfung mit AstraZeneca unter folgenden Symptomen leide, solle umgehend ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen:

  • Schmerzen im Nasen-Augenwinkel
  • Sehstörungen
  • anhaltende Kopfschmerzen
  • Kurzatmigkeit
  • Beinschwellungen
  • anhaltende Bauchschmerzen
  • neurologische Symptome
  • punktförmige Hautblutungen

Sinusvenenthrombose: Therapie mit Immunglobulin und Blutverdünner

Mit speziellen Bluttests können Ärzte herausfinden, ob es sich um eine Hirnvenenthrombose handelt, die durch Antikörper ausgelöst wird. Die gute Nachricht: Wird die Thrombose rechtzeitig erkannt, gibt es eine Therapie. Spezielle Immunglobuline und Blutverdünner sorgen dafür, dass sich Blutgerinnsel wieder auflösen.

Stiko: Nutzen der AstraZeneca-Impfung höher als Risiko

Die Ständige Impfkommission empfiehlt derzeit, bis zur Klärung der noch offenen Fragen den Impfstoff von AstraZeneca nur für Personen ab 60 Jahren einzusetzen. Für sie sei der Nutzen einer Impfung, die vor einer schweren Erkrankung mit Covid-19 schützt, viel höher als das Risiko von vereinzelt auftretenden Fällen von Hirnvenenthrombosen.

Personen unter 60 Jahren, die bereits einmal mit dem Impfstoff von AstraZeneca geimpft wurden, empfiehlt die Stiko bis auf Weiteres für die Zweitimpfung die mRNA-Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna.

 

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