Stand: 29.10.2019 10:36 Uhr  | Archiv

Chat: Bewegung bei Bluthochdruck, Skoliose, Kopfschmerzen

Porträt von Helge Riepenhof und Dr. Melanie Hümmelgen. (Bildmontage) © NDR Foto: Frederik Brandt
Die Bewegungs-Docs Melanie Hümmelgen und Helge Riepenhof sind erfahrene Mediziner und überzeugt, dass spezielle Bewegungsstrategien oft mehr erreichen können als Tabletten.

Bewegung als Medizin: Wie sieht das beste Bewegungsprogramm aus, wenn ich gesund bleiben oder gegen bestimmte Beschwerden angehen will? Was kann ich bei erhöhtem Blutdruck zun? Was muss ich bei einer Skoliose beachten? Was hilft bei Verspannungen, und wie viel Bewegung ist bei Kopfschmerzen hilfreich?

Um diese Themen ging es am Montag, den 28. Oktober 2019, um 21 Uhr bei den Bewegungs-Docs. Nach der Sendung haben Kardiologin Dr. Melanie Hümmelgen und Orthopäde Dr. Helge Riepenhof Ihre Fragen im Chat beantwortet. Das Chatprotokoll zum Nachlesen.

Blaire: Ich habe immer wieder, wie aus dem Nichts, Blutdruckspitzen. Keine Ursache wurde gefunden. Bei regelmäßiger Einnahme von Candesartan sinkt der Blutdruck auf 90/47 mmHg. Kein Übergewicht, viel Sport, gute Ernährung. Was kann man noch tun?

Dr. Melanie Hümmelgen: Sie brauchen sicherlich eine individuelle Beratung. Sport muss aber ganz sicher ein Baustein in Ihrer Therapie sein.

JUERGEN24: Ich habe Verspannungen in beiden Schultern und dadurch Schmerzen, die bis in die Schläfe ziehen. Leider leiden auch meine Kiefermuskeln sehr. Bis hin zu Pfeifen im rechten Ohr. Außerdem habe ich eine Verengung im HWS-Bereich. Was kann ich tun?

Dr. Helge Riepenhof: Leider ist es aus der Ferne allgemein schwer zu sagen, was gegen die Beschwerden hilft, doch eine verspannte Nackenmuskulatur spielt auch bei Ihnen vermutlich eine entscheidende Rolle. Sie sollten alle Symptome einmal über ihren Hausarzt abklären lassen und durchaus schon mit den Entspannungsübungen der Nackenmuskulatur beginnen. Übungen finden Sie auf der Bewegungs-Docs Website.

Blaire: Wie bemerkt man Kardiomyopathie?

Hümmelgen: Das Wort Kardiomyopathie ist zusammengesetzt aus: Kardio = Herz, Myo = Muskel, Pathie = Krankheit. Es beschreibt also eine Erkrankung, bei der der Herzmuskel betroffen ist. Meistens beschreiben die Patienten eine Herzinsuffizienz-Symptomatik mit Leistungseinschränkung und Luftnot. Manchmal treten auch Herzrhythmusstörungen auf. Auf jeden Fall muss eine Kardiomyopathie fachärztlich abgeklärt und auch begleitet werden.

Sophie: Achillessehnenbeschwerden seit acht Wochen beim Joggen und hoher Puls. Trainingspause?

Riepenhof: Keine Pause, aber auf jeden Fall eine Trainingsumstellung. Durch exzentrische Belastungen werden die Beschwerden sicher schnell verschwinden, dennoch sollen Sie die Ursache suchen. Häufig ist das Schuhwerk oder manchmal auch der Untergrund, auf dem man läuft, schuld. Wenn die Schmerzen dann verschwunden sind, sollte auch der Puls wieder normal sein. Ist das nicht der Fall, unbedingt noch mal beim Hausarzt vorbei!

Angela: Ich (52 Jahre, 160 cm, 62 kg) habe eine milde Hypertonie Stufe 1 und versuche meinen Blutdruck ohne Tabletten wieder in den Griff zu bekommen. Ich verzweifle an der Bewegung, da ich mich bei einem Spaziergang von ca. zwei Kilometern und einem Tempo von 12,5 Min. in Höchstleistung (Herzfrequenzdurchschnitt 162) befinde. Zu welcher Bewegung in welcher Intensität können Sie mir raten?

Hümmelgen: Bewegung im Alltag sollte für Sie auf jeden Fall an erster Stelle stehen. Spazierengehen, 10.000 Schritte am Tag, Treppen statt Fahrstuhl, all dies sollte bei Hypertonie Stufe 1 eigentlich möglich sein, daher wundert es mich, dass Sie so schnell auf eine Herzfrequenz von 162 kommen. Dies sollten Sie unbedingt mit Ihrem Hausarzt und Kardiologen besprechen.

Silvia: Kann ich mit regelmäßigem Nordic Walking gleiche Effekte erreichen wie durch Puls-kontrolliertes Joggen?

Hümmelgen: Nordic Walking und Jogging sind beides Ausdauersportarten. Beim Nordic Walking können Sie auch als Untrainierte einsteigen und schnell gute Erfolge erzielen. Mit über 40 und nach einer langen Trainingspause mit Joggen anzufangen ist zum Beispiel verletzungsreicher als das Nordic Walking. Nun kommt es auf Ihr individuelles Trainingsziel an und was Ihnen körperlich möglich ist.

Andre: Ich kann meinen linken Arm nicht gerade nach oben ausstrecken. MRT ohne Ergebnis und Arthroskopie hat nichts gebracht. Was hilft?

Riepenhof: Damit ist es ein funktionelles Problem! Wahrscheinlich steht Ihr Oberarmkopf zu hoch und ein Muskel wird beim Anheben des Armes eingeklemmt, sodass Sie den Arm nicht mehr heben können. Probieren Sie doch einmal, den Oberarmkopf durch Training zu zentrieren. Das macht man, indem man zum Beispiel einfach nur ein Kissen unter dem Arm einklemmt und gegen den Körper drückt. Schauen Sie doch mal in der NDR Mediathek nach meinem Besuch in der Sendung DAS!, dort haben wir die Übung vorgeführt.

Anne: Wie kann ich meinen gesunden Blutdruck beim Joggen herausfinden?

Hümmelgen: Den Blutdruck unter Belastung kann Ihr Hausarzt mittels eines Belastungs-EKGs beurteilen. Natürlich gibt es auch aufwendigere Untersuchungsverfahren der Leistungsdiagnostik, aber in der Regel reicht dafür schon ein normales Belastungs-EKG. Der Hausarzt wird aufgrund Ihrer individuellen Krankheitsgeschichte dann Ihre maximal zu tolerierenden Blutdruckwerte unter Belastung ermitteln können.

Anne: Nach dem Sport bin ich (weiblich, 30 Jahre) oft kaputt oder sehr erschöpft, sodass ich mich hinlegen und ausruhen muss. Sollte ich das beim Arzt abklären lassen?

Riepenhof: Abklären lassen ist immer sinnvoll. Dennoch ist die Ursache sehr regelmäßig falsches Training. Versuchen Sie doch mal, es etwas langsamer angehen zu lassen und bauen ins Training kurze Intervalle ein. Zum Beispiel deutlich langsamer joggen als sonst und dann alle fünf Minuten einmal zehn Sekunden maximal schnell laufen. Sie werden ganz schnell einen beachtlichen Trainingseffekt bemerken und deutlich weniger erschöpft sein. Dennoch, vorher lieber einmal Herz-Kreislauf mittels EKG und Echo vom Hausarzt abklären lassen!

Jan: Bin männlich, 67 Jahre, hatte 2009 einen Herzinfarkt, bekam einen unbeschichteten Stent. Dann 2011 erneut ein Herzinfarkt, diesmal ein beschichteter Stent in den unbeschichteten Stent. Nur ASS 100 mg und Simvastatin 25 mg. Meine Frage: Kann ich den Blutdruck immer frühmorgens, ohne aufzustehen, liegend an den Oberarmen messen? Habe rechts und links dann super Werte (oberer Wert zwischen 107 und 120, unterer Wert zwischen 70 und 75. Puls dann bei 55 bis 60). Ich fahre viel und intensiv Liegerad, auch im Winter.

Hümmelgen: Typischerweise messen wir den Blutdruck im Sitzen. Im Prinzip können Sie ihn aber in jeder Körperposition messen, also auch im Liegen. Wünschenswert ist auch immer mal wieder eine Langzeitblutdruckmessung über 24 Stunden, um das Blutdruckverhalten im Tages- und Nachtverlauf zu erfassen.

S.Mack: Wie kann ich den richtigen Puls für Ausdauersport ermitteln?

Riepenhof: Eine pauschale Lösung gibt es nicht, da es ganz davon abhängt, was man trainieren will und ob man herzgesund ist. Falls Sie keine Medikamente einnehmen, da Betablocker zum Beispiel die Herzfrequenz senken, würde ich einen Puls von 200 bis 220 minus Lebensalter als Ziel-Herzfrequenz wählen. Sind Sie also um Beispiel 50 Jahre alt, dann ist Ihr Zielbereich maximal bei 150 bis 170 Schlägen pro Minute.

Michi: Sollte auf Muskelaufbau bei Bluthochdruck im Fitnessstudio verzichtet werden?

Hümmelgen: Zunächst müssen Sie unterscheiden, was Sie im Fitnessstudio machen. Sie können dort Ausdauertraining und Muskeltraining durchführen. Bluthochdruckpatienten müssen einen Schwerpunkt auf das Ausdauertraining legen und der Blutdruck muss unbedingt kontrolliert sein, um trainieren zu können. Früher haben wir ausschließlich Ausdauersportarten bei Bluthochdruckpatienten empfohlen. Heute wissen wir, dass Menschen ab 40 Jahren, spätestens ab 50 Jahren, unbedingt ein Muskelaufbautraining machen müssen. Für Bluthochdruckpatienten ist aber wichtig, maximale Spitzen zu vermeiden. Den richtigen Bereich sollten Sie mit Ihrem Hausarzt besprechen.

Gaby: Mein rechter Oberschenkel (Außenseite bis zur Wade, vom Pomuskel aus) tut primär am Morgen weh, wie Muskelkater. Nach diversen Bewegungsübungen ist es tagsüber nicht so schlimm. Mache viel Fitness, Bewegungsapparat, manuelle Therapie und Faszienübungen. Weg geht es nicht. Was kann ich noch tun?

Riepenhof: Irgendwas muss da ja nachts passieren, was diese Beschwerden auslöst. Meist gibt es dafür zwei Ursachen: Entweder Sie sind nächtlich sehr aktiv, was nicht gerade selten ist, denn manche Menschen haben gerade nachts aus verschiedenen Gründen sogar Krämpfe. Oder Sie liegen einfach ungünstig und verkürzt. Auch das kann am nächsten Morgen solche Beschwerden begründen. Versuchen Sie heute Nacht doch mal anders zu liegen, indem Sie zum Beispiel ein Kissen zwischen die Beine klemmen oder die Beine anders lagern. Geht es Ihnen dann morgens besser, dann war es die Lagerung. Haben Sie weiterhin Beschwerden, dann sollten Sie insbesondere schauen, ob Sie ausreichend kräftig im Rumpf und in den Beinen sind und nicht nachts Beschwerden bekommen, da sie sich tagsüber überfordert haben.

Michi: Wie hoch sollte meine Herzfrequenz als Ausdauersportler bei Bluthochdruck sein?

Hümmelgen: Es gibt keine allgemeingültige Herzfrequenz für alle, sondern diese muss als Trainingspuls für die unterschiedlichen Ausdauersportarten ermittelt werden. Kein Training von der Stange, sondern für Bluthochdruckpatienten sollte ein individueller Plan erstellt werden.

Felix: Wie wirkt sich Propranolol auf die Herzfrequenzbereiche in der Grundlagenausdauer 1 und 2 beim Ausdauersport aus? Muss ich diese nach unten korrigieren?

Hümmelgen: Propanolol ist auch ein Betablocker, der jedoch nicht mehr zur Behandlung des Bluthochdrucks eingesetzt wird. Die Herzfrequenz sinkt auch bei diesem Betablocker. Das Propanolol hat jedoch eine deutlich niedrigere Halbwertszeit als andere Betablocker und muss daher oft mehrmals am Tag eingenommen werden. Um wie viel die Herzfrequenz sinkt, ist von mehreren Faktoren wie der Dosis, dem Trainingsstand und so weiter abhängig und kann daher nicht pauschal vorhergesagt werden.

Anja: Wie und wo kann man die kompletten Adern, so schonend wie möglich, untersuchen lassen, ob es irgendwo gefährliche Verkalkungen gibt?

Riepenhof: Man kann die großen Gefäße, ohne invasiv werden zu müssen, komplett durch Ultraschall, also ohne Strahlenbelastung untersuchen. Das kann entweder der Hausarzt, oder Sie gehen zum Internisten oder Radiologen.

Angelika: Kann ich, 63, schlank, sportlich, mich grundsätzlich nach einer Lungenembolie wieder voll belasten und welcher Sport ist gut für mich? Der Lungendruck ist wieder normal und ich nehme Xarelto ein. Ich habe immer Sport gemacht und er fehlt mir sehr. Die Angst schränkt mich stark ein. Was können sie mir raten?

Hümmelgen: Um Ihnen einen konkreten Rat geben zu können, müsste ich mehr Informationen haben: Wie lange ist die Lungenembolie her und so weiter. Ich verstehe, dass Ihnen dies Angst macht, vielleicht wäre eine Rehabilitation eine Möglichkeit. Stellen Sie doch einmal mit Ihrem Hausarzt einen Antrag. In der Regel findet sich immer ein Sport, der zu unseren Patienten passt.

S.I.: Was sollte man am besten bei einer starken Muskelhypotonie machen? Mein Kind, sechs Jahre alt, wiegt 16 kg und ist ca. 116 cm groß.

Riepenhof: Leider können wir Ihnen pauschal keine Antwort geben, denn bei einer Muskelhypotonie geht es zunächst immer um Ursachenforschung. Ich kann Ihnen daher leider nur empfehlen, sich an eine pädiatrische Spezialambulanz zu wenden.

Dieses Thema im Programm:

Die Bewegungs-Docs | 28.10.2019 | 21:00 Uhr

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