Stand: 29.01.2019 22:51 Uhr

Chat-Protokoll: Schwindel und Tinnitus

Bild vergrößern
Dr. Christian Sturm hat im Visite Chat Fragen zum Thema Schwindel und Tinnitus durch Muskelverspannungen in der Halswirbelsäule beantwortet.

Schmerzen an Nacken und Schulter, plötzlicher Schwindel, Schwanken und diffuse Gleichgewichtsstörungen je nach Lage des Kopfes oder Ohrgeräusche können Anzeichen eines Halswirbelsäulen-Syndroms (HWS-Syndroms) sein.

Dennoch zeigen kleinere Studien inzwischen immer häufiger, was Osteopathen und Manualtherapeuten schon seit Langem bei ihrer Behandlung beobachten: Wenn sie die Gelenke und Blockierungen am Hals lösen und die Patienten ihre Muskeln gezielt trainieren, bessern sich oft Schwindelsymptome und Ohrgeräusche.

Der Orthopäde Dr. Christian Sturm, Oberarzt an der Klinik für Rehabilitationsmedizin der Medizinischen Hochschule Hannover, hat im Visite Chat Fragen zum Thema Schwindel und Tinnitus durch Muskelverspannungen in der Halswirbelsäule beantwortet. Das Protokoll zum Nachlesen.

Nathalie: Welche Übungen für den Nacken kann man gegen den Tinnitus machen?

Dr. Christian Sturm: Neben den beiden in der Sendung gezeigten Dehnungsübungen und dem Punkt zum Massieren kann man gezielt Übungen für den Musculus splenius capitis und Musculus semispinalis capitis im Internet nachlesen oder seinen Physiotherapeuten fragen.

Stefan: Ich habe ein Brummen im rechten Ohr, jedoch nur ab und zu am Tag. Wenn ich Musik höre oder mit jemanden rede, ist schlagartig kein Brummen da, bis es wieder ruhig ist, dann kommt dieses Brummen im rechten Ohr wieder. Liegt das auch am Nacken?

Sturm: Am Geräusch kann man das nicht pauschal feststellen. Sie müssen eher auf die Muskelspannung im Nacken und der Kaumuskulatur achten, ob Sie dort Verspannungen oder Schmerzen empfinden. Dies wäre eher ein Zeichen dafür, dass es vom Nacken kommt.

Sanne: Ist es immer nur Schwankschwindel oder auch Drehschwindel?

Sturm: In der feinen Differenzierung trifft es das Wort Benommenheit am besten. Echter Schwank- und Drehschwindel hat meist Ursachen im HNO-Bereich. Die Unterscheidung ist aber schwierig für den Betroffenen und auch den Arzt.

Chrissi: Weiblich 42 Jahre. Laut HNO kein Lagerungsschwindel, zeitweise über vier Wochen anhaltend, permanente Ohrgeräusche beidseitig. Kein Arzt hilft. Höre Aussagen wie: Damit muss ich leben. Wohin kann ich noch gehen?

Sturm: Wenden Sie sich gerne an Ihren behandelnden Arzt, egal ob Hausarzt oder Orthopäden, und sprechen ihn gezielt an auf den Verdacht der muskulären Ursache. Und wenn er selber nicht untersuchen möchte, kann er Ihnen vielleicht ein Rezept für Physiotherapie ausstellen, die dann eine Probebehandlung zur Lockerung dieser Muskeln durchführt.

Lisa A: Seit drei Jahren leide ich unter Gleichgewichtsstörungen mit Schmerzen im Kopf-, Schulter- und Nackenbereich. Ärzte- und Therapeuten-Odyssee. HNO-Behandlungen ohne Erfolg. Seit zwei Jahren in orthopädischer Behandlung. Diagnose: sensomotorische Störungen mit muskulären Dysbalancen, Hartspann aufgrund von Fehlhaltungen. Schuheinlagen führten zu verbessertem Gangbild, fehlende Zähne wurden ersetzt, Physiotherapie und Osteopathie bringen nur kurzzeitige Schmerzlinderung. Gleichgewichtsstörungen nach wie vor. Kann auch die Gleitsichtbrille (seit 2006) eine Ursache sein? Wie sollte meine weitere Behandlung aussehen?

Sturm: Das beschriebene Mischbild wäre ein typischer Fall für die Zusammenhänge von muskulären Problemen wie dem Schwindel, wir sehen aber auch Sehstörungen oder Zahnschmerzen als mögliche Nebenwirkung. Ihre Symptome wären also durchaus dadurch erklärbar. Eine Mischung aus erst Lockern, dann Stabilisieren der Muskulatur wäre für Sie vorsichtig zu starten.

Olla: Kann eine Hüftblockade auch einen Schwindel auslösen? Immer wenn ich das rechte Bein stärker belaste, zieht eine gefühlte Blockade von unten nach oben und löst Schwindel aus.

Sturm: Die Hüfte selbst kann keinen Schwindel auslösen, aber durch sogenannte muskuläre Verkettungen kann sich natürlich auch erst der Rücken und dann der Nacken verspannen und dann über den beschriebenen Mechanismus als Folge doch Schwindel oder Tinnitus auslösen.

Julia: Ist es möglich, durch Nackenverspannungen oder einen Bandscheibenvorfall (C4/C5) einen pulssynchronen Tinnitus (höre meinen Puls in einem Ohr laut rauschen) zu bekommen und falls ja, wie werde ich den wieder los?

Sturm: Meiner Erfahrung nach haben Bandscheibenvorfälle am Hals keinen signifikanten Einfluss. Der muskuläre Zusammenhang wurde in der Sendung beschrieben.

Michael S.: Mein Tinnitus schwankt in der Lautstärke sehr stark und wird seit ein paar Jahren tendenziell lauter. Das ist ungewöhnlich, da Tinnitus, laut meinem HNO-Arzt, normalerweise immer annähernd gleich laut ist. Welche Ursachen können eine Lautstärkeerhöhung oder starke Schwankung eines Tinnitus haben?

Sturm: Testen Sie für sich durch, welche Maßnahmen Sie die Variationen auslösen können. Oft berichten Patienten, dass sie über Kopfhaltungen oder Schlafpositionen eine Verbesserung oder Verschlechterung bewirken können. Auch das würde für muskuläre Ursachen sprechen und ist eher ein gutes Zeichen, da Tinnitus, der die Lautstärke wechselt, eher bessere Chancen auf gute Therapieergebnisse hat.

Christoph: Kann ein Benommenheitsschwindel, der durch einen Gefäß-Nerven-Kontakt (Vestibularisparoxysmie, Gefäßschlinge im MRT) entsteht, durch das HWS-Syndrom ausgelöst bzw. verstärkt werden?

Sturm: Die Frage ist eher, ob dieser Gefäß-Nerven-Kontakt ursächlich für den Schwindel ist, oder ob dies nur ein Zufallsbefund im MRT ist.

Olla: Kann ein HWS-Syndrom auch einen Ausfall des Gleichgewichtsorgans mit Drehschwindel auslösen? Um den Schwindel durch die HWS zu besiegen, hat die Physiotherapie bislang den Schwindel durch Behandlung an der HWS nur verstärkt. So traue ich mich nicht mehr zur Physiotherapie. Kann man die Therapie auch in einer geeigneten Klinik durchführen lassen?

Sturm: Der wirkliche Ausfall des Gleichgewichtsorganes (Vestibularis) kann nicht durch den Nacken verursacht werden, wohl aber ähnliche Symptome. Wenn die Therapie verschlechtert, spricht das eher dafür, dass an den richtigen Ursachen gearbeitet wird, nur zu intensiv. Falls die falsche Stelle bearbeitet würde, hätte es ja keinen Einfluss.

MelB: Da ich länger keinen Sport gemacht habe, tritt der Schwindel nachts beim Seitendrehen auf, teils auch in Stresssituationen. Was passiert wo (Kopf/Nacken) genau?

Sturm: Durch die geringe Schutzspannung der Muskulatur werden nachts oft Fehlstellungen erzeugt, die man tagsüber korrigieren würde, daher treten oft Probleme auch durch die Lagerung auf falscher Kissenhöhe auf.

Peter2: Macht es Sinn, die HWS als mögliche Ursache mit einzubeziehen, wenn der Tinnitus nach einem Lärmereignis entstand?

Sturm: Durch akutes Ereignis ausgelöster Tinnitus meistens HNO-Ursache, aber Nacken bitte immer mit abklären, da keine Risiken, kaum Kosten und ärgerlich, wenn man nicht den Versuch gemacht hat.

Hannah: Tinnitus nur links seit Jahren, dazu Morbus Meniere etwa zwei- bis dreimal im Jahr seit ca. drei Jahren, HWS-Syndrom seit Jahrzehnten, Schmerzen fast immer nur rechts und häufig sehr stark. Kann es einen Zusammenhang geben, auch wenn Tinnitus links, HWS rechts? Wenn ja: Morbus Meniere in Frage stellen und auf BetaHistidin verzichten können? Patientin, 58 Jahre alt: Was raten Sie mir zu tun, da Beschwerden stark und störend?

Sturm: Morbus Meniere schwer abzugrenzen, daher Halswirbelsäule bei Ihren beschriebenen Beschwerden unbedingt testen lassen. Seitendifferenz durchaus häufig!

Cijay: Tinnitus, zischendes Geräusch rechts (ca. 13 kHz). Durch Anspannen des Sternocleidomastoideus- und Skalenusmuskels kann ich das Zischen verstärken. Wenn ein fast ruhiger Tag war, kommt nachts ab ca. vier Uhr das Geräusch zurück. Durch Drücken am Kopf kann ich auch das Geräusch auf das linke Ohr verlagern. HWS-Steilstand, alles sonstigen Untersuchungen ohne Befund. Starke Verspannung im Hals. Harte Digastricus-Muskeln. Was kann ich für Übungen machen oder gibt es sonstige muskelentspannende Techniken? Oder gibt es sonstig Ratschläge?

Sturm: Sie haben die Diagnose ja schon fein differenziert, jetzt brauchen Sie nur noch passende Therapeuten (z.B. mit Zusatzausbildung Manuelle Therapie in der Physiotherapie), die Ihnen helfen, diese Muskeln zu lockern und Ihnen Dehnungsübungen zeigen.

Martina: Ich leide seit Jahren an Tinnitus und seit Kurzem nun auch an Schwindelattacken, hervorgerufen durch Verspannungen und Schmerzen in der HWS. Ist es möglich, dass eine Kieferfehlstellung (d.h. ein offener Biss) Ursache für diese heftigen Verspannungen der HWS ist? Und wie schätzen Sie die Chancen einer operativen Korrektur dieser Kieferfehlstellung ein? Wird sich die HWS dadurch "beruhigen"?

Sturm: Zusammenhang zum Kiefergelenk und der Zungenboden- und Kaumuskulatur ja selbstverständlich, daher unbedingt Korrektur des Bisses sinnvoll, aber ob dafür eine OP erforderlich ist, kann ich von hier aus nicht sagen. Meist geht es ohne OP. CMD-Therapie wäre für Sie passend.

Johschneid: Ich habe seit 23 Jahren chronischen Tinnitus. Ihre Ausführungen zur HWS erinnern mich an eine "Atlastherapie", die ich vor einiger Zeit genossen habe. Was halten Sie von der Atlastherapie?

Sturm: Atlastherapie ist oft eine sinnvolle Maßnahme, wenn die Kopfgelenke wirklich ursächlich sind. Aus meiner Erfahrung eher im Rahmen eines Gesamtkonzeptes mit Physiotherapie und Eigenübungen als alleinige Maßnahme.

Gerd: Ich habe Tinnitus auf beiden Ohren. Ich kann den Tinnitus durch das Anspannen der Nackenmuskulatur beeinflussen. Er wird sofort aggressiver. Kann das mit den von Ihnen beschriebenen Muskeln zu tun haben? Ich habe das schon bei einigen HNO und Orthopäden beschrieben, aber keiner will was davon wissen.

Sturm: Jetzt wissen Sie ja Genaueres und können Ihren Arzt auch auf die Sendung verweisen, vielleicht kommen Sie dann ja dem Problem gemeinsam auf die Spur. So wie Sie es beschreiben, klingt es sehr typisch für den Muskel.

Yvonne: Weiblich, 54, seit 28 Jahren gesicherte Diagnose Morbus Bechterew mit komplett eingesteifter Wirbelsäule. Vor 25 Jahren Hörsturz rechts. Seit dem Tinnitus rechts, bei Stress vermehrt. Hörtest leicht eingeschränkt. Kann ich trotzdem etwas mit Massage oder Homöopathie erreichen?

Sturm: Gerade bei Morbus Bechterew ist durch die meist vorhandene Vorneigung der Wirbelsäule die Muskulatur an Nacken und Rücken besonders belastet. Hier würden Massage, Dehnungen und sogenannte Trigger-Punkt-Behandlungen wahrscheinlich lindern.

Novi53: Ich habe seit 22 Jahren Tinnitus. Kann das immer noch eine Muskelverspannung sein?

Sturm: Ja, die Chance einer erfolgreichen Behandlung sinkt allerdings mit zunehmender Dauer der Problematik.

Gertrud: Leide seit fünf Jahren an dauerndem Schwankschwindel, fühlt sich an, als hätte ich Sprungfedern unter den Fußsohlen. Begonnen hat es mit akutem Gleichgewichtsausfall, Nystagmus, stat. Kortisontherapie. Habe alle Fachschaften durch, Hilfe, bin sehr verzweifelt, was soll ich tun?

Sturm: Wie beschrieben, bitte an behandelnde Ärzte vor Ort wenden und den Verdacht der muskulären Ursache ansprechen. Wichtig aber auch, dass die Sensorik der Beine (Proprioception) geprüft wird, ob das Unsicherheitsgefühl von dort kommt.

Hneumann: Der Arzt hat bei mir einen Stiernacken diagnostiziert, auch die Kiefermuskeln sind verhärtet, ich kann beim Zahnarzt kaum den Mund aufhalten. Ich habe unter Stress manchmal am Rechner eine Bildstörung, der mittlere Bereich ist unscharf. Beim Autofahren scheint das Bild stehen zu bleiben in der Ferne bzw. es hat den Effekt, wie die Gewöhnung an eine neue Gleitschichtbrille. Ich habe linksseitig mehrere Blockaden gehabt, Schulter, Ober- und Unterschenkel und Fuß. Ich bin daraufhin selbst zum Orthopäden zwecks Behandlung der Halswirbelsäule gewesen. Aber kann die gesamte Blockade auch aus dem Fuß bis in die Halswirbelsäule gehen? Mittlerweile konnte ich durch die Krankengymnastik bereits Besserung erfahren, bezüglich Schwindel und auch Tinnitus.

Sturm: Je länger muskuläre Beschwerden bestehen, desto häufiger kommt es zur Ausweitung der Problematik auch benachbarter Muskelgruppen, die sich dann durch den ganzen Körper ziehen können und Beschwerden an allen möglichen Bereichen auslösen können.

Katie: Seit sieben Monaten leidet meine Mutter (76) unter Schwindelattacken mit Übelkeit und völliger Orientierungslosigkeit. Des Weiteren leidet sie schon seit Jahren an Tinnitus, der vor den Attacken oft stärker wird. Die Attacken kommen plötzlich und halten oft mehrere Tage in verschiedener Stärke an. Der Arzt geht davon aus, dass der Schwindel vom Atlaswirbel ausgeht. Wäre er in diesem Fall wieder heilbar? Sie nimmt bei den Attacken auch immer Vertigo Vomex Tblt., die ein wenig helfen. Sind diese auf Dauer schädlich?

Sturm: Der Wirbel selbst ist nie schuld, sondern nur seine umgebenden Weichteile und Nerven. Diese sind auch nach langer Zeit noch begrenzt verbesserungsfähig.

Anschi: Ich habe auch seit Oktober Schwindel und Tinnitus, aber alles linksseitig. MRT ohne Befund. HNO-Ärzte, Orthopäden im Schwindelzentrum in München stellen einen Lagerungsschwindel fest. Übungen dreimal täglich, hier wird es mir so übel, dass ich für die Übelkeit Medikamente einnehmen soll. Bin ratlos, soll damit leben, bin 62 Jahre alt und möchte das so nicht.

Sturm: Man darf die Übungen für Lagerungsschwindel (Lagerungsmanöver) nicht mit den Dehnungsübungen für die Nackenmuskeln verwechseln. Eins zielt aufs Ohr, das andere auf die verspannte Muskulatur. Dann lieber mal vorsichtig die Dehnung testen.

Nessetal: Gedämpftes beidseitiges Hörempfinden durch Kiefergelenkarthrose möglich?

Sturm: Neben Tinnitus und Schwindel sehen wir in der Diagnostik auch oft Hörminderungen als mögliche Nebenwirkung der muskulären Probleme. Diese wiederum können durch Kiefergelenkarthrose verstärkt werden.

Jaro: Was kann man machen, wenn Dehnübungen nicht verträglich sind?

Sturm: Dehnungsübungen muss man dann entsprechend sehr zart durchführen oder sich dabei physiotherapeutische Hilfe geben lassen, um die richtige Dosierung zu finden.

Dieses Thema im Programm:

Visite | 29.01.2019 | 20:15 Uhr

Was hilft gegen Schwindel?

Wer unter Schwindelattacken leidet, sucht oft jahrelang nach der Ursache und einer hilfreichen Therapie. Für Schwindel gibt es viele Gründe. Einfache Übungen können helfen. mehr

7 Bilder

Halswirbelsäule: Schwindel und Tinnitus

Probleme an den Muskeln und Gelenken der Halswirbelsäule können zu Schwindel und Ohrgeräuschen führen. In vielen Fällen lassen sich die Beschwerden erfolgreich behandeln. Bildergalerie

Mehr Ratgeber

06:51
Mein Nachmittag
12:01
Mein Nachmittag