Stand: 03.03.2020 23:28 Uhr

Chat-Protokoll: Migräne richtig behandeln

Prof. Arne May
Prof. Dr. Arne May hat im Visite Chat Ihre Fragen zum Thema Migräne beantwortet.

Migräne ist mehr als heftiger Kopfschmerz. Oft rollen die Anfälle mit Übelkeit, Sehstörungen und hefigem Krankheitsgefühl heran, dann blockiert der Schmerz das Denken. Licht, Geräusche und Bewegungen werden zur Qual, meist über Stunden, manchmal auch Tage. Und obwohl die Migräne zu den häufigsten neurologischen Erkrankungen zählt, erhält nach einer aktuellen Hamburger Studie jeder dritte Patient keine ausreichende Behandlung.

Am Dienstag, 3. März 2020, war der Neurologe Prof. Dr. Arne May zu Gast bei Visite und hat anschließend Ihre Fragen im Chat beantwortet. Das Protokoll zum Nachlesen.

Mohrmann: Meine Tochter (15) leidet seit ihrem siebten Lebensjahr an chronischen Dauerkopfschmerzen, mit Migräne-Attacken mindestens einmal die Woche. Gibt es eine Möglichkeit der Therapie? Bis jetzt hört man immer nur von Möglichkeiten für Erwachsene.

Prof. Dr. Arne May: Als Prinzip gilt, dass Kinder und Jugendliche nicht anders behandelt werden als Erwachsene. Allerdings sind die Dosierungen geringer. Bei Kleinkindern hilft Schlaf am besten. Im Zweifelsfall würde ich auch mit einem Kind oder Jugendlichen zu einem Neurologen oder Kopfschmerzarzt gehen.

Anke: Ich bekomme zur Behandlung von Migräne mit Doppelbildern Topiramat. Habe jetzt ein unangenehmes Prickeln in den Händen sowie Missempfindungen am Kinn und in den Wangen. Soll ich sie weiter nehmen? Morgens eine und abends zwei, jeweils 25 Milligramm.

May: Zur Dosierung kann ich nichts sagen, denn die ist sehr individuell und muss mit dem Arzt besprochen werden. Kribbeln in den Händen und Füßen und auch metallischer Geschmack gehören zu den typischen Nebenwirkungen von Topiramat. Das Kribbeln kann durch Einnahme kaliumhaltiger Lebensmittel (Banane, Trockenfrüchte etc.) gemindert werden.

Kerstin: Hilft Akupunktur? Bei jedem? Wenn ja, wohin am besten wenden?

May: Akupunktur hilft in 30 Prozent der Fälle bei Kopfschmerzen. Man muss es einfach ausprobieren. Ihr Hausarzt weiß, wer Akupunktur anbietet.

Gitte-Bea: Können Patienten mit chronischer Migräne auch mit über 65 Jahren die Antikörper-Therapie erhalten? Ich bin 71 Jahre alt und habe neun bis 20 Tage pro Monat Migräne. Prophylaxe mit Amitriptylin, Topiramat und Betablockern wurde durchgeführt. Sie musste leider wegen Nebenwirkungen wie Schwindel und Hypotonie abgebrochen werden.

May: Die Studien zu Antikörpern wurden nur bis zum 65. Lebensjahr gemacht. Insofern gibt es bei älteren Patienten keine Daten. Sofern keine schweren Vorerkrankungen bestehen und die Voraussetzungen (Indikation) stimmen, spricht vermutlich nichts dagegen. Ihr Neurologe kann Sie beraten.

Sibille: Meine Migräne beginnt oft in der Nacht um vier Uhr. Am Abend vorher habe ich meist eine Kleinigkeit Süßes gegessen. Dann sitzt der Schmerz über den Augen und an der Stirn, ständiges Erbrechen, meist bis abends um 17 Uhr. Wegen des Erbrechens kann ich keine Schmerztablette nehmen. Es hilft nichts, nur warten. Kann es eine organische Ursache haben - wenn ja, welche? Meine Ärztin findet nichts. Es hat auf jeden Fall etwas mit Essen zu tun.

May: Migräne ist eine typische Erkrankung mit einem Tagesrhythmus und beginnt sehr häufig nachts. Das ist meist unabhängig von Süßigkeiten. Wenn die Migräne zu häufig ist, macht eine medikamentöse Prophylaxe Sinn. Bitte besprechen Sie dies mit Ihrem Neurologen.

Ela: Ich bin 47 Jahre alt und leide seit meinem zehnten Lebensjahr an Migräne. Zwischen sechs und zehn Anfälle im Monat belasten meinen Alltag. Die medikamentösen Prophylaxe-Mittel habe ich alle ausprobiert, leider erfolglos. Die neue CGRP-Antikörper-Therapie wird von meinem Neurologen mit dem Hinweis auf die Kosten noch immer nicht begonnen. Ich wäre sogar bereit, die Kosten selbst zu tragen. Für mich ist die Therapie der letzte Strohhalm. Was raten Sie mir?

May: Es gibt klare Regeln, für welche Patienten die Antikörper-Therapie infrage kommt. Bitte besprechen Sie diese Regeln mit Ihrem Hausarzt und Neurologen.

Karo: Wie kann ich meine Auslöser am besten herausfinden?

May: Einfach ausprobieren, was Ihnen gut tut und was nicht.

Sarah: Ich leide seit meinem zwölften Lebensjahr an Migräne. Dank eines Langzeitzyklus bin ich mittlerweile fast frei von Attacken. Muss ich damit rechnen, dass ich, wenn ich die Pille zwecks Kinderwunsch absetze, wieder stark mit Migräne zu tun haben werde - womöglich mehr als früher?

May: Das ist sehr individuell und nicht vorhersagbar. Bei manchen Patientinnen ist das so, bei anderen nicht. Leider hilft nur ausprobieren.

Betty: Hilft CBD gegen Migräne? Würden Sie dies empfehlen?

May: Es gibt keine gut gemachte und aussagekräftige Studie, dass Cannabis-Produkte gegen Kopfschmerzen helfen können. Wir raten davon ab.

Franz: Mein Sohn (viereinhalb Jahre) hat seit einem Jahr regelmäßige Migräne-Attacken. Er ist dann kaum ansprechbar und eine Medikamentengabe (in Zäpfchenform oder Fiebersaft) fast unmöglich, da auch oft Erbrechen dazukommt. Gibt es Alternativen? Gibt es Hoffnung, dass die Migräne wieder verschwindet?

May: Dies müssten Sie bitte mit einem Kinder-Neurologen besprechen, eventuell ist eine vorübergehende Prophylaxe sogar in dem Alter sinnvoll. Auf der Webseite der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) finden Sie Expertenadressen.

Tanja: Ich hatte vergangenes Jahr fünf Attacken, allerdings mit neurologischen Ausfällen: Bein taub, Arm taub, Halluzinationen. Sind Ihnen diese Begleiterscheinungen bekannt?

May: Bei 30 Prozent der Migräne-Patienten können neurologische Ausfallsymptome auftreten, die sogenannte Aura. Man muss mit dem Neurologen besprechen, ob es wirklich nur eine Aura ist. Diese ist an sich harmlos.

Tami: Ich bin schon seit Jahren im Schmerzzentrum Berlin in Behandlung. Meine Ärztin wollte mich mit Antidepressiva behandeln, wovor ich etwas Angst habe, da die Nebenwirkungen extrem sein sollen. Da ich seit Wochen aber auch wieder sehr viele und starke Migräne-Anfälle habe, wollte ich wissen, ob Sie mir hierzu raten würden?

May: Das Schmerzzentrum Berlin kennt sich gut mit Migräne aus. Eine Migräne-Prophylaxe wird mit Betablockern (Medikation gegen Bluthochdruck), Antidepressiva oder Medikamenten gegen Epilepsie durchgeführt. Wir setzen Dosierungen ein, die sehr gering sind und von den Patienten meist ohne Nebenwirkungen vertragen werden. Auch dies ist sehr individuell und jeder Mensch muss für sich herausfinden, ob er ein Medikament verträgt. Wenn nicht, absetzen.

Monique: Welche Möglichkeiten gibt es, wenn ich in letzter Zeit sehr empfindlich bin und bei größeren Wetterumschwüngen starke Kopfschmerzen bekomme?

May: Vielleicht hilft eine Prophylaxe für ein paar Monate. Dies könnten Sie mit Ihrem Hausarzt besprechen.

Watsi93: Wie stehen Migräne und Magnesium beziehungsweise Magnesium-Mangel in Zusammenhang? Sollte man Magnesium substituieren? Welche Dosis und wie lange?

May: Magnesium-Mangel macht keine Migräne. Eine Magnesium-Einnahme hat eine geringe Wirkung auf die Migräne-Häufung.

Lisa: Ich habe je nach Stress und Licht bis zu vier Mal pro Woche Migräne. Auf welches Medikament soll ich denn meinen Arzt ansprechen?

May: Auf der Webseite der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) finden Sie die aktuellen Leitlinien zur Migräne-Behandlung. Ab drei Attacken pro Monat macht eine Prohphylaxe für ein halbes Jahr Sinn. Bitte besprechen Sie diese Leitlinien mit Ihrem Hausarzt.

Maja: Ich möchte gerne wissen, warum ich immer im Zusammenhang mit der Menstruation Kopfschmerzen habe. Selbst als ich eine Spirale und keine Regelblutung hatte, hatte ich diese verflixten Kopfschmerzen.

May: Das ist gut bekannt. Man geht davon aus, dass der Östrogen-Entzug bei der Menstruation die Attacke auslösen kann. Alles wissen wir noch nicht, aber dass Hormone die Migräne beeinflussen, steht außer Frage.

Martina: Haben Triptane stärkere Nebenwirkungen als zum Beispiel Ibuprofen in hohen Dosen?

May: Nein. Dies ist abhängig von Vorerkrankungen und anderen individuellen Bedingungen. Insgesamt haben Triptane ein sehr geringes Nebenwirkungsprofil. Sie dürfen nicht eingenommen werden bei Schlaganfall, Herzinfarkt oder zu hohem Blutdruck.

TanniOst: Welche Medikamente zur Prophylaxe sind sinnvoll?

May: Bitte schauen Sie auf die Webseite der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG), dort sind die Leitlinien mit allen Medikamentennamen veröffentlicht.

Simvolk: Ist Botox ein wirksames Mittel gegen Migräne?

May: Botox hilft nur bei der chronischen Migräne, bei der normalen Migräne ist es wirkungslos.

Leonie: Besteht ein Zusammenhang zwischen abschwächenden Migräne-Attacken und Ausdauertraining wie Joggen?

May: Ja, Ausdauersport kann Migräne sehr positiv beeinflussen.

Luise: Können anhaltende Migräne-Attacken Folgeerkrankungen auslösen oder zu Hirnschäden führen?

May: Migräne-Anfälle sind sehr unangenehm, aber nicht für das Gehirn schädlich. Auch häufige oder viele Attacken können nicht zu Schäden führen.

Sarah: Was halten Sie von 5-HTP? Ist das eine Option zur Verringerung von Migräne?

May: 5-HTP ist Serotonin, ein Botenstoff des Gesichtsnervs. Deshalb wirken Triptane als Kopfschmerzmedikamente.

Mickchen: Mich ängstigt der Gedanke, als Migräne-Betroffener eher an Demenz zu erkranken. Wie schätzen Sie das ein?

May: Es gibt inzwischen mehrere gut gemachte Studien, die beweisen, dass Migräne nicht schädlich ist und nicht zur Demenz führt.

Martina: Ich habe seit meinem sechsten Lebensjahr Migräne und schon viel probiert. Die einzige Zeit ohne Migräne war in der Schwangerschaft. Ich habe auch schon Topiramat probiert, leider mit fast allen bekannten Nebenwirkungen. Ich war nicht mehr arbeitsfähig. Ich würde gerne wissen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, die Migräne-Spritze zu bekommen. Ich habe zwischen fünf und zehn Anfälle im Monat und behandele derzeit mit Sumatriptan und Naproxen.

May: Die Antikörper-Therapie (Migräne-Spritze) ist in Europa zugelassen für Patienten mit Migräne. Allerdings muss man vorher die altbewährten Medikamente zur Prophylaxe versucht haben.

Annette: Stimmt es, dass die Antikörper-Therapie keinen Sinn macht, wenn Triptane bei einem nicht oder kaum anschlagen?

May: Nein, das stimmt nicht.

Elli: Ich leide unter starker Migräne, die auf kein Schmerzmittel anspricht. Habe Triptane in jeder Form ausprobiert, alle Schmerzmittel, nur keine Opiate. Erstaunlicherweise hilft mir Cortison (100 Milligramm Prednisolon), die Anfälle zu beenden. Gibt es Einwände gegen die Einnahme von Cortison über drei Tage im Monat?

May: Cortison hilft bei Migräne und allen anderen Kopfschmerzen dieser Welt. Cortison macht grauenhafte Nebenwirkungen, wenn man es zu häufig oder zu lange nimmt und darf daher nur extrem selten und bei bestimmten Erkrankungen eingenommen werden.

Happy: Bekanntlich kollidieren Antidepressiva mit Triptanen. Was raten Sie?

May: Das stimmt nicht. Neuere Studien zeigen, dass die serotoninhaltigen Antidepressiva auch mit Triptanen kombiniert werden können. Das sogenannte Serotoninsyndrom ist extrem rar.

Hedwig: Ist Ihnen ein Zusammenhang von Herpes zoster und Migräne bekannt? Bei mir tritt zeitgleich mit dem Herpes sehr oft auch die Migräne auf.

May: Einen direkten Zusammenhang gibt es nicht. Die Migräne reagiert aber auf viele Körperreaktionen und so kann es auch mal zu einem zeitlichen Zusammenhang kommen.

Diana: Unsere Tochter (12) hat seit dem fünften Lebensjahr eine schwere Form von Migräne, das heißt etwa ein bis zwei Anfälle pro Woche mit Erbrechen. Werden am UKE auch Kinder behandelt oder können Sie uns eine Klinik nennen, die dies tut? Darüber hinaus haben wir über eine Kur für sie nachgedacht. Können Sie uns eine Kurklinik speziell für Kinder mit Migräne empfehlen?

May: Ja, im UKE werden auch Kinder mit Kopfschmerzen behandelt.

Renata: Ich habe seit Beginn der Wechseljahre Migräne. Würde eine Hormonersatztherapie helfen?

May: Ja, würde sie. Allerdings haben die Prophylaxe-Medikamente gegen Migräne weniger Nebenwirkungen.

Daani76: Kann eine Migräne vererbbar sein? Ich selbst habe seit meinem 14. Lebensjahr Migräne und meine Tochter (13) hatte jetzt auch schon drei bis vier Attacken.

May: Die Ursache der Migräne ist genetisch. Allerdings ist es nicht auf ein einziges Gen zurückzuführen, sodass auch Umweltfaktoren eine Rolle spielen.

 

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Visite | 03.03.2020 | 20:15 Uhr

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