Stand: 07.05.2019 22:30 Uhr

Chat-Protokoll: Knieschmerzen

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Dr. Oliver Bachmann hat im Visite Chat Fragen zum Thema Knieschmerzen beantwortet.

Naturgemäß versucht man, ein schmerzendes Gelenk zu schonen. Das empfiehlt sich aber lediglich im akuten Entzündungsstadium. Auf Dauer macht fehlende Bewegung kranke Gelenke noch steifer und schmerzhafter, denn der umgebende Bandapparat verkürzt sich und wird unflexibel. Bewegung stärkt hingegen die stützende Muskulatur und fördert die Durchblutung.

Der Orthopäde Dr. Oliver Bachmann von der Asklepios-Klinik St. Georg in Hamburg hat im Visite Chat Fragen zum Thema Knieschmerzen beantwortet. Das Protokoll zum Nachlesen.

Bergmann: Ich habe an beiden Knien eine Retropatellararthrose. Trotz gezieltem Muskelaufbau und viel Bewegung gehen die Schmerzen seit fünf Jahren nicht weg. Was kann man noch gegen die Schmerzen tun?

Dr. Oliver Bachmann: Erst mal sollten Sie schauen, ob Sie richtig trainieren. Zweitens sollten Sie in Betracht ziehen, dass das körperliche Training nicht die Therapie der Wahl gegen Ihren Arthroseschmerz sein könnte. Ich würde Ihnen die Vorstellung bei einer interdisziplinären Schmerzabteilung empfehlen.

Giggi: Mein Orthopäde hat mir Hoffnung gemacht, dass mein rechtes Knie nicht operiert werden muss, wenn der Riss im Meniskus durch Physiotherapie sich wieder schließen würde. Momentan erhalte ich Physiotherapie und Ultraschall. Beidseitig habe ich auch Knie-Arthrose. Welche Behandlung würden Sie noch empfehlen?

Bachmann: Passive Physiotherapie und Ultraschall haben keinen langfristigen Effekt. Es geht um die Eigenaktivierung - dass Patienten wieder anfangen, das zu tun, was sie leidenschaftlich machen oder was sie wirklich vermissen. Man sollte sich ein Ziel setzen und an diesem anfangen zu arbeiten. Das funktionelle Training (aktive Übungen selbst machen) ist der passiven Physiotherapie bei Weitem überlegen.

Dieter: Ich bin 56 Jahre alt, eigentlich fit. Ich habe bis jetzt regelmäßig Intervall-Treppensteigen gemacht, also zehn Stufen rauf und runter. Das mache ich sehr gerne, ist auch gut für meinen Kreislauf. Aber ich merke beim Absteigen öfter Schmerzen im Knie. Laut dem Orthopäden habe ich einen kleinen Riss im Meniskus, der alleine ausheilt. Muss ich in Zukunft auf mein geliebtes Treppensteigen verzichten?

Bachmann: Nein, müssen Sie nicht.

Carla: Ist die Beinpresse im Fitnessstudio bei Knieschmerzen (beginnende Arthrose, mit Knirschen beim Kniebeugen) ratsam?

Bachmann: Ja. Ergänzend zum Krafttraining würde ich Koordinationstraining empfehlen.

Grobe: Meine Mutter, übergewichtig, hatte starke Kniearthrose mit üblen Schmerzen. Behandlung mit Brufen. Stimmt es, dass das Leiden vererbt werden kann? Ich bin nicht übergewichtig. Kann das Ganze mittels Ernährung aufgehalten oder beeinflusst werden?

Bachmann: Arthrose kann vererbt werden, aber das hat nicht zwingend einen Einfluss auf die Funktionalität des Kniegelenks. Wichtig ist, dass Ihre Mutter ihrem Alltag uneingeschränkt nachgeht. Positiv beeinflussen kann man die Arthrose durchaus durch Ernährung - durch entzündungshemmende Nahrungsmittel.

Dodo: Welches Mittel hilft bei Arthrose am besten und gegen die Entzündung?

Bachmann: Antirheumatika, Kohlwickel (Wirsing- oder Weißkohl) und Kühlung.

Niwi: Wenn aufgrund von Kniearthrose 4. Grades die Knie seitlich instabil werden - wie sollte man vorgehen? Sind Übungen mit Orthese sinnvoll?

Bachmann: Das ist altersabhängig. Sind Sie unter dem Rentenalter, sollte keineswegs an eine Endoprothese (künstliches Kniegelenk) gedacht werden, sondern es sollten angeleitet Eigenübungen durchgeführt werden. Haben Sie das Rentenalter überschritten, kann eine Prothese ein wirkungsvolles Mittel sein, allerdings muss vorher die konservative Therapie (Krankengymnastik am Gerät, medizinische Trainingstherapie) voll ausgeschöpft werden.

Tinko: Wie mache ich einen Kohlwickel? Wie oft und für wie lange würden Sie die Wickel empfehlen?

Bachmann: Ich nehme die äußeren grünen Blätter, walze sie mit einem Nudelholz, bis der Saft etwas austritt. Dann lege ich die Kohlblätter direkt auf die Haut - leichter Wickel zum Fixieren - und lasse ihn über Nacht. Das mache ich für einen Monat täglich.

Sven: Ich bin 37, gehe oft ins Fitnessstudio, mache auch Kniebeugen und Frontkniebeugen. Ich habe im rechten Knie beim Treppensteigen ein Knirschen, aber keine Schmerzen. Was kann das sein? Sollte es abgeklärt werden?

Bachmann: Kniegeräusche haben keinen Krankheitswert und sind normal. Schon im jungen Alter machen alle Gelenke Geräusche, die im Alter zunehmen. Wichtig ist, dass Sie sich nicht schonen, Ihr Knie belasten und weiter trainieren. Es gibt kein Richtig und kein Falsch. Machen Sie sich über die Kniegeräusche keine weiteren Gedanken.

Walburga: Darf ich die Übungen, die in der Sendung gezeigt würden, auch mit fehlendem Außenmeniskus im rechten Knie machen?

Bachmann: Ja.

Rita: Ich habe eine Arthrose 3. bis 4. Grades im Knie und möchte gerne einen Halbmarathon laufen. Welches Training empfehlen Sie mir?

Bachmann: Das normale Marathontraining. Vielleicht etwas niedrigschwelliger anfangen und sich mehr Zeit lassen. Die Muskulatur baut sich schnell auf, der Knorpel braucht allerdings Zeit, um sich an die Belastung für einen Marathon anzupassen - mindestens drei bis vier Monate.

Aruba: Drei Ärzte haben mir prognostiziert, dass ich - wegen Knie-Arthrose - bald künstliche Kniegelenke brauchen werde. Können künstliche Kniegelenke umgangen werden durch das Trainingsprogramm aus der heutigen Sendung?

Bachmann: Ja, weil es nie den richtigen Zeitpunkt für eine Knieprothese gibt. Der Patient sollte immer selbst entscheiden, wann er eine Prothese bekommen möchte - wenn er mit seiner Kniefunktionalität nicht mehr zufrieden ist. Allerdings sollte keine Prothese unter dem 65. Lebensjahr eingebaut werden. Ich empfehle immer die aktivierende Therapie mit einer klaren Zielsetzung.

Marianne: Ich habe in beiden Knien seit sieben Jahren (rechts) und seit sechs Jahren (links) jeweils eine Schlittenprothese. Welche Bewegungen oder Belastungen darf ich damit auf keinen Fall machen, um möglichst lange damit leben zu können?

Bachmann: Es gibt keine falschen Bewegungen. Je mehr Sie machen und je muskulärer Ihr Bein ist, desto länger kommen Sie mit der Prothese zurecht. Auf keinen Fall schonen. Eine Prothese tut nicht weh.

Uta: Ich bin 55 Jahre alt und habe Arthrose in den Knien und X-Beine. Durch Schonung der Knie habe ich zusätzlich Probleme im unteren Lendenwirbelbereich. Kann ich durch Funktionstraining und Fitnessstudio meine Schmerzen verringern? Wann ist eine Operation der X-Beine durchzuführen?

Bachmann: Das ist ein medizinischer Grenzfall. Es gibt achskorrigierende Operationsverfahren, die zu einer Entlastung des äußeren Gelenkspalts führen, allerdings kann man das allein an Ihrem Alter nicht entscheiden, da für diese Entscheidung zu viele andere Faktoren eine Rolle spielen. Durch Funktionstraining können Sie die Funktionalität des Kniegelenks aufrechterhalten oder verbessern und dadurch gegebenenfalls den Schmerz verringern.

Marita: Seit einem Jahr habe ich eine Knieprothese im rechten Knie. Beim Knien habe ich sehr starke Schmerzen. Kann ich das Knien trotz Prothese über den Schmerz hinweg üben?

Bachmann: Für Sie ist es enorm wichtig zu üben - und enorm wichtig zu wissen, dass Sie durch Übungen die Prothese keinesfalls kaputt machen können. Je mehr Sie Ihr Bein belasten und nutzen, desto besser werden Sie mit Ihrer Prothese zurechtkommen. Eine Prothese tut nicht weh. Bei 30 Prozent aller eingebauten Prothesen behält der Patient seinen Knieschmerz. Hier muss man von einer Schmerzerkrankung ausgehen. Ich würde die Vorstellung in einer multimodalen Schmerztherapie empfehlen.

Atschu: Ich trage Kniebandagen bei meinen Arthroseschmerzen. Ist das sinnvoll?

Bachmann: Nein, auf keinen Fall. Wirkungsvoll ist muskuläres Aufbautraining. Sie müssen die Angst verlieren, dass Ihr Knie durch Bewegung und Belastung einen weiteren Schaden nimmt.

Katy: Hilft eine Mikrofrakturierung bei Knieschmerzen?

Bachmann: Eine Mikrofrakturierung dient dem Aufbau von Ersatzknorpeln. Wichtig zu wissen ist, dass der Kniegelenksbinnenschaden nicht mit Schmerzen korreliert. Das heißt: Ein völlig intakter Kniegelenksknorpel kann genauso weh tun wie ein nahezu völlig zerstörter Kniegelenksknorpel. Ich weiß, das klingt skurril.

Thomas: Darf ich mit Arthrose Tennis und Fußball spielen?

Bachmann: Das dürfen Sie, Sie sollten dabei aber viel Wert darauf legen, dass Sie eine ausgeprägte Muskulatur zur Kniestabilisierung haben.

Gf: In der Sendung haben Sie gesagt, dass man immer über die Schmerzgrenze gehen soll. Genauso versuche ich das im Moment auch zu tun. Nur kann ich mich dann am nächsten Tag meist gar nicht mehr bewegen, die Schmerzen sind verstärkt da. Kann oder sollte man da zu Schmerzmitteln greifen und dann wieder weitermachen? Oder sollte man warten?

Bachmann: Eine kurzfristige Schmerzmitteleinnahme ist dabei durchaus sinnvoll - besonders, wenn das Kniegelenk dabei nicht dick wird.

Danny: Ich habe vor eineinhalb Jahren eine Knorpelzelltransplantation wegen einer traumabedingten Arthrose bekommen. Leider blieb der erhoffte Erfolg aus. Mein Knie ist schlimmer als vorher, fühlt sich "bröckelig" von innen an, schmerzt innen bei Belastung. Ich bin gerade 43 Jahre alt und denke über ein künstliches Gelenk nach. Was halten Sie in meinem Alter davon?

Bachmann: Auf keinen Fall eine Kniegelenksprothese. Holen Sie sich weitere Meinungen ein, es gibt bestimmt noch wirkungsvolle Therapieoptionen.

Sydney: Kann man auch eine schiefe Beinachse mit entsprechenden Übungen teilweise begradigen, um den Innenmeniskus beziehungsweise den Knorpel zu entlasten? Ein Bein ist bereits durch Umstellungsosteotomie begradigt worden.

Bachmann: Nein, aber es ist auf jeden Fall wichtig, dass Sie Ihre Muskulatur weiter kräftigen, um die Funktionalität des Kniegelenks weiter aufrechtzuerhalten. Wenn eine Achskorrektur schon durchgeführt wurde, sind die operativen Behandlungsmethoden ausgeschöpft.

Dieses Thema im Programm:

Visite | 07.05.2019 | 20:15 Uhr

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