Stand: 28.11.2018 08:17 Uhr

Chat-Protokoll: Diabetes

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Dr. Jens Kröger hat im Chat Fragen zum Thema Diabetes beantwortet.

Wissenschaftler gehen davon aus, dass mehr als acht Millionen Menschen in Deutschland Diabetes haben. Etwa zwei Millionen wissen das jedoch nicht und können entsprechend nicht behandelt werden. Das kann fatale Folgen haben, denn ist der Zuckerspiegel im Blut auf Dauer zu hoch, hinterlässt das Spuren in den Blutgefäßen und vielen Organen.

Der Diabetologe Dr. Jens Kröger hat im Visite Chat Fragen zum Thema Diabetes beantwortet. Das Protokoll zum Nachlesen.

Anna: Ich bin sehr schlank, treibe täglich mindestens eine Stunde Kraft- beziehungsweise Ausdauersport, ernähre mich Low Carb und habe einen auffälligen OGTT. Was kann ich noch tun, um einen Diabetes zu verhindern? Ich möchte eher zu- als abnehmen und esse daher sehr viele Nüsse, Avocados etc., auch um satt zu werden. Nüchternblutzucker ist normal: HbA1c 5,8 beziehungsweise 5,9.

Dr. Jens Kröger: Das, was Sie machen, ist super. Sie bewegen sich, machen eine Ernährungsform in Form von Low Carb, was gerade in der Prävention und der Therapie des Diabetes sehr erfolgreich ist. Wichtig ist jetzt im weiteren Verlauf, dass Sie sich, wenn Sie einen auffälligen OGTT und möglicherweise ein Risiko aufgrund einer Familienbelastung haben, weiter regelmäßig untersuchen lassen.

Julia: Mein Vater leidet unter Diabetes, meine Oma hatte auch Zucker. Ich bin 36, sollte ich mich da mal deswegen beim Arzt durchchecken lassen?

Kröger: Das sollten Sie tun. Ab dem 35. Lebensjahr haben Sie die Möglichkeit, alle zwei Jahre, zukünftig alle drei Jahre, einen Gesundheits-Check-up durchführen zu lassen. Hierbei wird der Nüchternblutzucker bestimmt. Wie Sie gerade im Beitrag gehört haben, wird die Diagnose eines Diabetes mellitus Typ 2 bei einem Nüchternblutzucker von 126 mg/dl gestellt. Wenn die Nüchternwerte zwischen 100 bis 125 mg/dl sind und der HbA1c (Blutzucker-Langzeitgedächtnis über drei Monate) zwischen 5,7 bis 6,4 Prozent besteht, sprechen wir von einem Prä-Diabetes. In dieser Phase können Sie durch Gewichtsabnahme, falls ein Übergewicht besteht, und regelmäßige sportliche Tätigkeit in Form von Ausdauer, Kraft und Koordinationstraining bewirken, dass ein möglicher Diabetes mellitus Typ 2 verhindert oder verschoben wird.

Karo: Wie hoch ist das Diabetesrisiko bei einer exokrinen Pankreasinsuffizienz und wie kann man mit der Erkrankung vorbeugen?

Kröger: Hier kann man keine Zahlen hinsichtlich eines Diabetesrisikos bestimmen, da die Betazellen (endokrine Pankreasfunktion) ja anscheinend bei Ihnen noch erhalten sind. Für Sie gilt: Lassen Sie sich untersuchen und dann beraten, was für Sie sinnvoll ist.

Anja SK: Moin, bei mir wurden erhöhte Nüchternwerte festgestellt und der HbA1c liegt bei 6,0. Aber ich vertrage das Metformin überhaupt nicht. Ich habe starke Durchfälle, auch noch nach Wochen. Der Arzt sagt, ich muss das Metformin aber weiter nehmen. Was kann ich tun?

Kröger: Die Frage, die sich mir stellt, ist: Sind die Nüchternwerte über 126 mg/dl oder nicht? Wenn sie darunter sind, dann haben Sie einen sogenannten Prädiabetes (gemessen ohne jegliche Medikamente). Beim Prädiabetes muss man kein Metformin nehmen, da das Effektivste in der Prävention eine Gewichtsabnahme und regelmäßige Bewegung ist (58 Prozent Risikoreduktion, beim Metformin nur 34 Prozent). Sollte aber bei Ihnen die Diagnose eines Diabetes mellitus gestellt worden sein, dann gibt es natürlich neben dem Metformin auch noch andere medikamentöse Behandlungsmöglichkeiten. Bei Ihnen gehe ich aber davon aus, dass Sie noch in einer so guten Phase sind, dass eine sinnvolle Ernährungstherapie und Bewegungs-/Fitnessverbesserung am effektivsten wirken. Metformin wird aber manchmal auch empfohlen, wenn ein sogenanntes PCO-Syndrom vorliegt und ein Schwangerschaftswunsch besteht. Dann kann Metformin sinnvoll sein, aber natürlich nur, wenn Sie es auch vertragen. Wenn Sie also auch die niedrigste Dosis von Metformin 500 mg zweimal am Tag nicht vertragen, hören Sie auf damit. Sollte ein Schwangerschaftswunsch bei PCO-Syndrom bestehen, kann es auch ohne Metformin klappen.

Alina.rctr: Warum heilen Wunden bei Diabetes Typ 2 langsamer?

Kröger: Wunden heilen bei Menschen mit Diabetes Typ 2 nur langsamer, wenn der Diabetes mellitus schlecht eingestellt ist oder er noch gar nicht bekannt war und die Blutzuckerwerte hoch sind. Menschen, die gut von Seiten des Diabetes eingestellt sind (Hb1c < 6,5-7 Prozent), haben nicht unbedingt schlecht heilende Wunden. Es wird immer wieder vieles auf den Diabetes geschoben, auch hinsichtlich anderer Erkrankungen, aber andere Erkrankungen wie zum Beispiel orthopädischer Art oder Hauterkrankungen müssen nicht immer schlimmer verlaufen, wenn der Blutzucker gut eingestellt ist. Die Grundlage ist die gute Einstellung, dann kann auch der Verlauf der anderen Erkrankungen genauso sein wie bei Menschen ohne Diabetes.

Ferdl: Ich esse sehr gerne "süßes" Naschwerk, Bäckereiprodukte - eben alles, was süß ist. Bin ich in Gefahr, zum Diabetiker zu werden? Woran erkenne ich erste Anzeichen?

Kröger: Wenn in Ihrer Familie Vater oder Mutter oder auch in der Generation davor (Großmutter oder Großvater) Typ 2 Diabetes haben/hatten, haben Sie ein deutlich erhöhtes Risiko, auch selbst Diabetes zu bekommen. Dabei wissen wir, dass Zucker direkt in größeren Mengen Diabetes mellitus Typ 2 auslösen kann (der tägliche Konsum von 250 ml eines Softgetränkes führt zu einem 1,8-fach erhöhten Risiko, Diabetes mellitus zu bekommen.) Also seien Sie sorgsam in der Aufnahme von Zucker. Die WHO empfiehlt, täglich nicht mehr als 25 Gramm Zucker zu sich zu nehmen, das sind acht Stückchen Würfelzucker.

Sven H.: Seit letztem Jahr im März habe ich Diabetes Typ 1. Ich muss Insulin spritzen. Gibt es vielleicht eine Möglichkeit, dass ich irgendwann Tabletten nehmen darf?

Kröger: Leider ist die Forschung noch nicht so weit. Heutzutage ist die einzig mögliche Therapie beim Diabetes mellitus Typ 1 eine Insulintherapie. Man kann aber auch mit einer Insulintherapie ein weitestgehend normales, selbstbestimmtes und freudvolles Leben führen. Wir haben in den letzten Jahren zum Beispiel Möglichkeiten hinzubekommen, dass man nicht nur den Blutzucker mehrfach täglich messen muss, sondern dass auch kontinuierliche Glukosemesssysteme eine sinnvolle Therapieunterstützung sein können. Dann muss man sich nicht ständig piksen, sondern durch den kleinen Sensor auf dem Arm oder im Bauch kann man seine Glukosewerte ständig sehen und dann eine Therapieanpassung mit dem Insulin durchführen. Sport- und Fitnessverbesserung können die Therapie unterstützen, aber Insulin ist dabei immer erforderlich, da bei Ihnen das Insulin fehlt.

Gluko: Geht die Gleichung Adipositas = Diabetes immer auf?

Kröger: Nein. Es gibt auch Menschen mit Adipositas, die eine sogenannte gesunde Adipositas haben. Das sind ungefähr ein Viertel aller Menschen mit Adipositas. Davon entwickeln aber im Laufe der Zeit ein Drittel auch Erkrankungen wie Diabetes, hohen Blutdruck, hohe Fettwerte. Wenn in der Familie ein erhöhtes Risiko besteht, dann ist bei der Adipositas das Risiko einer Diabetesentstehung (Typ 2) sehr groß.

Unbekannt: Ich habe über 30 Kilogramm abgenommen und bin jetzt normalgewichtig. Trotzdem ist mein Langzeitwert von 6,3 auf 6,9 gestiegen. Sollte ich mich auf Typ 1 testen lassen oder was soll ich tun? Als ich noch fast 100 Kilogramm gewogen habe (1,66 Meter groß) lautete immer die Diagnose Prädiabetes.

Kröger: Sie haben völlig recht. Das ist völlig ungewöhnlich und Sie müssen sich auf einen Typ 1 Diabetes/LADA-Diabetes untersuchen lassen. Dies kann man mit Hilfe von Antikörpern machen, die man im Blut bestimmen kann (GAD und IA2-AK).

Unbekannt: Ich habe seit längerer Zeit erhöhte Nüchternwerte - zwischen 106 und 128 schwankend - kein Übergewicht. Ich habe gelesen, dass Metformin den Stoffwechsel in dieser Situation (Insulinresistenz) positiv beeinflusst. Würden Sie das befürworten und wenn ja, in welcher Dosierung?

Kröger: Auch normgewichtige Menschen können einen Diabetes mellitus Typ 2 entwickeln, insbesondere wenn in der Familie Typ 2 Diabetes vorhanden ist. Ich würde jetzt aber nicht einfach nur Metformin nehmen, da bei Ihnen die Insulinresistenz nicht überwiegt. Wenn Sie normgewichtig sind, achten Sie darauf, sich zu bewegen und Ihr Fitnessverhalten gut zu gestalten.

Birgeb: Sollte ich als Brustkrebspatientin mit Prädiabetes Metformin einnehmen, obwohl mein HbA1-Wert im Moment bei 5,6 liegt?

Kröger: Nein.

Gerlinde: Kann auch Haarausfall ein Anzeigen von Diabetes sein?

Kröger: Haarausfall ist ein unspezifisches Symptom und weist nicht unbedingt auf einen Diabetes mellitus hin. Bitte lassen Sie sich aber hinsichtlich Ihrer Schilddrüsenwerte untersuchen.

Barbara: Bis zu welcher Höhe ist der Langzeitwert bei Diabetes 2 ok?

Kröger: Bei Menschen bis 70/75 Jahre gehen wir davon aus, dass ein Hb1c unter 6,5 bis 7 Prozent ohne Hypoglycämin (Unterzuckerung) im Rahmen der Therapie und ohne Gewichtszunahme gut ist. Ältere Menschen können je nach Fitnesszustand auch mal mit einem Hb1c von 8 Prozent zufrieden sein. Jeder sollte entscheiden, wie er sein Alter interpretiert.

Anja: Bei meinem Sohn (9) ist vor drei Monaten Diabetes Typ 1 diagnostiziert worden. Er ist mit Novorapid und Lantus eingestellt worden. Zurzeit befinden wir uns in der Remissionsphase. Habe ich Sie vorhin im Interview richtig verstanden, dass ich die Phase lange halten kann, wenn ich mit dem wenigen Insulin, was wir zurzeit spritzen, die Phase verlängern kann? Acht Einheiten Lantus am Tag.

Kröger: Ich habe in dem Beitrag von Remission bei Typ 2 Diabetes gesprochen. Beim Typ 1 Diabetes ist es so, dass es wissenschaftlich nicht bewiesen ist, dass eine kleine Menge von Insulin die Remissionsphase länger anhalten lässt. Wenn natürlich ohne Insulin die Blutzuckerwerte höher sind, dann müssen Sie Insulin spritzen. Wenn aber auch ohne Insulin die Werte in Ordnung sind, dann geht man heute davon aus, dass die Remissionsphase nicht unbedingt länger anhält. Man hat das früher immer geglaubt, aber die Studienlage dahin gehend ist nicht eindeutig positiv.

Frank: Kann durch eine gute Einstellung eines Diabetes Vorhofflimmern minimiert werden?

Kröger: Eine direkte Verbindung zwischen Vorhofflimmern und einer Diabeteseinstellung besteht nur dann, wenn der Diabetes schlecht eingestellt ist, denn dann ist die Rate von koronarer Herzkrankheit erhöht. Sollte das Vorhofflimmern Ausdruck einer koronaren Herzkrankheit sein, dann ist es sicher gut, die Blutzucker-Stoffwechsellage gut einzustellen. Ich kann Ihnen aber wenig Hoffnung machen, dass das Vorhofflimmern dann weg ist.

Petra 706: Mein Vater hat Diabetes. ich habe seit Jahren unklare Faszikulationen bis hin zu regelmäßigen Krämpfen. Der letzte Nüchternblutzuckerwert war 100. Kann es sein, dass ich die Zuckungen in den Fußsohlen und Waden durch beginnende Diabetes habe?

Kröger: Sie haben noch keinen Diabetes, sondern einen grenzwertigen Prädiabetes aufgrund der von Ihnen beschriebenen Laborwerte. Ich halte es für unwahrscheinlich, dass die Zuckungen in Fußsohlen und Waden damit zusammenhängen, rate Ihnen aber, sich einmal neurologisch untersuchen zu lassen.

Tomke: Kann es sein, dass ein Symptom des (unbehandelten oder schlecht eingestellten) Diabetes auch erhöhte Aggressivität ist? Ich habe dies mehrfach bei Patienten beobachtet, bin mir aber nicht sicher, ob der Zusammenhang so stimmen kann.

Kröger: Eine Assoziation ist bei einem schlecht eingestellten Diabetes durchaus vorstellbar.

Jan: Kann ein Diabetes auch zum Beispiel ein Karpaltunnelsyndrom verursachen? Habe leider die Vorbereiter für Diabetes. Ich bin jetzt 40 Jahre alt.

Kröger: Menschen mit Diabetes haben häufiger ein Karpaltunnelsyndrom.

Gluko: Was halten Sie von der Einführung einer Zuckersteuer?

Kröger: Die Einführung einer gesunden Mehrwertsteuer halte ich für absolut sinnvoll (Gemüse und Obst null Prozent Steuer, herkömmliche Grundnahrungsmittel 7 Prozent Steuer, Nahrungsmittel mit hohem Zucker-, Fett- und Salzgehalt 18 Prozent, Softgetränke mit 28 Prozent besteuern). Eine Studie hat ergeben, dass diese Umsetzung sinnvoll wäre. Die Politik muss sich nur trauen, das umzusetzen.

Dieses Thema im Programm:

Visite | 27.11.2018 | 20:15 Uhr

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