Stand: 15.05.2018 22:51 Uhr  | Archiv

Chat-Protokoll: Chronische Schmerzen

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Der Schmerztherapeut Dr. Wolfgang Wabbel hat im Visite Chat Fragen zum Thema beantwortet.

Das Schmerzgedächtnis spielt bei der Entwicklung chronischer Schmerzen eine zentrale Rolle: Sensible Nervenzellen sind genauso lernfähig wie das Großhirn. Sind sie immer wieder Schmerzimpulsen ausgesetzt, verändern sie ihre Aktivität und werden empfindlicher, sodass schon ein leichter Reiz wie eine Berührung, Wärme oder Dehnung genügt, um einen Schmerz auszulösen. Aus dem akuten Schmerz ist dann ein chronischer Schmerz geworden, der auch bestehen bleibt, wenn der eigentliche Auslöser fehlt. Behandelt werden chronische Schmerzen in der Regel mit der multimodalen Schmerztherapie, die mehrere Bausteine wie Medikamente, Training und psychosomatische Therapie kombiniert.

Der Schmerztherapeut Dr. Wolfgang Wabbel hat im Visite Chat Fragen zum Thema chronische Schmerzen beantwortet. Das Protokoll zum Nachlesen.

Silvergolf: Ich habe seit über 30 Jahre Fibromyalgie. Als Privatpatient habe ich schon sehr viele Therapien kennengelernt. Ein Arzt hat mir jetzt Tramal 50 retard (1 abends) verschrieben. Meine Fragen: 1. Behält man dabei einen klaren Kopf oder macht es schwindelig? 2. Kann man es nur bei Bedarf nehmen, da ich nicht permanent Tabletten einnehmen möchte?

Dr. Wolfgang Wabbel: Ich bin der Meinung, dass Tramal ein Hilfsmittel sein kann, um Schmerzspitzen zu vermeiden oder um in den Schlaf zu kommen. Grundsätzlich sind Opioide oder opioidähnliche Substanzen aber kein gutes Mittel bei Fibromyalgie. Ich empfehle bei Fibromyalgie ausgesuchte Bewegungsprogramme, möglichst in der Gruppe, und eine psychotherapeutische supportive Begleitbehandlung. Ich würde nur im äußersten Notfall Opioide nehmen, und wenn, dann ein moderneres Mittel, welches von einem ausgewiesenen Schmerztherapeuten empfohlen wurde.

Nikki: Ich (w/15) habe seit dem Kleinkindalter chronische Schmerzen an vielen Gelenken, am präsentesten sind Knie und der Rücken. Ich war schon viermal im Josef-Stift in Sendenhorst zur multimodalen Schmerztherapie über jeweils zwei Wochen. Jetzt hilft mir die Therapie nicht mehr, was kann ich noch tun, um mehr Lebensqualität zu bekommen, da ich durch die Erkrankung trotz meines jungen Alters schon ziemlich eingeschränkt bin? Gibt es vielleicht doch wirksamere Medikamente?

Wabbel: Ich verstehe, dass Sie Schmerzen haben, aber ich verstehe nicht, worin die Ursache liegt. Eine multimodale Schmerztherapie ist eigentlich ein guter Weg. Eigentlich müsste auch irgendeine Therapieform angeboten worden sein, die zu einer Verbesserung geführt haben sollte. Wenn das nicht der Fall ist, bin ich der Meinung, dass (abgesehen von der Diagnose) etwas gefunden werden muss, was trotz der Schmerzen in die Aktivität zurückführt: mehr Bewegen, etwa im Wasser ... Kleine Schritte am Anfang werden evtl. zu immer besseren Ergebnissen führen. Alles Gute!

Bibi: Ständige Kopfschmerzen nach Auffahrunfall. Was kann ich tun? Schmerztherapie zurzeit Ortoton und Amineurin.

Wabbel: Die Medikamente sind Standard und damit in Ordnung. Für mich wäre wichtig, eine Analyse der Kopf- und Halsgelenke inklusive einer sanften Manualtherapie durchführen zu lassen. Der nächste Schritt könnte in einer Faszienmobilisation bestehen. Bewegen Sie sich gerne, z.B. indem Sie Stand-up-Paddling machen. Sie trainieren damit die kurzen Rücken- und Nackenmuskeln.

Jana B.: Gibt es Erfahrungen mit Methadon zu Behandlung neuropathischer Schmerzen? Hintergrund: MS u.a. mit Trigeminus-Neuralgie, die auf Ast 1-2 mit Cyber-Knife gebessert wurde, aber auf Ast 3 fortbesteht, möglicherweise eher als neuropatischer Schmerz. Opiate helfen nicht.

Wabbel: Methadon ist kein gutes Schmerzmittel, weil es schwer zu dosieren ist und schon zu Todesfällen geführt hat. Ich würde eher zu Tapentadol retard in niedriger Dosierung raten.

Basti: Mein Sohn, 21 Jahre, hat nach einer Weisheitszahn-OP Ende Juli 2017 starke Schmerzen. Er wird mit Gabapentin (300 mg) und Pregabalin (50 mg) pro Tag behandelt. Die Medikamente verträgt er nicht gut, es ist aber die einzige Chance, die Schmerzen zu ertragen. Er ist bei einem Schmerztherapeuten in Behandlung, wo er aber nicht so zufrieden ist. Gibt es noch eine Möglichkeit der Therapie?

Wabbel: Gabapentin und Pregabalin sind beide mögliche Therapeutika. Ich würde sie nicht unbedingt kombinieren, sondern als Einzelsubstanzen langsam aufdosieren. Pregabalin liegt auch als Flüssigkeit vor und kann damit individueller dosiert werden.

Dieses Thema im Programm:

Visite | 15.05.2018 | 20:15 Uhr

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