Stand: 27.02.2019 08:24 Uhr

Chat-Protokoll: Alkoholkrankheit

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Dr. Anne Koopmann hat Fragen zum Thema Alkoholkrankheit beantwortet.

Bei vielen älteren Menschen bleibt es nicht bei dem Gläschen Sekt zum besonderen Anlass oder dem "Verdauungsschnaps" nach einem festlichen Essen. Der Alkohol hat in ihrem Alltag einen festen Platz. Er dient als Trost oder Ablenkung, wenn die Einsamkeit lähmt, der Frust überhandnimmt oder man über den Tod des Partners hinwegzukommen versucht. Da ist der Schritt zur Alkoholkrankheit ein kleiner. Besonders gefährlich: Im Alter verträgt der Körper nicht mehr so viel, der Alkohol wird anders verstoffwechselt, Nieren und Leber arbeiten langsamer. Wer ist besonders gefährdet? Ab wann wird es heikel? Was tun, um den Alkoholkonsum in den Griff zu bekommen? Und muss für Alkoholkranke immer die totale Abstinenz gelten oder kann auch "kontrolliertes Trinken" eine Option sein?

Die Psychiaterin Dr. Anne Koopmann hat im Visite Chat Fragen zum Thema Alkoholkrankheit beantwortet. Das Protokoll zum Nachlesen:

ika: Was ist zu tun, wenn man feststellt, dass Angehörige zu viel Alkohol trinken, das aber selbst nicht einsehen?

Dr. Anne Koopmann: Sprechen Sie Ihre Angehörigen doch mal auf den Konsum an. Dass Ihnen aufgefallen ist, dass sie oder er jeden Abend trinkt. Häufig wird es den Betroffenen nämlich gar nicht bewusst, dass es ein Problem gibt, und es hilft, wenn sie von außen darauf hingewiesen werden. Vielleicht können Sie Ihre Angehörige oder Ihren Angehörigen bitten, mal einen Tag in der Woche nicht zu trinken. Den Tag kann er selbst auswählen. Und dann sehen Sie, ob er den Tag immer weiter hinausschiebt. Das kann ein Zeichen dafür sein, dass ein schwerwiegenderes Alkoholproblem vorliegt. Dann wäre es sinnvoll, Kontakt aufzunehmen mit einer Suchtberatungsstelle, um dort ein Infogespräch zu vereinbaren.

Jan: Ich trinke regelmäßig Alkohol und zwar Bier (fünf bis acht). Habe aber immer wieder Pausen von zum Beispiel ein bis zwei Tagen eingelegt, aber auch schon ein bis zwei Wochen. Wie würden Sie meinen Fall einschätzen?

Koopmann: Was Sie beschreiben, klingt zumindest nach einem schädlichen Gebrauch von Alkohol und ich würde versuchen, an Ihrer Stelle für einen Monat ein Trinktagebuch zu führen, um so ein realistisches Bild von Ihren Trinkgewohnheiten im Alltag zu bekommen. Diese Trinktagebücher gibt es zum Beispiel bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZGA) oder Sie können sich im Internet Beispiele herunterladen. Sollten Sie anhand dieses Tagebuchs feststellen, dass Sie es nicht schaffen, in der Woche zwei abstinente Tage zu erreichen, empfehle ich Ihnen ein Beratungsgespräch in einer Suchtberatungsstelle zu vereinbaren, um mit therapeutischer Unterstützung an Ihrem Problem zu arbeiten.

Moni: Wie vermittelt man einem Menschen, dass er zu viel Alkohol trinkt und wie geht man mit einem Menschen um, der gerade in seinem Rausch ist?

Koopmann: Wenn Menschen in einem Rauschzustand sind, sind sie oft nicht zugänglich für Argumente. In solchen Situationen hilft es, sie von Außenreizen abzuschirmen und keine Diskussionen über ihren Alkoholgebrauch im Allgemeinen zu führen. Dies sollte man im nüchternen Zustand am Folgetag führen. Wird ein Mensch im Rahmen des Alkoholrauschs handgreiflich, so kann es auch notwendig werden, die Polizei zur Hilfe zu holen. Man sollte auf jeden Fall darauf achten, sich bei der Hilfe nicht selbst zu gefährden. Wenn man einem Betroffenen helfen möchte, ist es das Wichtigste, darauf zu achten, dass die Person sich nicht selbst verletzen oder einen Unfall verursachen kann.

Hubert aus Österreich: Meine Frage lautet, ob durch wöchentlich an vier oder fünf Tagen erfolgtem Alkoholkonsum Gefäßschäden befürchtet werden müssen?

Koopmann: Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt, mindestens zwei trinkfreie Tage die Woche zu haben. Insofern liegen Sie mit fünf Trinktagen noch im risikoarmen Bereich. Allerdings zeigen neuere Studien auch, dass auch geringere Mengen Alkohol bereits Gefäße und andere Organe schädigen können. Das heißt, einen risikolosen Konsum von Alkohol gibt es nicht.

Sohn: Mein Vater ist seit Jahren Alkoholiker und am Freitag das erste mal - mehr oder weniger freiwillig - in eine Fachklinik aufgenommen worden. Die ersten Tage machen große Hoffnung. Aber es macht mir Sorgen, dass die Ärzte von lediglich zwei bis drei Wochen Aufenthalt sprechen. Kann eine Sucht in so kurzer Zeit bekämpft werden?

Koopmann: Eine Therapie von zwei bis drei Wochen kann ein erster Anstoß sein für Verhaltensänderungen, die auch zu einer dauerhaften Abstinenz führen können. Es wird jedoch für Ihren Vater wichtig sein, dass er auch nach der Entlassung aus der Fachklinik weiter an seinem Problem arbeitet. Dies kann er zum Beispiel in örtlichen Suchtberatungsstellen tun oder durch den Besuch von Selbsthilfegruppen oder mit einem niedergelassenen Psychiater oder Psychotherapeuten. Grundsätzlich ist es aber auch möglich, dass Suchtbehandlungen stationär verlängert werden können - über die zwei bis drei Wochen hinaus.

Georg, Alkoholiker: Wie können Sie es verantworten, dass ein Alkoholiker "kontrolliert" trinken kann, wo doch die Tatsache feststeht, dass gerade dieses Unvermögen, kontrolliert mit dem Alkohol umgehen zu können, Teil seiner Suchterkrankung ist. Als trockener Alkoholiker halte ich diese Argumentation der Möglichkeit des kontrollierten Konsums für absolut unverantwortlich und reine Geschäftemacherei.

Koopmann: Sie haben sicher recht, dass kontrolliertes Trinken nicht für jeden Patienten geeignet ist und es ist gut, dass Sie es geschafft haben, abstinent zu leben. Damit haben Sie eine größere Sicherheit, dauerhaft mit Ihrem Alkoholproblem zurechtzukommen. Es gibt allerdings auch Patienten, die sich eine Abstinenz nicht vorstellen können oder zumindest zu Beginn der Therapie eine solche noch nicht anstreben. Diese Patienten sind früher durch ein Raster gefallen und haben gar keine Therapie bekommen. Für diese Patienten kann das kontrollierte Trinken ein Einstieg in die Therapie sein. Sie entscheiden sich oft im Verlauf einer Therapie dafür, doch abstinent leben zu wollen.

Unbekannt: Wie kann es sein, dass meine Frau bei den jährlichen Vorsorgeuntersuchungen immer noch die besten Blutwerte hat?

Koopmann: Es gibt Patienten, bei denen sich die Abhängigkeit nicht durch körperliche Symptome zeigt. Hier stehen vor allem die psychischen Folgen im Vordergrund und es ist wichtig, das offen mit der Betroffenen zu besprechen und zu schauen, welche psychischen Folgen bei ihr vorliegen. Das kann zum Beispiel ein starkes Verlangen nach Alkohol sein, eine Toleranzentwicklung, eine Vernachlässigung von anderen Lebensbereichen. Vielleicht hat Ihre Frau einfach Glück, dass ihr Körper den Alkoholkonsum so gut kompensieren kann und deshalb noch keine körperlichen Folgeschäden vorliegen.

Anika: Was tun, wenn der Betroffene aggressiv reagiert?

Koopmann: Wenn Betroffene aggressiv reagieren, sollten Sie sich nicht auf die Auseinandersetzung einlassen. Verlassen Sie die Situation, holen Sie sich Hilfe von außen - gegebenenfalls auch durch die Polizei. Achten Sie immer zuerst auf Ihren eigenen Schutz. Der Betroffene kann im Rausch nicht kontrollieren, was er tut, daher müssen Sie immer zuerst auf Ihre eigene Sicherheit achten und dann auch versuchen, den Betroffenen vor einer Schädigung zu bewahren.

Maik: Ist eine Flasche Bier am Abend unbedenklich?

Koopmann: Grundsätzlich ist eine Flasche Bier am Abend unbedenklich. Sie sollten allerdings versuchen, mindestens an zwei Tagen in der Woche nichts zu trinken.

Magda: Wenn man nur am Wochenende Wein trinkt, ist das schon ein Alkoholproblem?

Koopmann: Grundsätzlich sind nicht nur die Trinktage entscheidend, sondern auch die Menge an den Tagen. Wenn Ihr Konsum an den Wochenenden nicht über 0,5 Liter Wein hinausgeht, kann man den Konsum als unbedenklich ansehen.

Karin: Unsere Tochter ist seit Jahren alkoholabhängig. Vor zwei Jahren hat sie fünf Entgiftungen und eine sechsmonatige Therapie gemacht, aber jeweils nach einer Woche wieder angefangen zu trinken. Sie sagt, sie will nicht ganz ohne Alkohol leben. Sie will kontrolliert trinken, schafft es aber nicht. Wie können wir helfen? Ich war schon bei der Suchtberaratung. Das half uns auch nicht weiter. Ich würde gerne mal mit einem Facharzt sprechen. Wie finde ich jemanden, der das macht? Was können wir tun?

Koopmann: Fachärzte für Suchttherapie finden Sie häufig an Unikliniken in den psychiatrischen Abteilungen. In Norddeutschland zum Beispiel in Hamburg, Hannover, Lübeck und Greifswald, aber auch in Berlin oder Dresden. Dort könnte Ihre Tochter vielleicht auch eine Beratung zu medikamentösen Behandlungsoptionen in der Rückfallprophylaxe erhalten. Medikamente, die hierfür in Frage kommen, sind zum Beispiel Naltrexon oder Acamprosast oder Disulfiram.

Unbekannt: Mein Sohn (12) bekommt das mit dem Alkohol schon mit, die Kleine (8) nocht nicht. Wie schütze ich meine Kinder vor dem Verhalten meiner Frau, wenn sie getrunken hat?

Koopmann: Ihre Frau leidet an einer chronischen Erkrankung, die sicher ärztlicher Hilfe bedarf, aber für die sie nicht selbst verantwortlich gemacht werden darf. Es ist ähnlich wie bei Bluthochdruck zum Beispiel. Damit Sie als Angehöriger und Ihre Kinder Hilfe bekommen, nehmen Sie Kontakt zu einer Suchtberatungsstelle vor Ort auf. Manche bieten Angehörigengruppen an und haben auch spezielle Angebote für Kinder - oder können Sie weiter vermitteln an ein solches Angebot.

magdehilde: Ist es möglich, dass es ein Alkoholiker (40) nach erfolglosen Klinikaufenthalten schaffen könnte, durch Selbsthilfegruppen gesund zu werden?

Koopmann: Ja, das ist möglich. Jeder Patient muss individuell herausfinden, welche Behandlungsmöglichkeit für ihn am hilfreichsten ist. Alle Therapieoptionen sind als gleichwertig anzusehen. Manche Patienten kommen mit dem Austausch mit anderen Betroffenen in Selbsthilfegruppen besser zurecht als mit starren Therapiekonzepten in Kliniken.

Silja: Drei Wochen Entgiftung in der Klinik - mein Partner hatte das sehr gut geschafft. Leider gab es im Anschluss keine Langzeittherapie sondern Wartezeit. Und nun ist er wieder in der Alkoholspirale. Warum dauert es mit der Bewilligung von Langzeittherapien so lange? Meines Erachtens müsste es nach drei Wochen Entgiftung ineinander übergehen.

Koopmann: Die Langzeittherapien sind Leistungen der Rentenversicherungen und die Bewilligung einer solchen Therapie dauert beim Rentenversicherungsträger häufig sehr lange. Es gibt allerdings Möglichkeiten, die Wartezeiten zu verkürzen. So ist seit vergangenem Jahr ein Nahtlosverfahren eingeführt worden, das es Betroffenen ermöglicht, direkt aus der Akutklinik in eine Rehaklinik verlegt zu werden.

Beluga: Meine Frau ist meiner Meinung nach alkoholabhängig. Sie trinkt fast täglich und am Wochenende auch bis zu eineinhalb Liter Wein. Eine Suchtberatung lehnt Sie ab. Ich komme mit der Situation immer weniger klar, Streit ist oft die Folge. Würde es mir helfen, eine Suchtberatung aufzusuchen?

Koopmann: Ja, Suchtberatungsstellen bieten auch Angehörigenarbeit an und haben oft auch Angehörigengruppen zum Austausch mit anderen Angehörigen. Das könnte Sie vielleicht entlasten, denn die Problme sind häufig ähnlich.

argentum: Ich trinke aus Genuss, also nicht wegen "Problemlösungen" oder Betäubung und gebe viel Geld aus für teure Rotweine - alles in Maßen. Nun sagt eine alte Freudin, ich sei sehr gefährdet. Mir fehlt aber die Einsicht, da ich täglich maximal 0,3 Liter Rotwein trinke. Bin ich in Gefahr ohne es zu wissen?

Koopmann: Es könnte sein, dass Sie gefährdet sind, einen schädlichen Gebrauch von Alkohol zu entwickeln oder eine Alkoholabhängigkeit. Versuchen Sie doch mal, zwei trinkfreie Tage pro Woche einzulegen. Wenn Sie merken, dass Ihnen dies sehr schwer fällt, ist das ein guter Indikator dafür, dass Ihr Alkoholkonsum doch nicht so unbedenklich ist, wie Sie es vielleicht jetzt empfinden.

Michelle: Ich war mehrmals stationär in einer Privatklinik und mehrmals in Suchtkliniken der Krankenkassen. Kann es sein, dass den Patienten die Grundlagen in den privaten Oberbergkliniken besser vermittelt werden? Denn nur durch diese Grundlagen habe ich es geschafft, ganz allein kontrolliert zu trinken. Die Behandlung in Kassenkliniken war nur Entgiftung und wenig Nachsorge. Warum ist das so?

oopmann: Manchmal ist es so, dass Patienten mehrere Klinikaufenthalte brauchen, um eine dauerhafte Abstinenz erreichen zu können. Dies kann unter anderem daran liegen, dass die Rahmenbedingungen im Privatleben beim erfolgreichen Therapieversuch besser waren als bei den gescheiterten Versuchen, aber auch daran, dass das persönliche Verhältnis zu dem behandelnden Therapeuten in der erfolgreichen Therapie besser gepasst hat als bei den vorherigen Therapeuten. In den Privatkliniken gibt es nur sehr selten reine Suchtschwerpunkte, da die qualifizierte Suchtbehandlung keine Regelleistung der privaten Krankenversicherungen darstellt. Konzepte von Kliniken, die auch für gesetzlich Krankenversicherte zugänglich sind, können auch sehr unterschiedlich sein. Von daher kann es hilfreich sein, sich im Vorfeld auf den Klinikseiten im Internet zu informieren, um entscheiden zu können, ob das Angebot individuell passend ist. Vielleicht nehmen Sie auch mal Kontakt auf zu einem niedergelassenen Psychiater und fragen ihn, welche Klinik er im Umkreis für eine Suchttherapie empfehlen kann.

Aniram: Mein Mann trinkt täglich mehrere Flaschen Bier, wird dann sehr aggresiv und verletzend. Er gibt mir für alles die Schuld. Ich kann damit nicht mehr umgehen und es macht mich krank. Er lässt sich nicht helfen und natürlich sieht er keine Abhängigkeit. Was kann ich tun, um mich zu schützen?

Koopmann: Im Notfall verlassen Sie die Wohnung und suchen Hilfe und Unterstützung, zum Beispiel in Frauenhäusern. Oder rufen Sie die Polizei, wenn Ihr Mann Sie attackiert. Sie müssen das auf keinen Fall erdulden.

Dieses Thema im Programm:

Visite | 26.02.2019 | 20:15 Uhr

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