Stand: 17.04.2020 09:23 Uhr  | Archiv

Chat: Migräne, Neurodermitis, Sportlerernährung

Die Ernährungs-Docs: Anne Fleck. © NDR
Ernährungsmedizinerin Anne Fleck hat in Hamburg eine rheumatologische Schwerpunktpraxis.

Essen als Medizin: Wie packe ich selbst so eine Ernährungsumstellung an? Was kann ich etwa bei Migräne tun, um neue Anfälle zu vermeiden? Was muss ich bei Neurodermitis beachten - und wie ernähren sich Sportler richtig? Um diese Themen ging es am Montag, den 29. Januar bei den Ernährungs-Docs. Im Anschluss an die Sendung war Dr. Anne Fleck live im Chat. Die erfahrene Ernährungsmedizinerin hat Ihre Fragen beantwortet.

Renate: Wie gesund ist das Kochen mit der Mikrowelle?

Dr. Anne Fleck: Gesünder ist das schonende Garen, bei dem wenig Nährstoffe verloren gehen.

Friederike: Ich bin Hobby-Sportlerin (dreimal die Woche Crossfit und ein- bis zweimal pro Woche Lauftraining zur Vorbereitung auf den Hamburger Halbmarathon) und habe ständig das Gefühl, Hunger zu haben, egal was und wie viel ich esse. Woran könnte das liegen beziehungsweise worauf muss ich bei meiner Ernährung achten?

Fleck: Bei reichlicher und intensiver körperlicher Aktivität ist der Kalorienverbrauch entsprechend gesteigert. Sie sollten bei der Auswahl der Nahrungsmittel vor allen Dingen auch auf langsam verdauliche Kohlenhydrate (früher als "komplexe" Kohlenhydrate bezeichnet) setzen, zum Beispiel ballaststoff- und faserstoffreiches Gemüse und zusätzlich sättigendes Eiweiß als Baustein der Muskulatur.

Sarah81: Ist Kokosnusssirup besser als normaler Zucker?

Fleck: Sirup und Dicksäfte sind unter Umständen für den Darm schwerer verdaulich als einfache Zuckerbausteine wie in normalem Haushaltszucker. Letztlich ist Zucker gleich Zucker. Die Dosis macht das Gift. Bei Kokosblütenzucker gibt es Hinweise darauf, dass die Höhe der Blutzuckerreaktion etwas geringer ausfällt als bei herkömmlichem Haushaltszucker.

Sarah81: Sind sogenannte Muttersäfte (Granatapfel, Sanddorn ...) gesund? Beispielsweise in der Kombination mit Joghurt?

Fleck: Säfte aus Granatapfel und Sanddorn zeichnen sich durch einen hohen Gehalt an zum Beispiel Vitamin C aus und haben vor diesem Hintergrund gesundheitlichen Mehrwert. Wichtig ist jedoch beim Konsum von Fruchtsäften, dass - im Gegensatz zum puren Obststück - Faserstoffe geringer enthalten sind, die die Blutzuckerreaktion günstig verlangsamen. Daher ist ein maßvoller Verzehr von Säften angeraten.

Cindy: Welche Nahrungsmittel empfehlen sie abends direkt nach dem Sport? Reicht ein Eiweißshake, damit man nicht mit vollem Magen ins Bett geht?

Fleck: Nach intensiver sportlicher Betätigung empfiehlt sich aus Sicht der Ernährungsmedizin zum Aufbau von Muskelmasse eine zeitnahe Gabe von Eiweiß direkt nach dem Training. Auf Dauer würde ich auch auf natürliche eiweißreiche Nahrungsmittel setzen ohne reichlich Zusatzstoffe, zum Beispiel fetten Fisch (Räucherlachs, Forelle) oder einen griechischen Joghurt mit gehackten Mandeln. Das lässt sich schnell zubereiten und versorgt Sie mit hochwertigen Eiweißbausteinen.

Anne: Ich möchte gerne für vier Wochen mithilfe von Diät-Shakes meine Ernährungsumstellung unterstützen (zur Gewichtsreduzierung). Sind die rezeptfreien Shakes, die man in der Apotheke bekommt und die von Ihnen beschriebenen Kriterien entsprechen, auch dafür geeignet?

Fleck: Diät-Shakes sind nur eine Krücke und ersetzen nicht eine vernünftige, individuelle Ernährungsumstellung, die zu Ihnen persönlich passt, die Ihre Vorlieben und Verträglichkeiten berücksichtigt. Auf Dauer eingenommen, wirken sie gegebenenfalls ungünstig auf das Darmmilieu wegen zahlreicher Zusatzstoffe. Bei starkem Übergewicht und nach ausdrücklichem ärztlichem Rat sind solche Produkte für einen gewissen Zeitraum durchaus vertretbar. In diesem Fall empfehlen sich nur hochwertige Produkte ohne reichliche Zuckerzusätze.

Chrissy: Trotz intensivem Krafttraining drei- bis viermal wöchentlich und einer Kalorienaufnahme von 1.300 bis 1.800 (meist 1.400) und Eiweißaufnahme von circa 100 Gramm nehme ich nicht ab. Ich merke, wie das Fettgewebe eher mehr geworden ist. Schilddrüsenwerte sind okay (TSH 2,8). Ich bin 27 Jahre alt und wiege 67 Kilogramm, optisch viel Fettanteil. Esse viel Gemüse, Fett circa 30 Gramm, langkettige Kohlenhydrate meist nur morgens, kontrolliere alles mit einer App seit August letzten Jahres. Es tut sich nichts auf der Waage. Was mache ich falsch?

Dr. Anne Fleck: Zu prüfen wäre die Menge der aufgenommenen Kohlenhydrate. Außerdem fällt mir auf, dass Ihr TSH-Wert, also Ihr Schilddrüsenbasishormon-Wert, zwar offiziell im Normbereich liegt, für einen jüngeren Menschen liegt er jedoch tendenziell etwas zu hoch. Ich würde Ihnen raten, beim Hausarzt oder Internisten zusätzlich die freien Schilddrüsenhormone prüfen zu lassen, sowie die Schilddrüsen-Antikörper. Aus meiner Erfahrung ergibt das oft einen überraschenden Befund.

Misski: Weshalb wird in der Übersicht der entzündungshemmenden Lebensmittel empfohlen, nicht mehr als zwei Paranüsse täglich zu sich zu nehmen? Ist dies schädlich? An manchen Tagen esse ich einige mehr.

Fleck: Paranüsse sind als Beispiel für Nüsse prinzipiell sehr gesund, sie liefern Ballaststoffe für eine gesunde Darmflora und hochwertiges, sättigendes Eiweiß sowie viel lebensnotwendiges Selen. Kritisch ist, wenn regelmäßig zu viele Paranüsse verzehrt werden, denn dann kann es zu einer Überdosierung kommen (Anm. d. Red.: insbesondere an Radium, das in Paranüssen stark angereichert ist). Achten Sie auch darauf, dass Nüsse nicht mit Schimmelpilz belastet sind.

Iris: Eine Frage zu Milchprodukten: Sie empfehlen nur sehr eingeschränkt Käse, weil Milchprodukte Entzündungen begünstigen können. Andererseits empfehlen Sie Magerquark als das ideale Frühstück. Was steckt im Käse, das ihn weniger geeignet macht?

Fleck: Ihre Frage ist sehr klug und zeigt, wie Sie sich mit den Dingen auseinandersetzen. Magerquark wird gern empfohlen, nicht weil er mager ist, sondern weil er besonders viele wertvolle schwefelhaltige Aminosäuren aufweist - als Baustein für Eiweiß und als Transportmittel für hochwertige Fettsäuren. Wir empfehlen die Kombination von Magerquark mit Omega-3-reichen Fetten, wie etwa der Kombination aus Leinöl und Weizenkeimöl. Das ist das Geheimnis. Die Kombination von Käse mit Leinöl stelle ich mir kulinarisch etwas schwieriger vor. Magerquark ist ein kostengünstiger Spitzenreiter.

lil73: Sie sagen, drei Tassen frisch aufgebrühter Kaffee wirkt entzündungshemmend. Ich vertrage leider keinen Kaffee, was ist dann die beste Alternative?

Fleck: Keine Sorge! Es gibt so mannigfaltige Möglichkeiten, Entzündungen zu hemmen. Optimal und Kaffee sogar deutlich überlegen sind die wichtigen Omega-3-Fettsäuren: insbesondere die langkettigen (DHA) aus fettem Fisch (zum Beispiel Lachs, Makrele, Thunfisch und Hering), aber auch die kurzkettigen (ALA) aus Pflanzenölen wie Leinöl, Hanföl, Weizenkeimöl und Walnussöl. Die Versorgung mit DHA, der langkettigen Omega-3-Fettsäure, ist hierzulande sehr unzureichend. Achten Sie vor allen Dingen auf diese. Zum Getränk: Versuchen Sie Ingwertee, frisch zubereitet, aus einem daumengroßen Stück Ingwer - gerieben und mit nicht mehr kochend heißem Wasser (circa 70 Grad) übergießen. So bleiben die wertvollen ätherischen Öle erhalten.

Maria: Helfen die Ernährungstipps für Neurodermitis auch bei Prurigo nodularis?

Fleck: Ihre Erkrankung ist ein sehr seltenes Erkrankungsbild. Es empfiehlt sich, hier individuell auszutesten. Prinzipiell ist eine anti-entzündliche Ernährung mit hochwertigen Fetten und reichlich ballaststoff- und antioxidantienreichem Gemüse sowie wenig Zucker empfehlenswert. Prüfen Sie, ob Sie Milchprodukte tolerieren.

Mark: Ist das von Ihnen empfohlene Frühstück mit Magerquark, Lein- und Weizenkeimöl, Obst und Nüssen auch für Kleinkinder geeignet? Unserem Sohn (22 Monate) würde es schmecken, aber sind die Öle auch für Kleinkinder okay?

Fleck: Ja, hochwertige Öle empfehlen sich bereits für Kleinkinder. Sehr wichtig für den normalen Entwicklungsverlauf von Augen und Gehirn ist vor allen Dingen auch die Versorgung mit Omega-3-Fettsäuren, insbesondere der langkettigen Sorte (DHA).

Kathleen: Ich habe Spondyloarthritis, Neurodermitis und Probleme mit dem Darm. Bei vielen Ihrer Rezepte habe ich gesehen, dass verschiedenste Obstsorten wie Äpfel, Birnen, Kiwi etc. verwendet werden. Durch die Kreuzallergien habe ich starken Juckreiz im Mund beziehungsweise schwillt das Zahnfleisch an. Durch welche anderen Obstsorten kann ich diese ersetzen?

Fleck: Gemüse ist das beste Obst. Es gibt kein Vitamin, keinen Mineralstoff, den Sie nicht auch im Gemüse finden. Bei Ihren Erkrankungen empfiehlt sich ausdrücklich eine antioxidantienreiche und damit entzündungshemmende Ernährung. Setzen Sie auf Grünzeug und gutes Fett. Probieren Sie vorsichtig Obstsorten aus, wie zum Beispiel Heidelbeeren. Aber quälen Sie sich nicht mit dem Dogma, dass Sie Obst essen müssen, grüne Blätter tun es auch.

Silke: Ich (44 Jahre alt) habe seit der frühen Kindheit Neurodermitis. Der Verzehr von Zitrusfrüchten verschlimmert den Juckreiz, von daher verzichte ich auf Orangen etc. Wie kann ich sonst noch meinen Vitamin-C-Bedarf decken, vor allem in der Erkältungszeit?

Fleck: Zitrusfrüchte sind in der Tat ein potenzieller Trigger für die Neurodermitis. Es gibt hervorragende Alternativen zur Vitamin-C-Versorgung, zum Beispiel aus Avocado, Rotkohl - der sogar den Gehalt an Vitamin C der exotischen Acai-Beere übertrifft - und Gemüse, zum Beispiel Kohlsorten. Und die unscheinbare und bescheidene Petersilie.

Sandra: Ich habe Migräne seit Dezember - in dem Monat zwei Wochen lang. Ich nehme seit Oktober die Pille aufgrund einer Diagnose. Könnte es daher kommen? Habe vorher nie Migräne gehabt.

Fleck: Ja! Lassen Sie das noch mal von Ihrem Facharzt gegenprüfen und ein alternatives Präparat empfehlen.

Ruth: Bei den Getreiden empfehlen Sie Dinkel, Gerste ... von Roggen habe ich nichts gehört. Wie verhält es sich mit diesem Getreide?

Fleck: Es spricht nichts gegen Roggen, vor allen Dingen sind aus Natursauerteig gebackene Brote generell empfehlenswert, da sie eine deutlich geringere Blutzuckerreaktion provozieren als mit Hefe gebackene Brote.

Rita: Sind Lupinen als Eiweißquelle für Veganer empfehlenswert, beziehungsweise welche vegane Eiweißquelle wäre zu empfehlen?

Fleck: Lupine sind in der Tat eine alternative Eiweißquelle. Wie bei Sojaprodukten ist auch hier auf eine potenziell allergische Reaktion zu achten (Sojadrink ist kritisch bei bekannter Birkenpollenallergie). Gute pflanzenbetonte Eiweißquellen sind Hülsenfrüchte, Pilze, Nüsse, Mandeln und Samen. Auch Salate und Gemüse haben prinzipiell Eiweiß, allerdings mengenmäßig deutlich weniger. Man muss als Veganer entsprechend größere Mengen essen, um eine ausreichende Eiweißversorgung zu bekommen. Für eine ausreichende Eiweißmenge müssten Sie mengenmäßig beispielsweise zwei bis drei Salatköpfe und ein bis zwei Brokkoli verzehren.

Ilse: Ich versuche schon länger abzunehmen. Bei mir geht aber nichts runter, eher wieder drauf. Ernährungsmäßig essen wir mehr Gemüse oder Salat, gehen sehr oft radeln - zwischen 20 und 50 Kilometern. Bei der Arbeit laufe ich täglich zwischen 10.000 und 20.000 Schritte. Vielleicht haben Sie eine Idee, warum ich nicht abnehme? Könnten Sie mir ein paar Tipps geben, was ich machen kann oder wie ich abnehmen kann?

Fleck: Interessant wäre die Frage, ob Sie einmal im Leben sehr häufig Antibiotika einnehmen mussten oder mit dem Rauchen aufgehört haben. Beides sind beispielsweise leicht übersehene Gründe für eine Veränderung des Darmmilieus. Darmbakterien können dann unter Umständen sogar aus Salatblättern noch sehr viele Kalorien ziehen. Ich würde die Menge an Kohlenhydraten reduzieren (Brot, Nudeln, Reis, Kartoffeln, Süßigkeiten, auch Süßstoffe) und stattdessen auf viele Ballaststoffe setzen - als Futter für die gesunden und schlankmachenden Darmbakterien. Das heißt: viel Zwiebeln, Knoblauch, grünes Blattgemüse, frisches Sauerkraut, bitterstoffreiche Gemüse wie Chicorée, Radicchio und Rauke. Und falls sich nach einigen Wochen nichts ändert, würde ich gegebenenfalls eine Analyse Ihrer Darmbakterien in einem Labor empfehlen.

Gabi 55: Ich habe eine Histaminintoleranz und meine Ernährung umgestellt. Es gab leider keine Verbesserung der Migräneanfälle. Sesambrötchen stehen auf meinem Speiseplan, da Roggen oder Vollkornbrot nicht geeignet sind beziehungsweise Brote aus Sauerteig. Leider gibt es verschiedene Listen von Nahrungsmitteln und deren Histamingehalt. Welche können Sie empfehlen?

Fleck: Es gibt je nach individueller Verträglichkeit durchaus Fälle, bei denen der Verzehr von histaminreichen Nahrungsmitteln, zum Beispiel Tomaten (Haut), Paprika (Haut), Salami, Thunfisch oder Avocado, zu Migräneattacken führt. Sie sollten auf möglichst sehr frische, unverfälschte Lebensmittel setzen, Konservenprodukte meiden und einmal aufgetaute Lebensmittel sofort verzehren. Kritisch ist auch eine lange unterbrochene Kühlkette.

Dieses Thema im Programm:

Die Ernährungs-Docs | 29.01.2018 | 21:00 Uhr

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