Cannabis: Wirksames Medikament bei chronischen Schmerzen?

Stand: 28.01.2022 21:32 Uhr

Cannabis kann seit 2017 in bestimmten Fällen als Medikament verschrieben werden. Die Wirkstoffe THC und CBD sollten chronischen Schmerzpatienten helfen. Doch nur ein Teil der Patienten profitiert wirklich davon.

Die Hanfpflanze Cannabis kennen viele vor allem als verbotenes Rauschmittel. Doch Cannabis kommt seit einigen Jahren auch verstärkt als Arzneimittel zum Einsatz, vor allem in der Schmerztherapie.

Cannabis-Präparate als Kapseln, Tropfen, Öl oder Mundspray

Lange waren Cannabis-Medikamente in Deutschland nur bei Spastiken und Multipler Sklerose zugelassen. Seit 2017 ist es durch das Gesetz "Cannabis als Medizin" möglich, auch bei anderen schwerwiegenden Erkrankungen Cannabis-Medikamente verordnet zu bekommen. . In Ausnahmefällen dürfen Ärztinnen und Ärzte die reinen Blüten verschreiben oder Cannabis-Präparate in Form von Kapseln, Tropfen, Öl oder als Mundspray.

Ärzte verordnen Cannabis-Produkte - wie zum Beispiel Dronabinol-Tropfen - chronisch kranken Patienten, die gängige Schmerzmittel nicht mehr vertragen oder deren Schmerzmittel nicht mehr wirken.

Cannabinoide haben oft nicht den gewünschten Erfolg

Cannabis ist nicht das Mittel der ersten Wahl, denn es hilft nur einem Teil der Patienten, so die Erfahrung vieler Schmerztherapeutinnen und -therapeuten aus den letzten fünf Jahren. Bei vielen Patientinnen und Patienten ist der schmerzverringernde Effekt der Cannabis-Präparate nicht ausreichend gut, etwa ein Drittel brechen die Behandlung nach einer Weile wieder ab. Die Fachgesellschaft der Schmerzexperten äußert sich wegen mangelnder Wirksamkeit und fehlender Studien inzwischen skeptisch zu Cannabis-Medikamenten.

Wer profitiert von Cannabis?

Mal wirkt Cannabis-Medizin in kleinsten Dosen, aber oft wirkt sie eben nicht. Wem sie hilft und wem nicht, ist auch für Mediziner nicht immer vorherzusehen. Laut einer Studie wirkt Cannabis noch am besten gegen Nervenschmerzen (Neuropathie) Schmerzen, die im Nervensystem entstehen. Auch bei Multipler Sklerose, starkem Gewichtsverlust durch eine Tumorerkrankung (Tumorkachexie) und in der Palliativmedizin scheinen Cannabis-Arzneimittel wirksam zu sein.

Aber auch bei älteren Menschen mit chronischen Schmerzen können laut Experten z.B. Dronabinol-Tropfen in niedriger Dosis sinnvoll sein. Denn die enthaltenen Cannabinoide wirken auf den Körper und die Psyche. Sie lindern Schmerzen, hellen die Stimmung auf, sorgen für einen besseren Schlaf und erhöhen so die Lebensqualität. Eine berauschende oder abhängig machende Wirkung erzielen die Mittel aufgrund der niedrigen Dosierung nicht.

Sie haben bei Älteren auch noch einen anderen Vorteil: Sie schädigen Leber und Nieren nicht so stark wie andere Medikamente. Daher verschreiben Medizinerinnen und Mediziner sie bei Menschen mit Niereninsuffizienz oder wenn die Leber nicht mehr so gut funktioniert.

Cannabis: Welche Wirkung haben THC und CBD?

Cannabis enthält mehr als 100 Wirkstoffe. Die beiden wichtigsten sind Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD):

  • THC hebt die Stimmung, verändert die Wahrnehmung (benebelt) und kann Schmerzen lindern.
  • CBD wirkt gegen Entzündungen, lindert Krämpfe, nimmt Angst und kann Schmerzen lindern.

Cannabis hat Vorteile, die andere Wirkstoffe nicht haben: Der Körper produziert selbst ganz ähnliche Stoffe, die sogenannten Endocannabinoide. Sie entfalten ihre Wirkung über verschiedene Rezeptoren, die auch für eingenommene Cannabis-Wirkstoffe empfänglich sind. Der Rezeptor CB1 kommt im zentralen Nervensystem und vielen anderen Organen vor, lindert Angst, Stress, Unruhe und Schmerzen. Der Rezeptor CB2 sitzt in den Immunzellen von Lunge und Darm und wirkt antientzündlich.

Nebenwirkungen: Ungeeignet bei Herzerkrankungen und Depressionen

Zu hoch dosiert, kann zum Beispiel Cannabis-Spray das Kurzzeitgedächtnis einschränken und unerwünschte Wirkungen auf die Geschmacksnerven haben. Andere mögliche Nebenwirkungen sind Müdigkeit, Schwindel oder Übelkeit. Die Studienlage zur Wirkung von Cannabis-Medikamenten für Patienten mit depressiven Störungen oder anderen psychiatrischen Erkrankungen ist noch sehr dünn. Es gibt aber durchaus Behandlungsversuche. Für Patientinnen und Patienten mit Herzerkrankungen, wie zum Beispiel Herzrhythmusstörungen sind Cannabis-Medikamente ungeeignet.

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Visite | 01.02.2022 | 20:15 Uhr

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