Stand: 30.06.2020 08:58 Uhr

Der schwierige Umgang mit Kolonialdenkmälern

von Hans Stallmach

So manchem Denkmal geht es in diesen Tagen an den Kragen. Seit dem Tod des US-Bürgers George Floyd in Minneapolis und den folgenden weltweiten Protesten ist schon manches Denkmal vom Sockel geholt worden, vor allem in Großbritannien und den USA. Aber auch bei uns stehen viele höchst problematische Denkmäler, die die deutsche Kolonialgeschichte verherrlichen. So gibt es auch in Deutschland Diskussionen über den Umgang mit diesen Denkmälern. Und der kann sehr unterschiedlich sein.

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In Andenken an Hermann von Wissmann steht im Kurpark von Bad Lauterberg eine Statue des Offiziers.

Mit Tropenhelm, Landkarte und Säbel, den Blick kühn in die Ferne gerichtet dominiert die drei Meter hohe Statue des Hermann von Wissmann den Kurpark des Harz-Städtchens Bad Lauterberg. "Deutschlands großem Afrikaner, das dankbare Vaterland!" steht auf einer Tafel zu Füßen des Denkmals. Hermann von Wissmann habe als Kolonial-Offizier und Gouverneur von Deutsch-Ostafrika die dortige Bevölkerung brutal unterdrückt, sagt Friedhart Knolle vom Verein Spurensuche Harzregion: "Ich bin ebenfalls dafür, dass diese Statue an dieser Stelle verschwinden sollte. Sie müsste museal und im historischen Kontext präsentiert werden. Man muss ganz ehrlich sein: Hermann von Wissmann war ein Kriegsverbrecher, denn so hat er sich in Afrika verhalten."

Bürgermeister ist gegen einen Abriss

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"Deutschlands grossem Afrikaner [...] das dankbare Vaterland" steht auf einer Tafel zu Füßen des Wissmann-Denkmals.

Für Bürgermeister Thomas Gans kommt ein Abriss nicht in Frage. Solche Forderungen kämen zwar immer mal wieder auf, jedoch stets nur von außen. Für die Menschen in Bad Lauterberg sei das Ganze überhaupt kein Thema. Eine kritische Einordnung gebe es im Übrigen schon im Heimatmuseum der Stadt. Das aber reicht Friedhart Knolle bei weitem nicht: "Der Verein "Spurensuche" hat vorgeschlagen, die Informationstafel am Denkmal sofort zu entfernen. Das ist das Minimum, was jetzt vor Ort geschehen müsste. Die Diskussion ist viel zu lange verschleppt worden, auch hier im Harz."

Ein Ort, um sich zu solidarisieren

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Im Gegensatz zum Wissmann-Denkmal in Bad Lauterberg musste das Kolonialdenkmal von Braunschweig schon einiges über sich ergehen lassen: Der monumentale Steinblock mit dem Relief eines Löwen, der seine Pranke auf der Weltkugel hält, war das Ziel von Demonstrationen und Protesten und wurde schon angesprüht, verhüllt und bemalt. Aktuell ist er mit Antirassismus-Plakaten behängt. "Ich finde das großartig. Dieser Ort ist für die Braunschweigerinnen und Braunschweiger, die sich aufmachen und "Black Live Matters"-Plakate malen, der Ort, an dem sie sich solidarisieren und gegen Rassismus vorgehen. Wenn nicht dort, wo sonst?", sagt Braunschweigs Kulturdezernentin Anja Hesse.

Forderung nach Abriss seit den 60er-Jahren

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Die Kulturdezernentin von Braunschweig, Anja Hesse, ist gegen einen Abriss des Kolonialdenkmals.

Über das Kolonialdenkmal wird seit langem gestritten. Schon in den 60er-Jahren wurde gefordert, es abzureißen. Dazu ist es aber nie gekommen, und das sei gut so, meint Anja Hesse: "Das wäre Geschichtsklitterung. Wenn man diese Statue entfernen würde, könnte man an die Stelle ein Schild stelle mit der Aufschrift 'Hier stand einmal ein Kolonialdenkmal'. Das ändert aber nichts an der Problematik, dass wir hier eine Kolonialgesellschaft hatten und dass wir Teil dieses Missbrauchs waren. Es ändert auch nichts daran, dass das alles geschehen ist."

Nur "genehmigte" Geschichte für den öffentlichen Raum?

Das sieht der Historiker Thomas Kubetzky von der TU Braunschweig ebenfalls so. Das Denkmal sei nun mal für den öffentlichen Raum geschaffen worden, und dort müsse man sich auch daran abarbeiten, anstatt es einfach zu beseitigen. "Ansonsten wäre der öffentliche Raum geschichtslos, oder nur mit einer Geschichte möglich, die genehmigt ist, was auch immer das impliziert. An dieser Stelle möchte ich nicht mehr weiter denken, wenn wir über genehmigte und ungenehmigte Geschichte nachdenken. Denn Geschichte ist nun mal nicht schwarz-weiß, sondern ganz viel grau."

Die Stadt hat das Denkmal auf einer Tafel mit einem kritischen Begleittext versehen. Außerdem wird auf eine Internetseite mit Fotos und Dokumenten zum Kolonialismus hingewiesen, die kontinuierlich aktualisiert wird. Entscheidend aber, so Thomas Kubetzky, sei die lebendige, alltägliche Auseinandersetzung mit dem Denkmal, vor allem als Teil des Schulunterrichts. "Weil man den nachfolgenden Generationen die Chance geben sollte das Gefühl für Geschichte zu erfahren."

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 30.06.2020 | 06:40 Uhr