Stand: 06.11.2019 15:48 Uhr

Joachim Gauck: "Wir dürfen uns nicht verstecken"

von Andrea Schwyzer

Am 9. November 2019 jährt sich der Fall der Berliner Mauer zum 30. Mal. Grund für uns, das Programm auf NDR Kultur diesem historischen Thema zu widmen. Wir lassen kritische Stimmen von damals und heute zu Wort kommen: Schriftsteller, Wissenschaftler, Musiker, Künstler und Politiker. Unter ihnen ist auch der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck. In der Reihe "Grenzenlose Gespräche" hat er über ostdeutsche Befindlichkeiten, über Klischees und aktuelle politische Strömungen gesprochen.

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Im Gespräch mit Andrea Schwyzer ruft Ex-Bundespräsident Joachim Gauck zu Toleranz und Engagement auf.

Joachim Gauck kommt durch den Hintereingang und bringt zwei Bodyguards mit. Der ehemalige Bundespräsident ist aber trotzdem ganz unprätentiös. Er sucht sofort das Gespräch und ist interessiert. Seine Sprache ist klar und deutlich. Von Ossi und Wessi spricht er ganz selbstverständlich. Was nicht bedeutet, dass er die Debatte um Ost und West 30 Jahre nach dem Mauerfall nicht seriös betrachten würde.

Respekt, Toleranz, Ernsthaftigkeit - das sind Tugenden die den ehemaligen Bundespräsidenten  auszeichnen. Das zeigt sich auch in seinen Aussagen: "Die Politiker sagen das natürlich nicht gerne, weil Menschen das nicht gerne hören, aber zu einer nüchternen Betrachtung gehört, dass es diese kulturellen Differenzen gibt. Die verschwinden, aber es gibt sie noch und deshalb müssen wir uns hüten mit Verachtung von hier nach drüben zu gucken." Miteinander sprechen und überprüfen: Sind Ossis tatsächlich rückständig und charakterarm, wie es manchmal klischeehaft immer noch heißt? Und sind Wessis wirklich mit einer Ellbogenmentalität ausgestattet? Dieses offene, ehrliche "Aufeinanderzugehen" vermisst Joachim Gauck auch im politischen Diskurs.

Entwicklung bei den Wahlen hat Gründe

Er spricht von Protestwählerinnen und Protestwählern, die bei den Landtagswahlen in Brandenburg, Sachsen und Thüringen ihre Stimme den politischen Rändern gegeben haben, weil sie mit "denen da oben" nicht einverstanden sind: "Die da oben sind nicht da oben, weil ein Führer dort oben sitzt oder eine Partei, die sich allmächtig dünkt, sondern wir, das Volk, haben diese Leute dorthin geschickt. Wenn es uns nicht gefällt, sind sie weg, weil wir sie nicht mehr wählen. Das heißt: Diese Parolen, die von Teilen von rechts außen gekommen sind, dass sie 'Wir sind das Volk', diesen Satz von '89, diesen schönsten Satz der deutschen Politikgeschichte okkupieren und dann so tun, als hätten sie jetzt das sagen, wenn sie mit ihren kruden Thesen kommen, da kann ich doch nur darüber lachen. Denn anders als damals, haben wir, das Volk, die in Berlin und in Dresden und in Schwerin gewählt."

Gauck fordert einfachere Sprache

Altbundespräsident Joachim Gauck und Andrea Schwyzer © NDR

Das Gespräch in voller Länge zum Nachhören

NDR Kultur - Klassisch unterwegs -

Im Rahmen der Reihe "Grenzenlosen Gespräche" spricht der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck über innerdeutsche Befindlichkeiten, Klischees und aktuelle politische St

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Dieses Missverständnis von Demokratie gilt es aufzuklären. Dafür brauche es einige essentielle Zutaten, so der gelernte Pastor: "Wir brauchen Respekt vor Vielfalt und wir brauchen ganz besonders eine Politik, die wirklich führt, die Fähigkeit, komplexe Sachverhalte, so mit den Menschen zu besprechen, dass sie sie verstehen. Wir brauchen eine Sprache, die einlädt und die erhellend, erläuternd ist. Und wenn wir die einfache Sprache Populisten überlassen, dann versäumen wir eine Chance. Die benutzen einfache Sprache um zu hetzen, um das, was die Demokratie ist, als System zu bezeichnen, das abgeschafft werden müsste."

Eine einfache Sprache ist notwendig, besonders von den führenden Politikerinnen und Politikern. Doch da gibt es noch etwas, das wiederum aus der Gesellschaft selbst kommen muss: "Die Masse ist auch noch durch etwas anderes bedroht: nämlich durch Inaktivität. Deshalb gehört zu dem offenen Wort auch die Einladung: Schaut, auf diesen Feldern seid ihr gefragt. Ihr könnt hier gerne mitarbeiten."

Wichtige Fragen zur Zukunft Deutschlands

Sich zu engagieren, das sei für viele Menschen mit Ostsozialisation gar nicht so einfach, sagt Joachim Gauck. In der DDR durften sie weder Freiheit leben noch Verantwortung übernehmen. Das zu lernen, sei ein langwieriger Prozess, auf den sich nicht alle einlassen wollen oder können: "Will ich tatsächlich Verantwortung übernehmen? Und das heißt ja, dass man hinterher auch kritisiert werden kann. Und viele Menschen fürchten sich davor etwas falsch zu machen. Und wenn du das nicht eingeübt hast, hast du Selbstzweifel und sehnst dich mehr danach geführt zu werden. Und dann sind autoritäre Gesellschaftsmodelle reizvoller, als wenn du nicht diese Prägung hast."

Diese gesellschaftliche Prägung haben 40 Jahre DDR-Diktatur und zwölf Jahre Nazizeit hinterlassen. Aus diesem Grund sagt Joachim Gauck mit Blick in die Zukunft: "Diese Debatte wird uns noch über Jahrzehnte begleiten: Wohin geht die offene Gesellschaft? Und die Angst vieler, die sich dann nach Führung sehnt oder von Gefolgschaft träumt, die wird uns erhalten bleiben. Das heißt: Wir brauchen hochaktive Vertreter der demokratischen, offenen Gesellschaft. Wir dürfen uns nicht verstecken, sondern müssen uns und unsere Erfolge zeigen und unsere Freude und unseren Stolz darauf nicht verbergen."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 06.11.2019 | 17:40 Uhr