Stand: 16.04.2019 16:04 Uhr

Resistente Keime in Supermarkt-Geflügel

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Bei mehr als der Hälfte der Proben ließen sich antibiotikaresistente Keime nachweisen.

Eine Umweltorganisation hat Hähnchenfleisch aus Discountern testen lassen und die Ergebnisse am Dienstag in Berlin vorgestellt. In mehr als der Hälfte der Stichproben sind demnach antibiotikaresistente Keime nachgewiesen worden. Die Organisation Germanwatch hat für die Proben bundesweit bei Aldi (Nord und Süd), Penny, Netto, Lidl und Real eingekauft. Die Erzeuger des belasteten Fleisches sitzen zum Großteil in Niedersachsen.

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Elf von 32 belasteten Proben aus Niedersachsen

Das Fleisch stammt laut Germanwatch von den vier umsatzstärksten Schlachthofkonzernen in Deutschland: der Sprehe-Gruppe, Plukon Deutschland, der PHW-Gruppe (zum Beispiel "Wiesenhof") und der Rothkötter-Gruppe, zu der beispielsweise "Emsland Frischgeflügel" mit Sitz in Haren gehören. Insgesamt hat Germanwatch 59 Proben untersuchen lassen. 21 stammten von Betrieben in Niedersachsen, elf davon waren belastet. Insgesamt lag die Anzahl der belasteten Proben bei 32.

Generell wird in Niedersachsen mehr als die Hälfte des deutschen Geflügels produziert. Das Fleisch für die Proben haben die Germanwatch-Testkäufer unter anderem in Märkten in Göttingen, Hannover und Hamburg erworben.

Mediziner aus Nienburg schlägt Alarm

Einer, den solche Zahlen wütend machen, ist Gerd-Ludwig Meyer. Der Facharzt für Innere Medizin aus Nienburg behandelt auch schwerkranke Patienten, bei denen Antibiotika kaum noch oder gar nicht mehr anschlagen. In manchen Fällen ist ihr Leben deshalb nicht mehr zu retten. Schuld daran können laut Meyer auch Lebensmittel sein - wenn sie Keime enthalten, die resistent gegen Antibiotika sind.

Was sind (multi-)resistente Keime?

Resistente Keime sind Erreger, die eine Widerstandsfähigkeit gegen die Medikamente entwickelt haben, mit denen eine entsprechende Infektion üblicherweise behandelt wird. Helfen gleich mehrere Antibiotika nicht, spricht man von multiresistenten Keimen. Vor allem für Kranke, Kinder und alte Menschen können derartige Infektionen lebensgefährlich werden. Die drei am meisten verbreiteten Erreger sind:
MRSA (Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus): Diese Bakterienart vermehrte sich gleichzeitig mit der Verbreitung von Antibiotika seit den 1960er-Jahren und ist gegen alle Beta-Lactam-haltigen Antibiotika resistent, die in ihrer Struktur auf Penicillin zurückgehen. Es werden drei große Gruppen unterschieden: im Krankenhaus übertragene (hospital acquired) haMRSA, von Mensch zu Mensch übertragene (community acquired) caMRSA sowie die bei Nutztieren verbreitete und häufig bei Landwirten zu findende (livestock associated) laMRSA.
ESBL (Extended-Spectrum-Beta-Lactamasen): Diese Enzyme können Beta-Lactam-haltige Antibiotika spalten. Entsprechend resistent sind die sogenannten ESBL-bildenden Bakterien.
VRE (Vancomycin-resistente Enterokokken): Diese mit Streptokokken verwandten Bakterien wurden erstmals Ende der 80er-Jahre beobachtet. Sie sind gegen das Reserveantibiotikum Vancomycin und weitere Antibiotika resistent. Daher sind die Therapiemöglichkeiten bei VRE eingeschränkt.
(Quelle: "Die Zeit"/Bundesinstitut für Risikobewertung)

Auch Resistenzen gegen Reserveantibiotika

Germanwatch hat die Proben von der Universität Greifswald auf verschiedene Erreger untersuchen lassen. Die Experten fanden nicht nur Keime, die unempfindlich gegen viele Antibiotika sind (MRSA). Bei jeder dritten Hähnchenprobe fanden sich sogar Keime mit Resistenzen gegen Antibiotika, die nur eingesetzt werden, wenn andere versagen - sogenannte Reserveantibiotika.

Germanwatch fordert Kennzeichnung wie bei Eiern

Die Umweltorganisation hat zum Vergleich auch in Schlachtereien eingekauft, die nicht industriell arbeiteten. Dort seien nur neun Prozent des Hähnchenfleischs mit solchen Keimen belastet gewesen. Auch wenn es sich nur um Stichproben handelt, fordert Germanwatch deshalb eine entsprechende Haltungskennzeichnung wie bei Eiern.

Keine General-Kritik an Landwirten

Mediziner Gerd-Ludwig Meyer hat auch Landwirtschaft studiert. Er sei nicht dagegen, wenn ein einzelnes krankes Tier ein Antibiotikum bekomme, sagte er auf der Pressekonferenz von Germanwatch am Dienstag. Wenn aber massenweise Tiere erkrankten, sehe er Probleme bei den Haltungsbedingungen. Damit wolle er aber nicht etwa Landwirte im Allgemeinen kritisieren. "Mir geht es um Agrarökonomen, Hedgefonds und um die Politik." Darüber hinaus sind seiner Ansicht nach die Supermarkt-Kunden in der Pflicht.

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Dieses Thema im Programm:

Niedersachsen 18.00 | 16.04.2019 | 18:00 Uhr

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