Stand: 30.12.2019 06:00 Uhr  - NDR Info

Ferkelkastration: Bremst Handel Tierschutz aus?

Eine Gruppe Eber drängelt sich um Impftechnikerin Marie Saudhof. Die Tiere knabbern an den Hosenbeinen ihres roten Arbeitsanzugs. Saudhof hält eine Art Plastikspritzpistole hinter ein Schweineohr und erklärt: "Hier würden wir ganz ruhig die Impfung platzieren." 

Durch die sogenannte Immunokastration sollen die Tiere ruhiger werden, damit sie weniger kämpfen und sich nicht verletzen. Vor allem aber soll verhindert werden, dass ihr Fleisch später einen unangenehmen Ebergeruch entwickelt.

Schonende Impfung verhindert Ebergeruch

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Mäster Jörn Ehlers testet das Impf-Verfahren.

Mäster Jörn Ehlers, dem der Stall in der Nähe von Verden in Niedersachsen gehört, hat bisher gute Erfahrungen mit dem Impfen gemacht und hält die Methode wie Tierschutzorganisationen für besonders schonend. Doch bisher ist das Verfahren kaum verbreitet. 

Stattdessen werden knapp zwanzig Millionen männlichen Ferkeln in Deutschland jährlich die Hoden ohne Betäubung herausgeschnitten, damit ihr Fleisch später beim Braten nicht streng nach Eber riecht. 

Ferkelkastration: Streit über Alternativen

Hallo Niedersachsen -

Ab 2021 dürfen Landwirte ihre Ferkel nicht mehr ohne Betäubung kastrieren. Doch wie die Umstellung funktionieren soll, ist ein Jahr vor dem Verbot noch nicht geklärt.

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Ferkelkastration ohne Betäubung: Ab 2021 verboten 

Ab 2021 wird dieser schmerzhafte Eingriff nicht mehr erlaubt sein. Doch ein Jahr vor dem Verbot streitet die Branche immer noch über die Alternativen zur betäubungslosen Kastration. 

Die Landwirte könnten ihre Ferkel zum Beispiel mit dem Gas Isofluran betäuben und unter Narkose kastrieren. Doch Landwirte weisen darauf hin, dass bisher noch keine zertifizierten Geräte zur Verfügung stehen. 

Tierschützer fordern unversehrte Schweine 

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Mit einer Spritze können männliche Schweine gegen Ebergeruch geimpft werden.

Und Tierärzte und Tierschützer fordern schon länger, die Schweine möglichst gar nicht mehr zu kastrieren, damit sie unversehrt bleiben. Stattdessen könnten Landwirte ihre Eber unkastriert mästen. Das gilt aber als herausfordernd, weil sich die männlichen Schweine bei Kämpfen oft gegenseitig verletzen. Außerdem müssen die Schlachthöfe später Tiere mit einem intensiven Geruch aussortieren. 

Die dritte Möglichkeit: Landwirte könnten ihre Tiere wie Jörn Ehlers gegen den Ebergeruch impfen. Der Schweinehalter und Vizepräsident des niedersächsischen Landvolks hat das Verfahren bisher bei 140 Ebern getestet. Insgesamt mästet der Landwirt rund 2.000 Schweine. 

Norddeutsche Landwirte engagieren sich fürs Impfen 

Mit einer Gruppe von norddeutschen Landwirten engagiert er sich für die Immunokastration. Doch von ihrem Ziel, wenigstens 100.000 geimpfte Eber zu vermarkten, seien sie weit entfernt, so Ehlers, auch wenn etliche Landwirte gern liefern würden, hätte man noch nicht einmal 10.000 erreicht. 

Die Landwirte beklagen Schwierigkeiten, die geimpften Tiere zu verkaufen. Lebensmittelhändler befürchten offenbar eine schlechtere Fleischqualität und weniger Akzeptanz bei den Verbrauchern. 

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Tierarzt Gereon Schulze Althoff vom Schlachtunternehmen Tönnies will Landwirte unterstützen.

Immerhin scheinen sich Schlachtunternehmen inzwischen zu öffnen. Jörn Ehlers liefert seine geimpften Schweine an den Konzern Tönnies in Ostwestfalen. "Wir nehmen diese Tiere ab, haben uns bereit erklärt, Landwirte hier zu unterstützen", sagt Gereon Schulze Althoff, Leiter des Qualitätsmanagements und Veterinärwesens bei Tönnies. Auch die Schlachter Vion und Westfleisch schreiben, sie akzeptierten alle zugelassenen Verfahren. 

Landwirte wünschen sich mehr Unterstützung vom Handel 

Doch insbesondere vom Lebensmittelhandel wünscht sich Landvolk-Vizepräsident Ehlers mehr Bereitschaft, die neuen Methoden zu unterstützen und beklagt die starke Konzentration und Marktmacht der Handelskonzerne. 

Tönnies-Tierarzt Schulze Althoff drückt es etwas diplomatischer aus, es gäbe zwar Lebensmittelhändler und Fleischvermarkter, die auch das Fleisch geimpfter Tiere ohne Einschränkungen annehmen würden, andere dagegen wollten hier noch eigene Tests fahren. 

Konkurrent Westfleisch wird deutlicher und schreibt, man könne noch nicht alle Produkte flächendeckend vermarkten. Lebensmittelhandel und Fleischwarenhersteller würden das Verfahren teilweise noch ablehnen. 

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Tierschutzbund: Fleisch geimpfter Schweine unbedenklich 

Auch der Deutsche Tierschutzbund kritisiert, dass in der Branche gegenüber dieser Methode eine nicht nachvollziehbare Skepsis herrsche. Oftmals falle der Begriff "Hormonfleisch", doch der sei schlicht falsch. Durch die Impfung entstünden keinerlei Rückstände im Fleisch, erklärt Miriam Goldschalt, Veterinärin beim Tierschutzbund. Für Verbraucher sei die Methode absolut unbedenklich. 

Der Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels (BVLH) schreibt, dass alle drei Alternativen zur betäubungslosen Ferkelkastration bereits heute im Handel akzeptiert würden. Dabei setzten die Unternehmen in Abhängigkeit von der Unternehmensstrategie und der Produktpalette unterschiedliche Schwerpunkte, so Sprecher Christian Böttcher.

Impfung: Edeka sieht Risiko

Der größte Lebensmittelhändler in Deutschland, Edeka, erklärt, Erfahrungen hätten gezeigt, dass nicht alle zugelassenen Methoden in gleicher Weise für die Produktion von Rohwurst oder Rohschinken geeignet seien. Und bei der Immunokastration vermisst der Handelskonzern noch geeignete Methoden zum Nachweis einer korrekten Impfung und sieht deshalb das Risiko einer Geruchsauffälligkeit. 

Doch auch hier betont man, der Edeka-Verbund akzeptiere grundsätzlich alle rechtlich zugelassenen Verfahren. Der Deutsche Bauernverband erklärt, generell klafften beim Lebensmittelhandel die öffentlichen Bekundungen und die Realitäten im Einkauf auseinander. Dabei höre man zunehmend, bei der Qualität des Fleisches sei kaum ein Unterschied festzustellen, so der Bauernverband. 

Mehr Tierschutz: Wer trägt die Kosten? 

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Bei neuen Tierschutzvorgaben geht es immer auch um die Kosten.

Am Ende geht es wie immer bei Tierschutzdebatten vor allem darum, wer Kosten und mögliche Risiken trägt: Ferkelerzeuger, Mäster, Schlachter, Fleischvermarkter, Handel oder Verbraucher. Deshalb hoffen viele in der Branche ein Jahr vor dem Verbot der betäubungslosen Kastration noch auf eine vierte Alternative: auf eine günstige örtliche Betäubung der Hoden statt Vollnarkose. 

Damit könnten die Landwirte fast wie bisher kastrieren. Doch in Deutschland ist die lokale Betäubung verboten - im Gegensatz zu einigen anderen Ländern wie etwa Dänemark. Viele Landwirte fürchten deshalb, Mäster könnten in Zukunft ihre Ferkel einfach dort günstiger kaufen.  

Agrarministerium: Lokale Betäubung kein gangbarer Weg 

Der Deutsche Tierschutzbund ist darüber empört, dass immer noch über die lokale Betäubung diskutiert werde. Denn die Spritze verursache Stress und Schmerzen. Auch das niedersächsische Landwirtschaftsministerium erklärt, Studien zufolge führe die lokale Betäubung lediglich zu einer Schmerzreduktion, nicht zu einer Schmerzausschaltung. Sie entspräche damit nicht den Anforderungen des deutschen Tierschutzgesetzes und sei deshalb derzeit kein gangbarer Weg. 

Das Agrarministerium in Hannover ruft deshalb dazu auf, die Narkose durch Landwirte zu ermöglichen, die Ebermast auszubauen und die Impfung als tierschutzgerechtesten Weg zu unterstützen. Dabei fordert das Ministerium, dass Landwirte für ihre geimpften Tiere denselben Preis wie für ihre kastrierten Schweine bekommen müssten.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 30.12.2019 | 06:00 Uhr

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