Stand: 24.11.2019 12:00 Uhr  - NDR Info

Göttinger Uigure fürchtet um Familie in China

Geheim eingestufte Regierungsdokumente aus China zeigen erstmals im Detail, wie die massenhafte Internierung von religiösen Minderheiten organisiert wird. Auch Familien von Uiguren in Norddeutschland sind betroffen.

Von Christine Adelhardt, Philipp Eckstein, Jan Lukas Strozyk und Benedikt Strunz

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Der Göttinger Dozent Tahir Mutällip Qahir fürchtet um seine Familie in China.

Tahir Mutällip Qahiri macht sich große Sorgen. Seit 13 Jahren lebt er in Deutschland. Zurzeit arbeitet er als Dozent für uigurische Literatur und Sprache am Seminar für Turkologie und Zentralasienkunde der Universität Göttingen. Seine Familie kommt aus Xinjiang, der Autonomieregion im Nordwesten Chinas. Sie sind Uiguren, eine muslimische Minderheit, die zu den Turkvölkern gehört. Rund zehn Millionen von ihnen leben in Xinjiang.

Familie in Xinjiang ist nicht mehr erreichbar

Regelmäßig hat er von Göttingen aus seine Familie angerufen. Qahiris Vater, seine Mutter und seine Geschwister leben in der Stadt Kashgar. Mitte 2017 erreicht er sie plötzlich nicht mehr. "17 Monate lang hatte ich keinen Kontakt", sagt Qahiri. "Ich habe vermutet, dass meine Familienmitglieder verhaftet wurden."

Überprüfen lassen sich solche Vorwürfe von Deutschland aus nicht. Aber Qahiris Geschichte deckt sich mit verzweifelten Berichten von Uiguren überall auf der Welt, deren Angehörige in Xinjiang plötzlich verschwunden sind. Schon lange werfen Menschenrechtsorganisationen der chinesischen Regierung vor, Minderheiten zu unterdrücken.

China überwacht Minderheit in "Ausbildungslagern"

Erstmals belegen nun interne Dokumente aus dem chinesischen Verwaltungsapparat im Detail, wie die Kommunistische Partei Chinas in Xinjiang sogenannte Ausbildungslager organisiert und die Uiguren systematisch überwacht. Die Unterlagen, zum Teil als "geheim" eingestuft, sind dem Internationalen Konsortium Investigativer Journalisten (ICIJ) zugespielt worden. Medienpartner auf der ganzen Welt haben sie gemeinsam geprüft und ausgewertet. In Deutschland waren NDR, WDR und "Süddeutsche Zeitung" an den Recherchen beteiligt. Sie werden unter dem Schlagwort "China Cables" veröffentlicht.

Vergehen werden mit Züchtigungsmaßnahmen sanktioniert

Die Dokumente beinhalten unter anderem eine detaillierte Anweisung aus dem Jahr 2017, unterschrieben von dem damals obersten Sicherheitschef der Autonomieregion Xinjiang. Darin wird dargelegt, wie die in den Lagern internierten Minderheiten selbst bei alltäglichen Dingen wie dem Toilettengang, beim Schlafen und beim Unterricht zu überwachen sind. Auch von Züchtigungsmaßnahmen ist dort die Rede. Außerdem soll ein Punktesystem eingeführt worden sein, mit dem die einzelnen Internierten zu bewerten und selbst kleine Vergehen zu sanktionieren seien.

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Die Unterlagen lassen keinen Zweifel daran, dass die als "Schüler" bezeichneten Insassen faktisch Gefangene sind. "Es dürfen auf keinen Fall Ausbrüche vorkommen", heißt es beispielsweise in der Anweisung, und "Türen von Schlafräumen, von Gängen und von Stockwerken sind von zwei Personen doppelt zu verschließen". Experten schätzen, dass es mittlerweile mehr als 1.000 solcher Umerziehungslager gibt. Mehr als eine Million Menschen sollen darin festgehalten werden, überwiegend Angehörige der muslimischen Minderheit der Uiguren.

Minderheit steht für Peking unter Terrorverdacht

Vor rund einer Woche hatte auch die "New York Times" Dokumente aus dem chinesischen Machtapparat veröffentlicht. Sie zeigen unter anderem, dass die Unterdrückung der Uiguren offenbar von Präsident Xi Jingping persönlich angeordnet wurde. Seitdem es vor zehn Jahren in der Region zu schweren Unruhen kam, steht die uigurische Minderheit für Peking unter Terrorverdacht.

Qahiri vermutet, dass auch sein Vater in einem Umerziehungslager oder Gefängnis festgehalten wurde und er deswegen 17 Monate lang nichts von ihm gehört hat. Sein Vater war Universitätsprofessor, Autor eines Lexikons über uigurische Namen. Doch selbst uigurische Namen gelten mittlerweile als verdächtig, das Buch sei verboten worden, so Qahiri.

Vater wirkt bei Videotelefonat "wie aus Gulag"

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Das Buch seines Vaters, ein Lexikon über uigurische Namen, wurde verboten, berichtet Qahiri.

Im März 2019 meldet sich der Vater plötzlich wieder. Im Videotelefonat, das Qahiri aufgezeichnet hat, ist zu sehen, dass der Vater abgenommen hat, die Haare sind kurzgeschoren. "Mein erster Eindruck war, dass er ein Überlebender aus einem Gulag ist", sagt Qahiri. Doch sein Vater wiegelt ab. Es gehe ihm gut. Der Sohn solle nicht länger von Deutschland aus die Lüge verbreiten, er sei verhaftet worden. Qahiri solle auch an seine Geschwister denken. "Ich habe dieses Gespräch als Drohgespräch wahrgenommen", so Qahiri. Er habe "das Gefühl, die Kommunistische Partei spricht mit mir".

Angst beherrscht Telefonate mit der Familie

Qahiri telefoniert heute wieder regelmäßig mit seinem Vater und seiner Familie. Sie sprechen aber nur über Belangloses, die Angst ist immer dabei. Trotzdem hat sich Qahiri dazu entschlossen, immer wieder mit Journalistinnen und Journalisten zu sprechen. Auch wenn das für ihn bedeutet: Er kann voraussichtlich nie mehr nach Xinjiang reisen und wird seine Familie wohl nicht mehr wiedersehen.

Chinesische Botschaften wiegeln ab

Die chinesische Regierung ließ Anfragen des ICIJ zu den China-Cables-Dokumenten unbeantwortet. Die chinesische Botschaft in Berlin verwies auf Anfrage auf bereits öffentliche Stellungnahmen zur Situation in Xinjiang und zum Thema Terrorismusbekämpfung. Die Botschaft in London betonte erneut: "Schüler" könnten die Lager jederzeit verlassen.

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NDR Info | Das Forum | 25.11.2019 | 20:30 Uhr

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