CD-Cover Jan Lisiecki: Chopin - Complete Nocturnes © Deutsche Grammophon

CD der Woche: Jan Lisiecki spielt die Nocturnes von Chopin

Stand: 22.08.2021 15:20 Uhr

Beim Schleswig-Holstein Musik Festival wurde Jan Lisiecki vom Publikum gefeiert. Jetzt ist ein neues Doppelalbum erschienen, auf dem der junge Pianist sämtliche Nocturnes von Chopin spielt.

CD-Cover Jan Lisiecki: Chopin - Complete Nocturnes © Deutsche Grammophon
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von Marcus Stäbler

Auf leisen Sohlen schleicht sich die Musik ins Ohr. Sie zögert kurz, hält inne und macht noch einen Schlenker, bevor es weiter geht. Man braucht schon einen besonders zarten Anschlag und ein Gespür für das richtige Timing, um den Zauber dieser Töne zu entschlüsseln. Bei Jan Lisiecki liegen sie genau in den richtigen Händen. Das demonstriert der junge kanadische Pianist mit polnischen Wurzeln auf dem neuen Album eindrucksvoll.

Chopins Nocturnes: unterschiedliche Farben der Melancholie

In seinen Werken mit dem Titel "Nocturnes" - auf Deutsch etwa "Nachtstücke" - erkundet Frédéric Chopin unterschiedliche Farben der Melancholie, verbunden mit einer großen Liebe zum Gesang. Chopin war ein Fan des Belcanto, er hat schon als Kind für die Oper geschwärmt und formt in seinen Nocturnes intime Szenen.

Lisiecki ist ein Meister der Nuance. Er fängt die verhangene Stimmung der Stücke sehr schön ein und spürt den feinen Farbwechseln nach, etwa wenn er zwischendrin ein kleines bisschen Licht ins Dunkel lässt. Zugleich gibt er den Melodien, meist in der rechten Hand, genug Raum, um sich zu entfalten, um zu atmen, wie es eine Sängerin oder ein Sänger auch tun würde.

Jan Lisiecki hält sein Publikum bei der Stange

Indem er die Facetten der Charaktere sensibel nachzeichnet, gelingt es dem Pianisten, sein Publikum auch über längere Zeit bei der Stange zu halten. Obwohl das CD-Programm mit sämtlichen Nocturnes eine Spieldauer von rund zwei Stunden umfasst und selten seinen gedeckten Grundton verlässt. Nur vereinzelt bricht die Musik aus.

Auch in solchen Momenten verliert Lisiecki nie die Kontrolle, er hat jeden Ton, jedes noch so kleine Detail im Griff. Dadurch mag seine Aufnahme - während des Lockdowns entstanden - hier und da vielleicht etwas abgezirkelt wirken. Auch beim wohl bekanntesten Stück der Sammlung, der Nocturne op. 9 Nr. 2 in Es-Dur, die er ungewohnt langsam spielt.

Doppelalbum offenbart pianistische Meisterschaft

Die Melodie steht nicht auf der Stelle, Lisiecki trägt sie auch in diesem Tempo und bringt den Flügel zum Singen. Aber die Interpretation klingt ein bisschen ausgetüftelt und fließt nicht ganz so natürlich wie bei den meisten anderen Stücken. Das bleibt einer der ganz wenigen Einwände. Insgesamt gelingt dem 26-jährigen Musiker hier ein sehr filigranes und faszinierendes Album, in dem er seine pianistische Meisterschaft und eine ganz eigene Handschrift offenbart.

Frédéric Chopin - Complete Nocturnes

Label:
Deutsche Grammophon
Veröffentlichungsdatum:
13. August 2021

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue CDs | 22.08.2021 | 15:20 Uhr

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