Stand: 27.12.2011 10:18 Uhr  | Archiv

Werner Otto: Von der "Schuh-Gurke" zum Versandhandel

von Moira Lenz
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Werner Otto im Jahr 2002: Als Jugendlicher träumte er davon, Schriftsteller zu werden. Später schrieb er ein Buch über sein Unternehmen.

Otto - das Palindrom funktioniert fast als Gattungsname für Versandhandel. Denn Otto lautet der Nachname seines Gründers: Der Hamburger Kaufmann Prof. Dr. h.c. Werner Otto wird am 13. August 1909 in Seelow (Mark Brandenburg) geboren. Eine Zeit lang träumt der Jugendliche davon, Schriftsteller zu werden, seine Vorbilder sind die französischen Literaten Honoré de Balzac und Gustave Flaubert. Doch nach dem Zusammenbruch des elterlichen Geschäfts verlässt er mit 17 Jahren vorzeitig das Gymnasium - die Familie kann sich das Schulgeld nicht mehr leisten. Stattdessen absolviert er eine kaufmännische Lehre, macht sich in Stettin mit einem Einzelhandelsgeschäft selbstständig. Weil er Flugblätter für den linken Nationalisten Otto Strasser schmuggelt, sitzt Werner Otto zwei Jahre im Gefängnis der Berliner Haftanstalt Plötzensee.

Von der Tasche zum Schuh

Danach eröffnet er nahe dem Alexanderplatz einen Zigarrenladen. Das Kriegsende erlebt er als Obergefreiter mit einer Kopfverletzung in einem Wehrmachtslazarett. 1948 kommt Werner Otto als Flüchtling nach Hamburg - mit zwei Aktentaschen. Die beiden Leder-Taschen sind das Startkapital - Otto eröffnet eine Schuhfabrik. "Ich verstand nichts von Schuhen und hatte noch nie eine Schuhfabrik gesehen", erzählt der Kaufmann später in seinem Buch "Die Otto-Gruppe". Dass er überhaupt in dem Geschäft anfängt, liegt daran, dass ihm ein Bekannter zuvor erzählt hatte, es gebe im Norden zwar eine Lederproduktion, aber keine Schuhe - also macht er sich ans Werk: "Die Schuhe waren schlecht, wir nannten sie Gurken. Sie wurden uns trotzdem aus den Händen gerissen."

Stillstand ist ein Fremdwort

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Werner Otto mit Helmut Schmidt im Thalia Theater Hamburg 1999. "Der Mann kann einfach nicht stillsitzen", sagte der Altkanzler einmal über ihn.

Am 17. August 1949 gründet er die Firma "Otto", wenig später erscheint sein erster Katalog: 14 Seiten in einer Auflage von 300 Stück. "Wir klebten auf jede Seite zwei Fotos", der Preis wurde "von Hand daneben geschrieben", erinnert er sich. Otto wird zum größten Versandhandel der Welt: 11,4 Milliarden Euro setzt das Hamburger Unternehmen im Geschäftsjahr 2010/2011 um.

Der Otto-Versand führt als erster Sammelbestellungen ein, verkauft auf Rechnung und nimmt Bestellungen per Telefon an. Die Hamburger sind nicht die billigsten, halten aber die Qualität hoch. Um seine Ware transportieren zu können, gründet Werner Otto Anfang der 70er-Jahre den Hermes-Versand, der die Bestellungen bis in die letzten Dörfer bringt.

Auch in anderen Geschäftsfeldern ist Otto erfolgreich. So entwickelt sich die ECE Projektmanagement GmbH Co. KG, die Ende der 60er-Jahre entsteht - zu einem der wichtigsten Bauträger von Shopping-Centern in Europa. Außerdem investiert das Unternehmen in große Bürohäuser und Logistikzentren - nach eigener Aussage stets mit dem Ziel, die Innenstädte zu beleben und einen Beitrag zur behutsamen Stadterneuerung zu leisten. Seit 2001 führt Werner Ottos Sohn Alexander den Immobilienkonzern ECE.

Eifriger Mäzen

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Mäzen Werner Otto im Juni 2003 vor Schloss "Belvedere", dessen Sanierung er mit einem Millionenbetrag unterstützte.

"Der Mann kann einfach nicht still sitzen", sagte Altbundeskanzler Helmut Schmidt einmal über Werner Otto. Denn Otto engagiert sich von jeher auch sozial, fördert die medizinische Forschung, Naturschutz, Kunst und Kultur. "Der Forschung dienen, dem Menschen helfen" - unter diesem Motto gründet er 1969 die "Werner Otto Stiftung". Ein wichtiges Projekt ist das wissenschaftliche Behandlungszentrum für Krebskrankheiten bei Kindern in Hamburg-Eppendorf. Der amerikanischen Harvard Universität stiftet Otto ein Museum für die Werke deutscher Expressionisten. Die Sanierung der Aussichtshalle in Schloss "Belvedere" fördert der Unternehmer mit 6,5 Millionen Euro. Und auch den Umbau des Hamburger Jungfernstiegs unterstützt er mit einer Spende von fünf Millionen Euro. Für sein Engagement erhält Werner Otto zweimal das Bundesverdienstkreuz.

Dem Prinzip gelebter gesellschaftlicher Verantwortung folgt auch sein Sohn Michael, der seit 1981 das Unternehmen führt: "Ich habe meinem Vater eine Spende von fünf Millionen Euro für den Bau einer neuen Kinderklinik am Universitätskrankenhaus Eppendorf hier in Hamburg gewidmet. Wenn man Glück und Erfolg hat, dann soll man der Gesellschaft auch etwas zurückgeben. Ich weiß, dass dieses Geschenk auch dem Lebensmotto meines Vaters voll und ganz entspricht", erzählt er im Interview mit der "Bild"-Zeitung.

Nicht so viel Aufheben

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In dritter Ehe war Werner Otto mit Maren verheiratet, die beiden haben zwei Kinder.

"Bescheiden bin ich gar nicht, aber ich mache eben nicht so einen Rummel wie die anderen", so beschrieb sich Werner Otto einmal. Diese anderen machten Rummel um den Versandhausgründer, fünffachen Vater und Mäzen: So wurde der Mops-Besitzer, der von 1999 an mit seiner dritten Ehefrau Maren in Berlin lebte, am 11. August 2009 - zwei Tage vor seinem 100. Geburtstag - zum Ehrenbürger der Stadt ernannt. In seiner Laudatio bezeichnete Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit ihn als einen "der großen deutschen Wirtschaftspioniere" und als "außergewöhnliche Figur der Zeitgeschichte".

Werner Otto stirbt im Alter von 102 Jahren am 21. Dezember 2011 in Berlin im Kreise seiner Familie.

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 27.12.2011 | 19:30 Uhr

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