Stand: 15.08.2019 17:45 Uhr  | Archiv

Otto - Hamburger Traditionsunternehmen im Wandel

Die letzte Ausgabe des Otto-Katalogs. © OTTO Group
Das letzte Cover: Knapp 70 Jahre nach Firmengründung trennte sich Otto von seinem Katalog.

Er geht in die Geschichte ein: der Otto-Katalog Frühjahr/Sommer 2019. Das Unternehmen verabschiedete sich mit der letzten Ausgabe von dem gedruckten Katalog in Millionenauflage, mit mehr als 100.000 Artikeln auf rund 650 Seiten. Badenixen, Sakkoträgern und Stars wie Cindy Crawford hatten jahrzehntelang die Cover geziert. 

Als das Hamburger Unternehmen die Einstellung des beliebten, aber pfundschweren Wälzers ankündigte, geschah dies nicht aus finanziellen Gründen, sondern weil der Versandhändler weiterhin Trendsetter sein wollte - allerdings online. Denn längst war klar: Die Kunden greifen immer seltener zum Katalog, 97 Prozent bestellen über das Internet.

Digital vorne mit dabei

Mittlerweile präsentiert Otto im Internet etwa drei Millionen Artikel und erzielt weltweit eigenen Aussagen zufolge rund die Hälfte des Umsatzes durch E-Commerce. Die diversen Einkaufsplattformen werden unter dem Namen "Multichannel-Einzelhandel" zusammengefasst. Jahrelang war der Konzern weltweit die Nummer eins auf dem Versandmarkt. Mittlerweile ist der US-Internetriese Amazon aber an den Hamburgern vorbeigezogen.

Otto ist riesengroß - weltweit zählen gut 50.000 Mitarbeiter zur Konzerngruppe. Sie ist in die drei Bereiche Einzelhandel, Finanzdienstleistungen und Service aufgeteilt mit mehr als 120 zugehörigen Firmen.

Ab 1991 konnten die Kunden sieben Tage die Woche rund um die Uhr bei Otto bestellen. 1995 kam der Internetauftritt mit otto.de dazu. Das Unternehmen überlebte alle anderen traditionellen Versandhändler. Im November 2012 erwarb Otto die Rechte an der Marke neckermann.de, inklusive der mehr als sieben Millionen Kundendaten. Trotzdem spürt Otto immer stärker die Herausforderung durch Amazon, Zalando und andere reine Online-Händler.

Am Anfang standen 28 Paar Schuhe

Als Otto am 17. August 1949 gegründet wurde, standen die Zeichen noch nicht auf Weltkonzern: 6.000 D-Mark Startkapital und vier Mitarbeiter hatte der in Brandenburg geborene Kriegsflüchtling Werner Otto bei seinem Einstieg ins Versandgeschäft. Und auch der erste Otto-Katalog hatte mit dem letzten Einkaufswälzer von 2019 kaum etwas gemein: 16 Seiten, 300 Exemplare, 28 Paar Schuhe, die Bilder einzeln eingeklebt.

Zwei Dinge machte Otto anders als die Konkurrenz: Die Hamburger lieferten gegen Rechnung und setzten eher auf Qualität als auf niedrige Preise. Das Konzept ging auf. Bereits 1953 setzte das Versandhaus fünf Millionen Mark um, 1955 waren es 28 Millionen.

Michael Otto © Otto
Von 1981 bis 2007 war Michael Otto Chef des Hamburger Konzerns.

1966 trat Werner Otto als Vorstandsvorsitzender zurück und wechselte an die Spitze des Aufsichtsrates. Günter Nawrath, zuvor Finanzvorstand beim Kasseler Maschinenbauer Henschel, übernahm für 15 Jahre das Firmenruder. 1981 wurde Werner Ottos Sohn Michael neuer Konzernchef, Nawrath nahm auf dem Stuhl des Aufsichtsratsvorsitzenden Platz. Nach 26 Jahren im Vorstandsvorsitz gab Michael Otto im Oktober 2007 seinen Posten auf und löste die Führung des Aufsichtsrates ab. Neuer Vorsitzender des Vorstands wurde Hans-Otto Schrader, der schon viele Jahre Mitglied der Geschäftsleitung war. Zehn Jahre später übernahm Alexander Birken, der zuvor den Multichannel-Distanzhandel verantwortete, den Vorstandsvorsitz der Otto Group. Gründer Werner Otto starb im Dezember 2011 im Alter von 102 Jahren.

Töchter in aller Herren Länder

Bereits Mitte der 70er-Jahre gingen die Hamburger weltweit auf Expansionskurs, kauften Unternehmen oder gründeten neue. Kooperationspartner oder Tochterunternehmen der Otto Gruppe sitzen heute unter anderem in Japan, Saudi-Arabien und Russland. Auch in Deutschland ist die Otto-Gruppe mehr als das Versandhaus aus Hamburg-Bramfeld: die Versandhäuser Baur und Schwab, Filialist SportScheck, Quelle, Heine und shopping24 - alles Otto. Das Firmengeflecht des Weltkonzerns ist dicht und wirkt verwirrend.

Aus dem 1972 gegründeten hauseigenen Paket-Lieferanten Hermes ist mittlerweile eine eigene Logistik-Gruppe geworden, die vom Brief bis zur Hantelbank nahezu alles liefert.

Otto mag Milliardenumsätze machen und ein globales Firmennetz haben - trotzdem gehört das Unternehmen 70 Jahre nach seiner Gründung keiner Großbank oder Ölscheichs aus Kuwait, sondern nach wie vor den Ottos.

Weitere Informationen
Otto-Katalog 1952 © NDR/doc.station GmbH/Otto-Group

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 17.08.2019 | 10:00 Uhr

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