Stand: 28.04.2008 17:21 Uhr  | Archiv

Ein Radreifen führt zur Katastrophe

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Die Rettungs- und Bergungsarbeiten an der Unfallstelle dauern eine Woche.

Beim folgenschwersten Zugunglück in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland kommen am 3. Juni 1998 nahe des niedersächsischen Ortes Eschede 101 Menschen ums Leben, mehr als 100 werden verletzt. Die Katastrophe und die Rettungsarbeiten in der Chronologie.

3. Juni 1998, 5.47 Uhr
Der Intercityexpress 844 "Wilhelm Conrad Röntgen" startet in München. Sein Ziel: Hamburg. In der Hansestadt soll er um 12 Uhr eintreffen.

3. Juni 1998, 10.33 Uhr
Der ICE verlässt den Hauptbahnhof in Hannover. In zwölf Waggons hat er fast 300 Fahrgäste an Bord. Unter den Reisenden sind auch viele Kinder.

3. Juni 1998, 10.56 Uhr
Mit knapp 200 Stundenkilometern rast der Zug über die Gleise durch die Lüneburger Heide, noch sechs Kilometer bis Eschede. Ein lauter metallener Schlag schreckt die Fahrgäste im ersten Waggon auf: Ein Stück des Fußbodens unter zwei Sitzen hat sich ruckartig aufgewölbt. Erst später wird sich herausstellen, was genau passiert ist: Ein Radreifen war gebrochen, das Metallstück hatte sich explosionsartig geöffnet, aufgebogen und im Radkasten verkeilt. Ein junger Mann spricht den Schaffner an und bittet ihn, mit nach vorne zu kommen. "Was ist denn los?" fragt der Schaffner. "Ich zeig es Ihnen", sagt der Mann. Während sie auf dem Weg in Wagen 1 sind, fährt der Zug erst mal ruhig weiter, das Rad ohne Reifen rollt nur noch auf der Radscheibe.

3. Juni 1998, 10.59 Uhr
Kurz vor Eschede bleibt das herunterhängende Stück des im Wagenboden steckenden Radreifens an einer Weiche hängen und reißt sie hoch. Teile der Weiche krachen gegen den Waggonboden und heben den ganzen Wagen aus den Schienen. Die entgleisten Räder schlagen gegen eine zweite Weiche und stellen sie um, sodass die hinteren Räder von Waggon 3 auf ein Nebengleis geleitet werden und entgleisen. Der hintere Zugteil schert nach rechts aus, zwischen dem dritten und vierten Wagen bricht die Kupplung. Der dritte Wagen kracht gegen einen Pfeiler der Rebberlaher Brücke. Der vierte Wagen unterquert die Brücke noch, bevor das tonnenschwere Beton-Bauwerk zusammenbricht, und stürzt eine Böschung hinunter. Die herabstürzenden Brückenteile begraben die Hälfte von Wagen 5 unter sich. Alle nachfolgenden Waggons werden wie ein Zollstock ineinander geschoben und zerschellen durch die Wucht des Aufpralls an den Trümmern der Brücke.

Die Katastrophe von Eschede

Nahezu unbeschädigt bleiben nur der vordere Triebkopf des Zuges und die ersten beiden Waggons. Der Lokführer im Führerstand hatte nur einen Ruck verspürt, der vordere Triebkopf kommt nach einer Zwangsbremsung rund zwei Kilometer hinter der Unglücksstelle zum Stehen. Erst vom Fahrdienstleiter aus dem Bahnhof Eschede erfährt der Lokführer über Funk, was passiert ist: "Du bist hier allein vorbeigefahren. Du bist entgleist."

3. Juni 1998, 11.03 Uhr
Nach ersten Notrufen heulen Sirenen los. Erschrockene Anwohner aus Eschede laufen zum Unglücksort und versuchen, Verletzte aus dem Zug zu ziehen. Die ersten Krankenwagen treffen ein.

3. Juni 1998, 11.07 Uhr
In Eschede wird Großalarm ausgelöst. Der Einsatzleiter fordert Bundeswehr, Technisches Hilfswerk und weitere Feuerwehren zur Unterstützung an. Die Lagerhalle eines Unternehmens in Nähe des Bahndamms wird zum Notlager umfunktioniert.

3. Juni 1998, 11.30 Uhr
Radiostationen unterbrechen ihr Programm und berichten von einem schweren Zugunglück. Um zu den eingeschlossenen Verletzten zu gelangen, müssen sich die Rettungskräfte durch Berge von Trümmern arbeiten. Zudem haben sie Schwierigkeiten, sich Zutritt zu den Waggons zu verschaffen.

3. Juni 1998, 12.05 Uhr
Ein Hubschrauber startet mit einem Schwerverletzten. In den folgenden Stunden werden die Verletzten in Kliniken im gesamten norddeutschen Raum gebracht. Über 1.000 Helfer sind auf dem Weg zur Unglücksstelle.

3. Juni 1998, 12.30 Uhr
Der Oberkreisdirektor des Landkreises Celle ruft vor Ort den Katastrophenfall aus. Aus den Trümmern der zerstörten Waggons werden die ersten Toten geborgen.

3. Juni 1998, 13.45 Uhr
Ein Verletzter wird mit dem Hubschrauber zu einem Krankenhaus geflogen. Es ist der letzte Überlebende. Danach werden nur noch Tote geborgen.

3. Juni 1998, 15.30 Uhr
Die Zahl der Toten steigt und steigt. Um allen Verletzten in den Krankenhäusern helfen zu können, rufen Hilfsdienste Freiwillige zum Blutspenden auf. Bundespräsident Roman Herzog spricht den Angehörigen sein Beileid aus.

3. Juni 1998, 16.10 Uhr
Untersuchungen zur Unglücksursache beginnen.

3. Juni 1998, 18.23 Uhr
Zwei angeforderte Schwerlastkräne erreichen den Unglücksort.

4. Juni 1998, 6.42 Uhr
Der Rettungseinsatz ist beendet. Die Kräne beginnen damit, die ICE-Trümmerteile zu heben. Die Bergungsarbeiten dauern noch eine ganze Woche. Danach werden die genauen Zahlen veröffentlicht: 96 Tote wurden insgesamt am Unglücksort geborgen, fünf Menschen starben an den Folgen ihrer schweren Verletzungen in Krankenhäusern.

Dieses Thema im Programm:

NDR//Aktuell | 30.05.2008 | 15:00 Uhr

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