VIDEO: Das Zugunglück von Eschede (44 Min)

Augenzeuge: "Horror in gleißender Sonne"

Stand: 19.05.2008 14:54 Uhr

Sebastian Theby ist am 3. Juni 1998 als Zivildienstleistender aus Celle an der Unfallstelle des ICE-Unglücks in Eschede. Der damalige Mitarbeiter des NDR hat sich 2008 anlässlich des zehnten Jahrestages der Katastrophe an die Geschehnisse vor Ort erinnert.

von Sebastian Theby

Essen auf Rädern, "Tour 3". Alles beginnt wie immer an diesem 3. Juni 1998: Losfahren morgens um 7 Uhr, fertig gegen 13 Uhr, danach Feierabend. Als Zivildienstleistender bei den Johannitern in Celle ist das Ausliefern von Mittagessen an diesem Tag meine eigentliche Aufgabe. Doch es sollte alles ganz anders kommen.

Weitere Informationen
Die Unglücksstelle der ICE-Katastrophe bei Eschede am 3. Juni 1998 aus der Vogelperspektive. © picture alliance/Ingo Wagner/dpa Foto: Ingo Wagner

ICE-Unglück in Eschede: Eine Katastrophe und ihre Folgen

101 Menschen sterben 1998 beim ICE-Unfall in Eschede. Die Rekonstruktion des Unglücks - und was die Verantwortlichen heute sagen. mehr

"Es gab einen Unfall!"

Ich komme bei herrlichem Wetter und strahlendem Sonnenschein gerade aus der Wohnung einer alten Frau und bin im Begriff, mich wieder ins Auto zu setzen und meine Tour fortzusetzen, als plötzlich ein Zivi-Kollege auftaucht, der frei hat. "Hey, weißt du schon, was passiert ist?", fragt er. "Ähm... nein", antworte ich. "Es gab einen Unfall!" - "Flugzeug?" - "Nee, ein Zug, bei Eschede, kam eben im Radio". Ich vermute, dass lediglich ein Güterzug entgleist und die Meldung nur deshalb im Radio gelaufen ist, weil das Nachrichten-"Sommerloch" in der Südheide immer besonders stark zu spüren ist. Doch gleichzeitig schwant mir Übles. Zu diesem Zeitpunkt in erster Linie aus egoistischen Gründen: Mir steht der Sinn nicht gerade nach Überstunden. Wie wenig angemessen diese Gedanken sind, solle mir später klar werden.

Helle Aufregung in der Zentrale

Zurück in der Johanniter-Zentrale stelle ich fest, dass alle in heller Aufregung sind. Bei dem entgleisten Zug handelt es sich nicht um einen Güter-, sondern einen Personenzug. Die tatsächlichen Ausmaße des Unglückes sind aber nach wie vor unklar. Viele Kollegen sind bereits vor Ort - das Unglück hatte sich gegen 11 Uhr zugetragen, jetzt ist es 13 Uhr. Auch ich werde mit zwei Kollegen zur Unfallstelle geschickt. Unsere Aufgabe ist simpel: den Transporter mit Mineralwasser beladen und es vor Ort an Hilfskräfte verteilen.

Eschede liegt etwa 20 Kilometer von Celle entfernt. Normalerweise dauert die Fahrt mit dem Auto ungefähr eine halbe Stunde - nicht aber an diesem Tag. Unser Fahrer gibt Gas. Ohnehin viel zu schnell unterwegs, werden wir noch von einem Krankenwagen mit Blaulicht und Martinshorn überholt, an den wir uns dranhängen. Ausnahmezustand auf der Landstraße und im Ort: Rote Ampeln und der restliche Verkehr sind für uns nicht relevant.

"Lass' das nicht die Leichen sein!"

3. Juni 1998: Zugunglück bei Eschede © dpa Foto: Holger Hollemann
Die Brücke nach Rebberlah hat dem Aufprall nicht standgehalten.

In Eschede angekommen fahren wir auf der Dorfstraße geradeaus, dann nach links. Richtung Rebberlah, Richtung Brücke, Richtung Unheil. Ungefähr 100 Meter vor der Brücke halten wir, näher kommen wir mit unserem Fahrzeug nicht an die Unglücksstelle heran. Da wir nicht wissen, wo genau wir gebraucht werden, marschieren wir zur Brücke, um uns genauere Instruktionen zu holen. Viele Menschen hetzen um uns herum, es herrscht großes Durcheinander. Plötzlich stößt unser Fahrer gepresst hervor: "Oh Gott, lass' das nicht die Leichen sein!" Es sind Leichen: in einer Reihe auf den Asphalt der rechten Fahrbahnseite gelegt, nur vereinzelt mit bereits durchgebluteten Tüchern abgedeckt. Leblose Körper. Männer, Frauen, Kinder. Die Reihe ist lang - blanker Horror in der gleißenden Sonne.

"Das Gleisbett ist mit Trümmerteilen bedeckt"

Wir werden auf die andere Seite der Gleise geschickt. Also zurück zum Transporter und wieder auf die Dorfstraße. Das Chaos umfahren wir über einen etwas weiter nördlich gelegenen Bahnübergang. Am Bahnhof von Eschede prangt ein Plakat mit der Aufschrift: "Es bahnt sich was an in Eschede". In dieser Situation eine makabere Anmutung. Auf dem kurzen Weg nach Süden in Richtung Brücke sehen wir drei Waggons, die halb auf den Schienen und halb im Schotter stehen. Von dem dritten ist nur noch eine Hälfte übrig. Ein vierter Waggon liegt ein paar Meter weiter südlich zwischen Bäumen, dann folgt die zweite Hälfte des dritten Waggons. Das Gleisbett ist mit Trümmerteilen bedeckt. Wir parken unseren Transporter auf dem Feld neben der Bahnstrecke, etwa an der Stelle, wo sich heute die Gedenkstätte befindet.

Verzweifelt wirkende Helfer auf einem riesigen Schrottberg

Teile der zusammengestürzten Brücke bei Eschede haben am 3. Juni 1998 zwei Zug-Waggons des ICE unter sich begraben. © dpa Foto: Holger Hollemann
Der ehemals rund 230 Meter lange Zug wurde zu einem einzigen Schrottberg zusammengepresst.

Zurück auf Höhe der Brücke offenbart sich das Ausmaß des Unglückes in seiner gesamten grauenvollen Tragweite. Zwei Drittel des Zuges liegen grotesk zusammengefaltet am östlichen Brückenkopf. Unfassbar, wie wenig vom dem ehemals rund 230 Meter langen Metallkoloss durch den Aufprall und die eingestürzte Brücke übrig geblieben ist. Auf dem gigantischen Schrottberg sehen wir verzweifelt wirkende Helfer. Drumherum stehen vereinzelt olivgrüne Zelte der Hilfsorganisationen. Als ein Mann aus einem herauskommt, kann ich einen kurzen Blick ins Innere des Zeltes werfen. Links und rechts Feldbetten aufgereiht bis an die hintere Wand, doch von den Menschen, die dort liegen, kommt kein Laut. Zu diesem Zeitpunkt sind die Verletzten schon abtransportiert worden.

Videos
Die Unglücksstelle der ICE-Katastrophe bei Eschede aus der Vogelperspektive © dpa Foto: Ingo Wagner
5 Min

Das Unglück von Eschede

Ein kleiner Ort, eine große Tragödie. Am 3. Juni entgleist der ICE 884 bei Eschede. 5 Min

Unser Auftrag - das Verteilen von Wasser an die Helfer - stellt sich als gut gemeint, aber überflüssig heraus. Als wir kommen, gibt es zum einen bereits ausreichend Wasser. Zum anderen sind die Helfer so sehr im Stress, dass sie nicht ans Trinken denken. So bleibt meine Rolle beim schwersten Zugunglück in der Geschichte der deutschen Eisenbahn größtenteils auf die des Beobachters beschränkt. Die Eindrücke dieses Tages sind auch nach Jahren noch sehr bedrückend.

Weitere Informationen
Mitarbeiter eines Räumtrupps bergen am 5. Juni 1998 das Fahrgestell eines zerstörten Waggons des Unglücks-ICE in Eschede. © dpa - Fotoreport Foto: Andreas Altwein

Wie ein Radreifen zur Katastrophe führte

Ein gebrochener Radreifen lässt den ICE "Wilhelm Conrad Röntgen" 1998 entgleisen. Die Chronologie einer Katastrophe. mehr

Der gebrochene Radreifen des Unglückszuges von Eschede neben einem 1:1-Modell eines ICE-Radreifens im Gerichtssaal in Celle © dpa - fotoreport Foto: Ingo Wagner

Das Unglücksrad von Eschede

In den 90ern will die Bahn den Komfort für Fahrgäste mit Gummi-gefederten Reifen verbessern. Das führt 1998 in die Katastrophe. mehr

Die Gerichtszeichnung von Rainer Osswald gibt einen Eindruck vom ersten Verhandlungstag im Prozess um das ICE-Unglück von Eschede am 28. August 2002 im zum Gerichtssaal umfunktionierten Kreistagssaal von Celle. Das Bild zeigt zwei der Angeklagten mit ihren Anwälten. © dpa - Fotoreport Foto: Rainer Osswald

Ein Prozess ohne Urteil

Vier Jahre nach dem ICE-Unglück bei Eschede beginnt der Prozess gegen drei Ingenieure. Doch das Verfahren wird eingestellt. mehr

Dieses Thema im Programm:

Die Narbe | 21.10.2020 | 21:00 Uhr

Mehr Geschichte

Der Hundertwassser-Bahnhof in Uelzen von außen. © dpa-Bildfunk Foto: Peter Steffen

Bunt und heiter: 20 Jahre Hundertwassser-Bahnhof Uelzen

Goldene Kugeln, bunte Säulen und Mosaiken: Der Wiener Künstler gestaltete den alten Bahnhof in Uelzen zur Expo 2000 um. mehr

Die Hamburger Volksschauspielerin Helga Feddersen. © picture alliance/United Archives Foto: Schweigmann

Helga Feddersen: Großes Herz und große Klappe

Vielen ist sie als "Ulknudel" in Erinnerung, doch sie war weit mehr als das. Vor 30 Jahren ist die Schauspielerin gestorben. mehr

Hirnstammproben eines Rindes für die BSE-Untersuchung in einem Labor © picture-alliance/ ZB Foto: Patrick Pleul

BSE-Krise: Rinderseuche erreicht vor 20 Jahren Deutschland

Am 24. November 2000 wird der Erreger in Schleswig-Holstein nachgewiesen. Die Krankheit kann sich auch auf den Menschen übertragen. mehr

Aus der Fassung gebracht von den bohrenden Fragen des Hauptkommissars Trimmel (Walter Richter, rechts), greift Erich Landsberger (Paul Albert Krumm) zur Pistole. © NDR/Scharlau

50 Jahre Tatort: Die erste Folge kam aus Hamburg

Am 29. November kam die erste Folge "Taxi nach Leipzig" mit Kommissar Trimmel. Wie viel Hamburg steckt in der Kultserie? mehr

Norddeutsche Geschichte