Stand: 10.06.2016 05:00 Uhr  | Archiv

Viele Mythen ranken sich um Rungholt

Mythen, Traditionen und Legenden: Die schleswig-holsteinische Geschichte bietet viel davon. Am Sonnabend wollen Historiker in Rendsburg den Besuchern die Mythen des nördlichsten Bundeslandes näherbringen - und ihnen auf den Grund gehen. Wir stellen in einer fünfteiligen Serie einige von ihnen vor. Im letzten Teil geht es um die Legenden, die sich um den untergegangenen nordfriesischen Ort Rungholt ranken.

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Der Dichter Detlev von Liliencron ließ sich von der Sage um Rungholt inspirieren.

"Heut' bin ich über Rungholt gefahren", reimte Detlev von Liliencron 1882. Mit seinem Gedicht "Trutz, Blanke Hans" erreichte die Legende um Rungholt ihren Höhepunkt. Rungholt hat es gegeben, es ist bei der großen Mandränke 1362 untergegangen. Was da im Watt versunken war, wurde in den Jahrhunderten danach immer größer und prächtiger. Der Höhepunkt war dann mit Liliencrons Gedicht erreicht, der sich von dieser Sage inspirieren ließ.

Rungholt ist reich und wird immer reicher,
kein Korn mehr fasst selbst der größte Speicher.
Wie zur Blütezeit im alten Rom.
Staut hier alltäglich der Menschenstrom.
Die Sänften tragen Syrer und Mohren.
Mit Goldblech und Flitter in Nasen und Ohren. ("Trutz, Blanke Hans" von Detlev von Liliencron)

Wie Legenden entstehen

Liliencron war ein Nachzügler. Schon im 16. Jahrhundert waren Geschichte und vor allem Sagen von - so Rungholt-Experte Albert Panten - "literaturliebenden Geistlichen" in die Welt gesetzt worden. Ihre Geschichten vom Untergang des angeblich lasterhaften Ortes datieren nicht nur falsch, sie verlegen auch viele europäische Legenden aus dieser Zeit eben nach Rungholt. Um die vermeintliche Dekadenz der Rungholter zu illustrieren, wird ihnen die Geschichte untergeschoben, sie hätten einen Geistlichen einem betrunkenen Schwein die Sterbesakramente spenden lassen. Die Sage ist auf 1532 zu datieren - also lange nach dem Ende des Ortes.

Ein Bauer findet Rungholt

Viele Jahrhunderte war Rungholt ein Sagenort. Es gab nur vage, schriftliche Hinweise. Und: Es wurden bis dahin noch keine Reste Rungholts gefunden. Das änderte sich 1921. Der Nordstrander Landwirt Andreas Busch hatte von Wasserwerkern einen Tipp bekommen. Zusammen mit einem Journalisten aus Husum wanderte er bei Ebbe ins Watt zwischen der Insel Nordstrand und der der Hallig Südfall. Da hatte bis 1362 die große Insel Strand gelegen. Von ihr blieben Pellworm und Nordstrand und die Halligen im Umfeld. Busch entdeckte Brunnenreste, Furchen von Äckern, Keramik, bearbeitetes Holz. Rungholt hat existiert. Bis heute wird es erforscht. Archäologie im Wattenmeer ist spannend und schwer. Mit jeder Tide ändert sich alles. Was gefunden wird, muss sofort dokumentiert und geborgen werden. Zwölf Stunden später kann alles wieder unter Sand und Schlick verschwunden sein.

Ein reicher Küstenort

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Viele Mythen ranken um das nordfriesische Rungholt. Sogar die Gelehrten streiten.

Dank Busch und seinen Nachfolgern wissen wir heute einiges über Rungholt. Es war mit bis zu 1.500 Einwohner für die damalige Zeit ein großer Ort - aber nicht mehr. Das Baumaterial waren nicht Stein und Marmor, sondern vor allem Soden und Holz. Außerdem wurden nicht Goldblech und Flitter, sondern importierte Keramik gesichert. Vor allem die Holzfunde aus denen sich zwei Schleusen rekonstruieren lassen, weisen darauf hin, dass der Ort rege am Küstenhandel teilgenommen hat. Das war in den Marschorten entlang der Westküste normal. Allerdings waren die Rungholter Schleusen für relativ große Schiffe ausgelegt. Das weist wieder darauf hin, dass es sich um einen wohlhabenden Ort gehandelt haben muss.

Die Faszination der Legende

In den vergangenen Jahren ist das Interesse an der Rungholt-Archäologie spürbar gestiegen. Das Sagenhafte, das Legendäre steigert dabei das Interesse. Rungholt ist im deutschen Sprachraum ein Begriff, der bei den meisten Menschen Reaktionen und Emotionen weckt. Mythos und Wissen über Rungholt werden beim ersten Tag der Geschichte Schleswig-Holsteins von Albert Panten am 11. Juni im Hohen Arsenal in Rendsburg gegenübergestellt. Auch das Nordseemuseum in Husum widmet seine große Sommerausstellung in diesem Jahr Rungholt. Dort ist zusammengetragen, was das Watt bisher freigegeben hat. Und natürlich wird auch an die Legenden erinnert: "Heut' bin ich über Rungholt gefahren ...."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Von Binnenland und Waterkant | 10.06.2016 | 20:10 Uhr

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