ZAPP Autor Daniel Bouhs © Christian Spielmann Foto: Christian Spielmann

Held oder Halunke? Die gesellschaftliche Rolle des Whistleblowers

Stand: 26.06.2021 13:05 Uhr

Julian Assange und Edward Snowden sind die berühmtesten Whistleblower der jüngeren Vergangenheit. Medien sind oft darauf angewiesen, dass Insider ihr Wissen preisgeben, um Missstände aufzudecken - aber nicht alle Whistleblower haben immer nur edle Motive.

Ein Mädchen flüstert einem anderen etwas ins Ohr. © photocase.de Foto: wagg66
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von Daniel Bouhs

Keine Frage: WikiLeaks hatte einen Effekt. Weltweit schockierte das Video, das WikiLeaks unter dem Titel "Collateral Murder" in Umlauf brachte. Es zeigt, wie US-Soldaten von Kampfhubschraubern in Bagdad aus auf Zivilisten schossen und dabei zynische Kommentare von sich gaben. WikiLeaks hatte ein Kriegsverbrechen aufgedeckt.

WikiLeaks lehrte Regierungen weltweit das Fürchten

Und dann war da auch ein ganzer Berg an Depeschen aus den US-Botschaften: Mitteilungen der Außenvertretungen der Vereinigten Staaten an die eigene Regierung - mit teils abfälligen Bemerkungen über Staatspräsidenten aus aller Welt. Der "Guardian" hat sie in einem 14-seitigen Aufschlag verbreitet. Auch der "Spiegel" war Teil der Enthüllungswelle, mit einer Titelgeschichte. WikiLeaks machte große Schlagzeilen und lehrte spätestens jetzt Regierungen weltweit das Fürchten.

Julian Assange, der Mann hinter der Plattform, wurde zum Partner von Redaktionen - und Gejagter der USA. Aber was ist er eigentlich - ein Journalist, der nur das Gemeinwohl im Blick hat, oder ein Aktivist, der eine eigene Agenda verfolgt? Diese Frage ist bis heute nicht abschließend beantwortet. Sie steht aber prototypisch für das Spannungsverhältnis, das Whistleblower mit der Öffentlichkeit pflegen.

"Panama Papers": Identität der Quelle bis heute unbekannt

Bei vielen Enthüllungen wissen Redaktionen gar nicht, wer sie mit brisantem Material versorgt. Wer die Gigabytes an Daten an die "Süddeutsche Zeitung" schickte, die in einer weltweiten Kooperation von Medien unter dem Stichwort "Panama Papers" veröffentlicht wurden und das Phänomen der Steuerflucht weltweit in die Diskussion brachten, sei ihnen bis heute unklar; das erklären zumindest die beiden Investigativ-Journalisten der SZ, wann immer sie nach ihrem Informanten gefragt werden. Er sei ihnen gegenüber nur als "John Doe" aufgetreten - ein gängiges Pseudonym in der Szene der Whistleblower.

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Geheime Unterlagen erreichen Redaktionen heute oft digital und: anonym. Das Gespräch mit Whistleblowern bleibt dann aus oder auf einen verschlüsselten Chat begrenzt - knapp und unpersönlich. Welche Motive den Whistleblower treiben, können diejenigen, die von ihm "gefüttert" werden, nur erahnen - und auch, dass die Motive nicht durchweg edel sein müssen. Rache gegen Gegenspieler im eigenen System spielt mitunter eine Rolle. Manchmal ist es aber auch der Versuch, Geld zu verdienen.

Zwei Millionen Euro für Steuer-CDs aus Dubai

Finanzminister kennen das: Whistleblower, die Behörden sogenannte Steuer-CDs anbieten, also Unterlagen aus Banken im Ausland über fragwürdige Konten deutscher Bürgerinnen und Bürger, lassen sich das entlohnen. Zwei Millionen Euro waren gerade etwa Olaf Scholz Daten wert, die aus Dubai stammten - und Millionen Steuerpflichtige betreffen sollen.

Zumindest bei vielen deutschen Medien gilt es allerdings als tabu, Geld für Unterlagen zu bezahlen. Die SZ und auch der "Spiegel" betonen stets, sie zahlten nie für Informationen. Das gelte etwa auch für das "Ibiza-Video", das den früheren österreichischen Vize-Kanzler Heinz-Christian Strache stürzte. Kommen sie dennoch an Daten, so ist wenigstens die Annahme berechtigt, dass der Informant, oder natürlich auch die Informantin, vor allem Öffentlichkeit schaffen wollen. Monetäre Interessen können zumindest unmittelbar keine Rolle spielen.

Julian Assanges Verhältnis zu den Medien

Dennoch dürften Whistleblower immer auch ein konkretes Ziel verfolgen. Wer verstehen will, welches Verhältnis Julian Assange etwa zu den Medienhäusern pflegte, die er vorab mit Enthüllungen versorgte, dem sei ein Blick in den Dokumentarfilm "Page One" empfohlen, der sich vor nunmehr zehn Jahren mit dem Innenleben der "New York Times" beschäftigt hat und für den genau zu jener Zeit ein Kamerateam in der Redaktion unterwegs war, als die Zeitung im großen Stil mit WikiLeaks kooperierte und WikiLeaks dafür auch noch geschäftig genug war.

Eine denkwürdige Szene ist ein Telefonat, das der Journalist Brian Stelter - heute CNN - damals mit Assange zum Video "Collateral Murder" führte. Stelter fragte Assange: Sind Sie eigentlich Journalist? Assange antwortete wie aus der Pistole geschossen: Journalismus sei für ihn nur ein Werkzeug, um sein Ziel zu erreichen. Dieses Ziel sei Gerechtigkeit.

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NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 26.06.2021 | 13:05 Uhr