Pastorin Petra Bahr. © Evangelische Kirche / Patrice Kunte Foto: Patrice Kunte

Corona: Sind Privilegien für Geimpfte und Genesene fair?

Stand: 26.07.2021 16:05 Uhr

Sollen Corona-Geimpfte oder davon Genesene privilegiert behandelt werden? Kanzleramtsminister Helge Braun hat für seinen Vorschlag viel Kritik geerntet. Ein Gespräch mit Petra Bahr, Regionalbischöfin der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers und Mitglied im Deutschen Ethikrat.

Pastorin Petra Bahr. © Evangelische Kirche / Patrice Kunte Foto: Patrice Kunte
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Frau Bahr, hat Helge Braun Recht? Bevorzugte Rückgabe der Freiheitsrechte an Geimpfte und Genesene?

Petra Bahr: Ich würde es anders formulieren. Er hat nicht wirklich erklärt, was er damit meint. Meint er ein Gesetz, das anderenfalls diejenigen, die benachteiligt werden, doch zum Impfen zwingt? Oder meint er so etwas wie eine moralische Pflicht, die daran erinnert, dass die Ungeimpften enorm von den Geimpften profitieren? Diese Perspektive kommt mir immer zu kurz.

Das andere ist, dass wir in dieser Debatte merken, wie sehr individuelle Selbstbestimmung, auch die über den eigenen Körper, an die Einsicht stößt, dass man eine Pandemie dummerweise nicht durch viele Einzelheiten und Individuen bekämpft, sondern durch so etwas wie einen möglichst hohen Gemeinschaftsschutz. Ich glaube aber, dass Drohungen im Moment überhaupt nicht helfen, weil die Gruppe der Nicht-Geimpften ein ziemlich kompliziertes Gebilde ist: Kinder und Jugendliche, die sich gar nicht impfen lassen können; Menschen mit bestimmten Krankheiten, bei denen der Impfschutz allerhöchsten geringer ausfällt; diejenigen, die in den Urlaub gefahren sind, nachdem sie monatelang versucht haben, einen Impftermin zu kriegen; und denen, die aus innerer Überzeugung, oder weil sie irgendeinem Verschwörungsmythos aufsitzen, sich unter keinen Umständen impfen lassen wollen. Das sind sehr unterschiedliche Gruppen, die man unterschiedlich ansprechen muss.

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Den 20- bis 30-Jährigen hat man monatelang gesagt: Ihr kriegt sowieso keinen Impfstoff, stellt euch mal ganz hinten an. Jetzt sagt man denen plötzlich: Bitte lasst euch so schnell wie möglich impfen. Bis man das verstanden hat, braucht es einige Zeit. Deswegen bin ich eher dafür, um diejenigen zu werben, die sich noch nicht impfen lassen wollten, die noch ein paar Aufklärungsgespräche brauchen, die finden, es sei kompliziert, sich eine Impfung zu besorgen, oder die aus sprachlichen oder intellektuellen Gründen noch nicht nachvollzogen haben, dass der Impfschutz erst nach der zweiten Impfung und zwei weiteren Wochen wirkt. Das ist alles ziemlich voraussetzungsvoll.

Wie soll die großer Mehrheit der Menschen, die sich impfen lässt und Solidarität übt, damit umgehen, dass da eine Minderheit sagt: Wir lassen euch im Regen stehen?

Bahr: Indem wir genau das thematisieren. Wir haben uns auf ein sehr amputiertes Freiheitsverständnis eingelassen, das davon ausgeht, dass jeder oder jede jederzeit machen kann, was er oder sie will. Das ist in einer Pandemie ein relativ schlechter Rat. Und in der Tat ist es so, dass sich die, die sich haben impfen lassen jetzt fragen: Wieso bekommt eigentlich die ungeimpfte Minderheit, jedenfalls die, die sehr störrisch und teilweise auch aggressiv gegen das Impfen polemisiert, so viel Aufmerksamkeit? Wieso geht es um deren Rechte?

Nun kann man sagen, dass auch die in unserer Verfassung in ihrer Freiheit geschützt sind. Das heißt aber nicht, dass sie ohne jede Konsequenz auf die gleiche Weise weiterleben können wie die, die geimpft sind. Denn man stelle sich vor, die Zahlen der Infizierten und der heftigeren Krankenfälle, die vermutlich eher unter Ungeimpften stattfinden werden, würde nach oben gehen und man müsste wegen dieser Minderheit in einen Lockdown gehen. Das wäre den Geimpften aus gutem Grund nicht zu erklären, weil die Dimension des Gemeinschaftsschutzes immer mitgedacht werden muss.

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Und das andere ist, dass unsere individuelle Freiheit, etwas zu tun hat mit einer moralischen Verpflichtung zu überlegen: Auf wessen Kosten lebe ich eigentlich meine Freiheit? Wo stößt meine Freiheit an die der anderen? Ein Beispiel wäre die Freiheit einer 30-Jährigen, die sich nicht impfen lassen will, die ansonsten ihr Leben lebt, auch gerne Partys feiert und ihr Freizeitleben überhaupt nicht einschränken will, damit aber indirekt Kindern und Jugendlichen ein weiteres Schuljahr unter erschwerten Bedingungen einbrockt. Nun könnte sie sagen, sie sei alleine nicht dafür verantwortlich, dass Kinder anderer Leute nicht zur Schule gehen können. Aber wenn man das als Gesamtgesellschaft versteht und wenn man sich selbst als Individuum versteht - selbstbestimmt, aber in einem Resonanzraum mit anderen, dann stellt sich die Sache noch mal anders dar. Zumal es auch Menschen gibt, die sich gerne impfen lassen würden, es aber nicht können. Für Kinder gibt es keinen Impfstoff und für Jugendliche nur sehr eingeschränkt, weil die Eltern in die schwierige Lage kommen, mit der Empfehlung der Stiko umgehen zu müssen. Und dann gibt es Menschen, die aufgrund ihrer körperlichen Verfasstheit sich nicht impfen lassen können. Und für die lässt man sich ja immer auch mit impfen.

Wie halten Sie es als Kirchenfrau mit Lockerungen bei Gottesdiensten oder Veranstaltungen?

Bahr: Im Moment ist es so, dass die Gottesdienste allen offen stehen. Das hat auch etwas mit dem Selbstverständnis des Gottesdienstes zu tun. Das kann sich aber ändern. Die Hygienekonzepte sind ja sehr drastisch und insofern exklusiv, als immer nur sehr wenige diese Gottesdienste besuchen können, diese großen Abstände eingehalten werden müssen und die Gottesdienste in den Sommermonaten endlich mal wieder singend begleitet werden können. Wie das im Herbst aussieht, wissen wir nicht.

Aber es gibt ja nicht nur den Gottesdienst, sondern auch eine andere Perspektive. Und die ist mir wirklich wichtig, weil ich auch als Ethikerin finde: Dass wir überhaupt die Möglichkeit haben, uns mit teilweise hochinnovativen Impfstoffen impfen zu lassen, ist wirklich ein Segen. Damit hätten wir noch vor einem Jahr gar nicht rechnen können. Der Albtraum ist in dieser Weise gar nicht eingetreten. Und dass es dieses Angebot überhaupt gibt - und übrigens auch weltweit für alle geben müsste, damit die Pandemie auf Dauer bekämpft werden kann -, empfinde ich mitten in dieser Katastrophe als ein extrem beglückendes Geschenk.

Das Gespräch führte Jürgen Deppe

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NDR Kultur | Journal | 26.07.2021 | 18:00 Uhr

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