Zocken ohne Ende: Wann ist es Computerspielsucht?

Stand: 14.09.2021 17:33 Uhr

Gaming, Soziale Medien, Internet: Nach einer Studie des Hamburger UKE nutzen 700.000 Kinder und Jugendliche in Deutschland Computerspiele riskant oder pathologisch. Sie daddeln, bis der Arzt kommt.

von Edith Beßling / Film: Gesa Berg

Einer, der die Kontrolle übers Spielen komplett verloren hat, ist Lucas. Irgendwann saß der inzwischen 18-Jährige nur noch in seinem abgedunkelten Zimmer vor dem Bildschirm, ernährte sich von Junkfood und Flüssignahrung. Ego-Shooter- und Strategiespiele, Tag und Nacht, zum Essen und Schlafen war keine Zeit mehr. Denn: Lucas konnte das Spiel nicht verlassen, er wollte seine Online-Teamkollegen, mit denen er zusammen spielte, nicht im Stich lassen. Wer aufhört, verliert alles bereits Erreichte, erzählt er.

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Ein Jugendlicher bei einem Computerspiel © dpa Bildfunk Foto: Patrick Pleul

Online-Computersuchthilfe des UKE

Tipps und Hilfen zur problematischen Nutzung von Games und Social Media im Kindes und Jugendalter des DZSKJ. extern

Spielen für ein Glücksgefühl, das immer schwerer zu erreichen ist. Am Ende ging Lucas nicht mehr zur Arbeit, hatte keine Freunde und Hobbys mehr. Seit acht Wochen erholt er sich auf der Jugend-Sucht-Station im Hamburger UKE. Drei Monate bleiben Jugendliche wie Lucas in der Regel hier. Die Patienten finden durch Therapien, Sport und das Erlernen von Instrumenten langsam zurück ins Leben. Am Anfang steht - wie bei allen Süchten - ein kalter Entzug, danach werden sie behutsam an einen normalen Umgang mit Medien gewöhnt.

Das Gehirn junger Menschen ist besonders anfällig für Suchterkrankungen

Aber was ist es, was Jugendliche so fasziniert? Ihr Gehirn ist noch im Wachstum und dadurch besonders anfällig für Verführungen. Da die Impulskontrolle noch nicht vollständig ausgebildet ist, sind Pubertierende Versuchungen wie etwa Computerspielen fast hilflos ausgeliefert.

Durchschnittlich verbringen Kinder und Jugendliche fünf bis sechs Stunden am Tag vor dem Bildschirm, wie die ARD/ZDF-Onlinestudie 2018 zeigt. Während des ersten Lockdowns sind die Medienzeiten noch einmal drastisch gestiegen - um 75 Prozent. Dabei ist Homeschooling nicht mitgerechnet.

Ab wann ist es Sucht?

Sein Kind im Netz zu verlieren: der Horror aller Eltern. Ab wann ist es Sucht? Nicht jeder übermäßige Mediengebrauch hätte gleich Krankheitswert, so Prof. Rainer Thomasius. Es gäbe viele Jugendliche, die über Wochen und Monate ein exzessives Spielverhalten aufwiesen, das sich aber ohne jede Behandlung zurückbilde, weil sie selber einsehen, dass andere Bereiche des Lebens zu kurz kommen. Resiliente Jugendliche können aus eigener Kraft gegensteuern. Jugendliche mit frühen psychischen Problembelastungen, die in einen übermäßigen Mediengebrauch hineinrutschen, nicht. Das viele Daddeln sei meist ein Ventil, im Hintergrund stünden immer auch andere Schwierigkeiten wie heftige Konflikte in der Familie.

Rainer Thomasius © dpa Foto: Angelika Warmuth
Rainer Thomasius sieht vor allem auch die Eltern in der Verantwortung. Er ist Ärztlicher Leiter des Deutschen Zentrums für Suchtfragen am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.

Einen pathologischen Mediengebrauch, das heißt süchtig, sind laut WHO Jugendliche, die die Kontrolle über die Spieldauer verloren haben und bei denen über einen Zeitraum von zwölf Monaten hinweg soziale Kontakte, Hobbys und Verpflichtungen in der Schule daniederliegen. Suchtgefährdet, so Prof. Rainer Thomasius, seien vor allem Jugendliche mit einem geringen Selbstwertgefühl, die sehr schüchtern und in einer isolierten Position sind. In Computerspielen können sie ihre Fantasien und Grandiosität ausleben. Sehr mächtige Avatare kehren die eigene Inkompetenz ins Gegenteil, so dass sich diese Jungen plötzlich stark fühlen. Jungen sind in erster Linie abhängig von Computerspielen, Mädchen von sozialen Foren.

Digitale Medien: Fluch oder Segen für Kinder?

Digitale Medien in Kinderhand: ein Reizthema zwischen Eltern und Kindern. In vielen Familien gibt es Tag für Tag Streit und Diskussionen um die Zeit am Computer, der Xbox, der Playstation, am Handy. Wann ist es zu viel? Hirnforscher Prof. Dr. Manfred Spitzer etwa sagt: "Medien behindern die Gehirnentwicklung bei Kindern und sie machen dumm und süchtig. Wann immer ein Kind Medien nutzt, ist es für das Kind schlecht verbrachte Zeit." Kommunikationsforscher Prof. Dr. Christoph Klimmt dagegen verteufelt Gaming nicht, sondern sieht sogar noch Vorteile für Kinder darin, weil sie beim Computerspielen mit Spaß kognitive Fähigkeiten verbessern würden. Auch erste Kitas in Deutschland setzen auf digitale Bildung. Kinder sollen auf die digitale Welt vorbereitet werden. Sie dürfen sich kreativ ausleben und machen am Ende der Kindergartenzeit ein "Tablet-Diplom".

Medienkompetenz vieler Eltern ist mangelhaft

Computerspiele und soziale Medien: ein Milliardengeschäft, das mit Suchtfaktoren spielt. Prof. Thomasius, ärztlicher Leiter des Suchtbereichs am UKE, klagt, dass die Spiele-Industrie sich aus der Verantwortung ziehe. Felix Falk vom Verband der deutschen Games-Branche sieht aber auch den Staat und die Eltern in der Pflicht. Doch 50 Prozent der Eltern machen ihren Kindern keine zeitlichen Einschränkungen, 33 Prozent beaufsichtigen die Inhalte überhaupt nicht. Der Kinder- und Jugendpsychiater Prof. Thomasius hält das für eine erschreckende Bilanz. Die Medienkompetenz vieler Eltern sei schlecht. Aus pädagogischer Sicht fordert er ein, dass Eltern sich interessieren, dass sie altersgerechte Grenzen setzen und diese immer neu ausjustieren. Ein schrecklich mühsamer Prozess, das wisse er, der aber notwendig sei.

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Screenshot: ins-netz-gehen.de © ins-netz-gehen.de

Selbsttest zu Computerspiel- und Internetsucht

Auf der Seite ins-netz-gehen.de könnt ihr testen, ob ihr gefährdet seid. extern

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Kulturjournal | 20.09.2021 | 22:45 Uhr